Es war einmal in Betlehem

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Diese Familienkrippe mit Wachsfiguren wurde dem Telgter Krippenmuseum von Marianne Keldenich aus Recklinghausen gestiftet; alle Fotos: Herbert F. Gruber

Die Geschichte von der heiligen Nacht wird vom Münsterland bis an die Weser in ganz besonderer Weise gefeiert und gewürdigt. Viele Familien stellen sich zu Weihnachten eine Krippe in die gute Stube oder besuchen eine der traditonsreichen Krippen-Ausstellungen in Werl und Telgte. Auch die Holzbildhauer in der Region haben viel zu tun.

Bei Petra Rentrup in Sankt Vit ist eigentlich das ganze Jahr über Weihnachten, denn kunstvolle Krippenfiguren sind das Spezialgebiet der Holzbildhauermeisterin aus dem kleinen Ort bei Rheda-Wiedenbrück. Freunden der Kirchenkunst ist Sankt Vit durch seine schöne Barockkirche ein Begriff und mancher hat sich schon nach einem Besuch des prächtigen Gotteshauses ins Atelier der Künstlerin nach Rentrup „verirrt“. Rentrup ist eine kleine Bauernschaft inmitten der Feldflur auf dem Weg zum Stromberg, das bekannte Literaturmuseum Haus Nottbeck liegt ganz in der Nähe. Petra Rentrups Eltern waren Landwirte, ihr Vater war ein handwerklich begabter Mann, insbesondere sämtliche Holzarbeiten rund um den Hof erledigte er selber. Da wurde genagelt und gefeilt, gesägt und gebohrt. Schon in ihrer Jugend entdeckte Petra Rentrup so ihre Liebe zum Werkstoff Holz, wenn sie ihrem Vater bei der Arbeit zur Hand ging.

Vom Handwerk zur Kunst

Beim Bemalen ihrer Figuren benötigt Petra Rentrup eine ruhige Hand

Die Holzbildhauererei hat zwischen Rheda und Herzebrock eine lange Tradition und so fiel der Berufswunsch der späteren Holzbildhauerin auf fruchtbaren Boden. Allein in Rheda und Wiedenbrück wurden noch im 19. Jahrhundert bis ins frühe 20. Jahrhundert in über 30 Ateliers Altäre und andere Kirchenkunstwerke geschaffen. „Dieses Kunsthandwerk im Sinne des Historismus wurde als die Wiedenbrücker Schule bekannt“, erklärt Petra Rentrup. Und in der Tat ist es auch heute noch auffällig, dass mit den Werkstätten der Bildhauer Vielstädte und Potthoff, sowie mit Petra Rentrups Atelier noch drei professionelle Krippenmacher in der Gegend tätig sind. Petra Rentrup erlernte die Bildhauerei zunächst bei Pagenkämper in Langenberg wo sie als Gesellin abschloss. Später fertigte sie Ornamente für eine Möbelmanufaktur in Ibbenbüren und erwarb schließlich in der Meisterschule in Empfertshausen in Thüringen ihren Titel. Gemeinsame Jahre und eine gute Freundschaft verbinden sie mit der Herzebrocker Bildhauerei Potthoff. „Wir kennen hier untereinander keine Konkurrenz“, sagt Petra Rentrup: „Unsere Arbeitsweisen und Darstellungen sind recht unterschiedlich und decken die verschiedensten Vorlieben und Stile ab.“ Das typische Holz, aus dem Krippen geschnitzt werden, ist das der Linde. Jener Baum, der an so vielen Kirchen steht und den Hildegard von Bingen schon in ihrer Klostermedizin würdigte, liefert das „Lignum Sanktum“ – das heilige Holz für Ikonen, Krippenfiguren und Altäre. Das Holz ist weich und lässt sich hervorragend bearbeiten, vor allem verzieht es sich im getrockneten Zustand kaum noch. Eine Besonderheit unter westfälischen Krippenschnitzern ist es, für die Figuren auch Eichenholz zu verwenden.

