Totentanz in der Gummizelle

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Recklinghausen – “Klotz am Bein” ist eine Gesellschaftkomödie von Georges Feydeau (Un fil à la Patte) aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Feydeau hatte sein Stück bereits turbulent im Stil des Vaudeville Theaters angelegt. Am 24. Mai feierte die Farce in einer modernen Inszenierung von Roger Vontobel bei den Ruhrfestspielen ihre Premiere. “Klotz am Bein” ist eine Koproduktion des Schauspielhauses Frankfurt mit den Ruhrfestspielen. Das Stück hat am 31. Mai in Frankfurt seine Premiere.

“Klotz am Bein” von Georges Feydeau in einer Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen. Regie: Roger Vontobel, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Ellen Hofmann.

Verrückter kann ein Stück kaum mehr aufgeführt werden. Das Attribut “unkonventionell” beschreibt die Inszenierung von Vontobel nur unzureichend, denn er setzt dem Stück noch eins drauf; schrill, comic-haft und überaus bunt, voller Wortwitz und Situationskomik, überkandidelt und dabei saukomisch kommt sie daher. Neben den virtuosen Auftritten des spielfreudigen Ensembles – jeder spielt seine Rolle mit diebischer Freude und zugleich großer Perfektion – nutzt er eine grandioses, minimalistisches Bühnenbild, witzige Soundeffekte, die punktgenau live eingespielt werden und atemberaubende Kostüme voller Fantasie.

“Klotz am Bein” mit: Claude De Demo (Lucette Gautier, Variété-Sängerin), Anna Kubin (Marceline, ihre Schwester), Altine Emini (Nini Galant, eine Freundin), Katharina Linder (Baronin Duverger), Friederike Ott (Viviane, ihre Tochter), Max Mayer (Fernand de Bois d’Enghien), Sebastian Reiss (Monsieur de Cheneviette, Lucettes Ex-Ehemann), Matthias Redlhammer (Bouzin, Assistent bei einem Notar), Peter Schröder (Monsieur de Fontanet), Heiko Raulin (General Irrigua), Stefan Graf (Firmin, Bediensteter bei Lucette / Emile, Bediensteter der Baronin)

Das Publikum in Recklinghausen brauchte allerdings mehr als ein Viertelstündchen, um sich aus der anfänglichen Schockstarre zu lösen und auf das schrille, boulevardeske Spiel einzulassen, zumal das aberwitzige Lügengerüst, die irrwitzige Verwechslungen, Verstrickungen und Intrigen nicht klassisch auf einer Boulevardbühne mit lautem Türenschlagen und krachenden Auftritten inszeniert waren, sondern in einem fiktiven Raum stattfinden. Die Heiterkeit und der Genuss nahmen aber von Minute zu Minute hörbar zu.

“Klotz am Bein” von Georges Feydeau – Fotos:  Thomas Aurin/Ruhrfestspiele Recklinghausen

Ferdinand Bois-d’Enghien, ein schmieriger Lebemann und dreister Emporkömmling, sucht eine reiche Frau zum Heiraten. Damit wäre er aus dem Gröbsten raus. Der Nichtsnutz ist nämlich bankrott. Dabei hat er bereits ein amouröses Verhältnis mit der Sängerin Lucette Gautier, das er spätestens einen Abend bevor er seinen Ehevertrag mit Viviane, Tochter der geschickt taktierenden Baronin Duverger, unterschreiben kann, beenden müsste. Doch Ferdinand findet nicht den richtigen Zeitpunkt, um seine Affäre zu beenden. Anstatt Lucette zu verlassen, verstrickt er sich immer tiefer in ein Netz aus Lügen, Missverständnissen und Ausflüchten. Parallel zickt Tocher Viviane herum, sie will sich mit keinem Langweiler verbinden. Sie will nur einen Mann heiraten, der eine Vergangenheit als Frauenheld hat, damit sie diesen am Ende stolz als ihre Jagdtrophäe und ihren Besitz vorstellen kann. In ihren Augen taugt ein Mann nur, den alle Frauen wollen.

Und dann ist da noch General Irrigua, der ganz klassisch von übermäßigem Testosteron gesteuert um die Sängerin buhlt und Ferdinand, seinem vermeintlichen Gegenspieler, nach dem Leben trachtet. Jeder seiner Auftritte wird zu einem Sturm, der alles durcheinander wirbelt.

Als Running Gag funktioniert Monsieur de Fontanet, der wo immer er erscheint mit seinem unerträglichen, atemberaubenden Mundgeruch jeden der Mitspieler förmlich in die Knie zwingt.

Bühnenbildner Olaf Altmann hat für die Inszenierung den Bühnenraum nur nach drei Seiten hin durch ein dicht gespanntes Netz elastischer Strippen begrenzt, die vom Schnürboden bis zu den Brettern der Bühnen reichen und eine Art Gummizelle bilden. Die Schauspieler müssen durch den transparenten Vorhand treten, indem sie ihn kraftvoll auseinander ziehen und wer gegen diese „Seile“ fliegt, wird von den Wänden zurückkatapultiert – wie in einer Gummizelle halt. Der Bühnenraum dient je nach Szene als Salon und Boudoir, als Beletage oder Esszimmer.

Die Schauspieler tragen prallbunte Kleider, die ihre Sehnsüchte in farbenfrohe Muster übersetzen – bis hin zu einer Anspielung an das mexikanische Totenfest. Ellen Hoffmann hat hier ganze Arbeit geleistet. Die Darsteller spielen mit vollem Körpereinsatz als folgten sie einer millimetergenauen Choreographie, in der jede Geste, jeder Schritt und jeder Knicks genau festgelegt sind. Sie haben etwas von mechanischen Puppen, die gestenreich auf- und wieder abtreten, springen, hüpfen, fallen und dabei wundervoll grimassieren.

Am Ende steht Ferdinand ganz bloß und nackt auf der Bühne. Nichts ist ihm geblieben. Er scheint auf ganzer Linie gescheitert. Da entdeckt Viviane in ihm den ersehnten Mann mit Vergangenheit und macht ihn zum Objekt ihrer Begierde. Noch während das Licht verlöscht, greift sie sich ihn von hinten, umfängt seinen Körper und möchte sich sein liebstes Teil wie und wohin auch immer einzuverleiben. Ein aberwitziger Theaterabend mit langem Nachhall geht zu Ende. (Jörg Bockow)


 

 


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