Bäume bilden viele Narrative sagt der Kiepenkerl

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Bäume stehen im Zentrum vieler Narrative: In Deutschland wird der Wald als ein lebendiges Beispiel für die Schöpfung gesehen. Unzählige Gedichte und Lieder spiegeln seine Schönheit wider. Zahllos auch die Menschen, die im Wald Ruhe und Erholung, Entspannung und innere Einkehr suchen. Wälder und Pflanzen sind eine „grüne Lunge“, die Sauerstoff liefert – eine unserer Lebensgrundlagen.

Bäume stehen im Zentrum vieler Narrative

Für viele Menschen ist der Wald ein Hort der Ruhe und Entspannung – Foto Pixabay

Oft wird vermutet, dass Bäume Kohlendioxid speichern. Doch Bäume verwenden für den Aufbau von Biomasse aus dem aufgenommenen CO2 lediglich den Kohlenstoff (C) und setzen bei der Photosynthese den Sauerstoff (O2) frei. Durch die Rodung von Urwäldern und die Vernichtung von Holz durch Feuer sowie den Borkenkäferbefall findet aktuell eine bedenkliche Erwärmung des Weltklimas statt, denn Totholz setzt keinen Sauerstoff frei. Vielmehr entsteht durch verbranntes oder vermodertes Holz wieder CO2. Lediglich im Bauholz gebundener Kohlenstoff ist CO2neutral.

Trotz des Baumsterbens sehen wir im umgekehrten sprichwörtlichen Sinn oft vor lauter Wald den einzelnen Baum nicht mehr. Seit geraumer Zeit sinniert der Förster Peter Wohlleben, ein prominenter Verteidiger des Waldes über „Das geheime Leben der Bäume“ und sorgt so für ein neues Bewußtsein im Umgang mit dem Wald und unseren Bäumen.

An der Schwelle zum dritten Jahrtausend gibt es Bäume, die schon zu Zeiten von Christi Geburt alt waren. Sie blühten und trugen bereits Früchte, als der Turm von Babel noch bebaut wurde.

Bäume stehen im Zentrum vieler Narrative

Uralte Eichen flößen dem Betrachter Respekt ein – sie sind Zeugen einer längst vergangenen Zeit – Foto Pixabay

Nach der Paradieserzählung befindet sich der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zusammen mit dem Baum des Lebens mitten im Garten Eden. Für die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies sorgten eine Schlange und ein Holzapfel (Malus sylvestris). Er gehört zur Familie der Rosengewächse. Ein Apfel in der Hand von Christus symbolisiert die Erlösung von der durch den Sündenfall entstandenen Erbsünde. In der Bibel ist zwar nicht vom Apfel die Rede, sondern von einer „Frucht“. Trotzdem sprechen wir vom Adams-Apfel, denn an dieser Halsstelle soll Adam der Abbiss vom Apfel der Erkenntnis stecken geblieben sein.

Bäume stehen im Zentrum vieler Narrative: Von unseren heimischen Bäumen ist keiner so mit Mythen behaftet wie die Eiche. Viele indogermanische Völker verehrten die Eiche. Die Germanen widmeten sie Thor, die Griechen Zeus und die Römer Jupiter. Die Gründe lagen wohl in der majestätischen Gestalt dieses Baums und der ihm zugeschriebenen Eigenschaft, Blitze abzuleiten. Der volkstümliche wie irrtümliche Rat „Eichen sollst du weichen, Buchen sollst du suchen“, dürfte schon unzähligen Menschen den Tod durch Blitzschlag gebracht haben. Tatsächlich sind an Buchen deutlich weniger Gewitterschäden zu beobachten als an Eichen. Allerdings darf daraus nicht geschlossen werden, dass Buchen von Blitzen verschont bleiben. Ihre glatte Rinde leitet das Regenwasser, und mit ihm den Blitz, außen am Stamm ab. Dagegen saugt sich die Rinde der Eiche voll Wasser und wird stärker von der Wucht des Blitzes getroffen – entsprechend auffälliger sind die Schäden an Eichen.

Bäume stehen im Zentrum vieler Narrative

Bäume symbolisieren mit ihrem Wurzelwerk eine Kraft, die mit ihrer Umgebung verbunden ist – Foto Pixabay

Im Zuge der Christianisierung wurden in Germanien zahlreiche Eichen gefällt, die das Volk als Heiligtum verehrte. Damit sollte den Menschen die Machtlosigkeit ihrer heidnischen Götter vor Augen geführt werden. Den Anlass zum Fällen von heiligen Eichen lieferte eine Anordnung der Synode von Nantes durch Papst Vitalan aus dem Jahr 658/659. Da es nicht gelang, die ursprünglichen Bräuche auszurotten, blieben sie zum Teil als heidnische und christliche Symbole erhalten. In die Geschichte eingegangen ist die Fällung einer Eiche im hessischen Geismar, durch den Benediktiner-Missionar Bonifatius, die dem Kriegsgott „Thor“ geweiht war. Der „Apostel der Deutschen“ wurde auf seiner letzten Missionsreise von einer Horde Heiden brutal ermordet. Die letzte Ruhestätte fand er im Dom zu Fulda. Zu Ehren des Missionsbischofs und päpstlichen Legaten für Germanien findet dort jährlich die deutsche katholische Bischofskonferenz statt.

Nach einer alten Bauernregel deuten viele Eicheln auf eine gute Ernte hin. Sie galten auch als Vorboten für einen strengen Winter. Über Jahrhunderte waren Waldfrüchte fürs Vieh eine notwendige Ergänzung zur Acker- und Wiesennahrung. Und die Lohe (Eichenrinde), die in der Haubergswirtschaft gewonnen wurde, war bis in den „Zweite Weltkrieg“ das einzige Mittel, um Leder zu gerben. Heute gehören Eichenstämme zum Wertvollsten, was der Wald liefert.

In germanischer Zeit standen an Thingstätten häufig Linden. Dort fanden Gerichtsverhandlungen über unterschiedliche Straftaten statt. Zum Thing wurde der Angeklagte dreimal geladen. Darauf geht die Redewendung zurück: „Aller guten Dinge sind drei.“ Zu verurteilende Täter machte man zum Verfahren „thingfest“ (dingfest).

Bäume stehen im Zentrum vieler Narrative

Wer im Wald spazieren geht, dem begegnet oft ein großartiges Naturerlebnis – Foto Pixabay

Häufig wurde eine Linde als Baum zur Rast und Besinnung in der Dorfmitte gepflanzt. Dort versammelte sich die Jugend und Erwachsene schätzten es, unter dem schützenden Dach Gespräche zu führen. Unter der Dorflinde gab es auch Trauungen, Versammlungen und Feste. In grauer Vorzeit war es der Ort für den heidnischen Maientanz, zu Ehren von Freya, der Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit. In gewissem Sinne war Freya für die Germanen das, was Venus für die Römer und Aphrodite für die Griechen war.

Wilhelm Müller, der „Griechen-Müller“, schrieb 1822 das Gedicht „Der Lindenbaum“, das durch die Vertonung von Franz Schubert zum Volkslied wurde.

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