Keinen Platz in der Herberge finden Maria und Josef in dieser Krippe aus der “Galerie am Turm” in Büren

Dieses harte und zähe Material zu bearbeiten erfordert jedoch Geduld! Eichenholzfiguren sind deshalb ein wenig teurer als Lindenholzfiguren. Bleiben sie naturbelassen ohne Bemalung, zeigen sie ihre besondere, schöne Maserung. Rund 300 bis 500 Euro kostet ein Ensemble der heiligen Familie in der Figurengröße von 20 Zentimeter. „Meine Figuren sind handgeschnitzt“, erklärt die Bildhauerin und macht damit den Unterschied zu „holzgeschnitzten“ Figuren klar, die aus Manufakturen stammen und maschinell gefertigt werden. Diese sind dann schon aufgrund größerer Stückzahlen günstiger. Auch in der Bildhauerei werden zu den ersten Arbeitsschritten Maschinen hinzugezogen: „Anders wäre das für die Kunden gar nicht mehr erschwinglich“, klärt Patra Rentrup auf. So gibt es in ihrer Werkstatt auch eine Bandsäge, sogar große Skulpturen mit Motorsägen hat die Rheda-Wiedenbrückerin schon gefertigt. „Manche Krippen wachsen mit den Familien, zu denen sie kommen“, freut sich die Bildhauerin: „Alle Jahre wieder kommen einige Kunden und suchen sich neue Figuren aus. Zur heiligen Familie kommen Schafe und Schäfer, später stellt man die heiligen drei Könige, Ochs und Esel dazu.“ Oft ist es dann schon vorgekommen, dass in dieser Zeit auch die Familie selbst gewachsen ist. Kam zunächst eine Familie mit Kleinkind, will einige Jahre später eine Kinderschar mit mehreren Geschwistern bei der Auswahl der Krippenfiguren mitreden. „Kinder wollen meistens bemalte Figuren!“ stellt Petra Rentrup fest und so gibt es neben wunderschönen Holzmaserungen auch jede Menge Buntes in ihrem Atelier.

Bürgerliche Familientradition

Szene mit Figuren aus aus eichenen Vierkanthölzern und Tonköpfen von Alex Fuhrmann; Krippenmuseum Telgte 2010

Die Geschichte von der heiligen Nacht mit Figuren darzustellen, geht vermutlich auf den Jesuitenorden zurück. Im 16. Jahrhundert galt es, einer großen Zahl von Menschen die frohe Botschaft zu verkünden, die weder lesen noch schreiben konnten. Die ersten westfälischen Krippen sind aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts erhalten geblieben. Im weiten Umland gibt es wohl kaum einen Ort, an dem man über Krippen und ihre Traditionen so viel erfährt wie im Westfälischen Museum für religiöse Kultur in Telgte. Das Museum ist vielen Krippenfreunden besser unter dem Namen „Heimathaus Münsterland“ bekannt. Nach einer umfangreichen Neukonzeptionierung und einem Umbau des Museums entschloss man sich in diesem Jahr zu einer Umbenennung. Die alljährliche, große Krippenausstellung ist nun in diesem Jahr gleichzeitig der Start in eine neue Museums-Aera. Krippen sind in Westfalen ein Ausdruck der Volksfrömmigkeit. Die offiziellen Würdenträger der Kirchen fremdelten lange mit diesem Brauchtum ihrer Gläubigen. Mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert wurden die bis dahin etablierten Kirchenkrippen sogar verboten. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hatte es die Bevölkerung aber wieder durchgesetzt, dass der Brauch erneut in die Gotteshäuser einzog. Aus den Wohnstuben war die figürliche Darstellung des Geschehens um die heilige Nacht ohnehin nicht zu verdrängen.

Weltweites Brauchtum

Krippe mit bemalten Figuren von Petra Rentrup

Inzwischen ist die Weihnachtskrippe in allen Kontinenten der Erde verbreitet. In Werl hat der Franziskanerpater Bernhard Krippen aus aller Welt im Rahmen seiner Missionstätigkeiten zusammengetragen. Die Krippen sind alle Jahre wieder im Völkerkundemuseum „Forum der Völker“ in Werl ausgestellt.
Zwischen den Adventstagen und dem Drei-Königs-Fest bietet das Westfalenland mit schönen und teils beeindruckend großen Krippenausstellungen tolle Ausflugsziele. Neben den Museen in Telgte und Werl locken die Krippenwege in Sundern und Bad Driburg zu einem Bummel durch die Städte mit ihren Kirchen und Einrichtungen. In Bad Lippspringe treten Kinder zu einem Krippen-Bastel-Wettbewerb an. Die Ergebnisse werden dann in der historischen Kaiser-Karls- Trinkhalle an der Lippequelle ausgestellt und die kleinen Erbauer der schönsten Krippe erhalten einen Preis aus den Händen des Bürgermeisters. Vielleicht wird aus einem dieser kleinen Krippenbastler eines Tages ein Nachfolger für Petra Rentrup und ihre Kollegen, damit diese liebenswerte Tradtion in Westfalen nicht ausstirbt.

 


 

 


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