Ruhrtriennale: Hast Du Töne?!

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Elfriede Jelinek ist auf den Hund gekommen. So scheint es jedenfalls. Cheeky, dem kleinen Jack-Russell-Terrier, gehört in „Kein Licht“ der erste große Auftritt. Die Hündin jault, knurrt und bellt auf die kaum sichtbaren Zeichen ihrer Trainerin hin mit dem Solotrompeter um die Wette und sorgt im Publikum erst einmal für gute Stimmung. Schade, dass einem gleich drauf das Lachen im Halse stecken bleibt. Denn die Absurditäten nehmen ihren Lauf. Inmitten der Katastrophen, um die es in dem exzentrischen Musiktheaterstück „Kein Licht“ nach Texten von Elfriede Jelinek geht, sorgt man sich darum, dass der Hund noch gefüttert werden muss.

„Kein Licht“ nach Texten von Elfriede Jelinek mit Hund Cheeky und Mezzosopran Olivia Vermeulen – Foto: Caroline Seidel/ Ruhrtriennale 2017

Während das Leben im Chaos versinkt und förmlich untergeht, rettet man sich in Banalitäten. Der Hund muss noch gefüttert werden, die Blumen gegossen. Radioaktiv verseuchtes Wasser sprudelt ungebremst auf die Bühne. „Da muss etwas in großer Menge austreten gehen, aber wir merken nicht, wohin es sein Wasser abschlägt.“ Es werden noch rasch ein paar Selfies geschossen als befände man sich mitten in einem Abenteuerurlaub. Die radioaktive Brühe leuchtet giftgrün und fluoreszierend in mehreren Tanks bis die Ventile bersten und sich vor unseren Augen auf die Bühne ergießen. Einer dieser Tanks schwebt wie das Damoklesschwert über der Bühne. „Auf irgendwas läuft es immer hinaus, findet aber den Ausgang nicht mehr. Irgendwo läuft es aus“, stellt Caroline Peters lakonisch fest während sie und ihr Gegenpart, Niels Bormann, bereits in Gummistiefeln durch das geflutete Reaktorbecken stapfen.

Ruhrtriennale zeigt das Thinkspiel „Kein Licht“ in der Gebläsehalle im Landschaftspark Duisburg Nord mit den Schauspielern Caroline Peters und Niels Bormann – Foto: Caroline Seidel/ Ruhrtriennale 2017

Es ist geschehen, was niemals hätte geschehen dürfen. Die Reaktorkatastrophe von Fukushima hat jede Wahrscheinlichkeitsrechnung ad absurdum geführt – ganz so wie schon 1986 die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. „Die Natur müsste auch nicht immer so übertrieben reagieren, finde ich, also die ist schon auch selber schuld, das kann ich ihr nicht abnehmen“, entrüstet sich Darstellerin Caroline Peters in ihrer Rolle als Elementarteilchen.

Der Super-Gau ist eingetreten. Radioaktive Strahlung entweicht unkontrolliert und unaufhaltsam in die Atmosphäre. Die Folgen sind noch nicht abzusehen. „Dass es so gekommen ist, tut uns furchtbar leid, aber wir können nichts dafür. Wir werden uns überlegen, wie wir die Verletzten, die einander um Autogramme niedergetrampelt haben, versöhnen können, mit sich selbst und mit uns. Wie wir sie trösten können.“ Die Nuklearkatastrophe ist der Anfang vom Ende. Und niemand trägt die Schuld. Was haben wir daraus gelernt? Nicht viel. Der Strom kommt weiter aus der Steckdose. Der Energiehunger ist ungebrochen. „Wir kochen unser Essen“ wie eh und je. Dafür „füttern wir unseren Herd“ mit Energie – mit Strom natürlich.

Mitten in der Reaktorkatastrophe macht Caroline Peters in der Rolle des A noch schnell ein Selfie – Foto: Caroline Seidel/ Ruhrtriennale 2017

„Wir schaffen das – wir lassen das.“ Das klingt verdächtig nach unserer Bundeskanzlerin. Mit leisem Hohn. Zwar hat die Bundesrepublik im Angesicht von Fukushima den Atomausstieg beschlossen, aber den Strom beziehen wir weiter aus den umstrittenen Kraftwerken, die mit dreckiger Braunkohle beschickt werden – oder ohne, dass wir uns darüber ernsthaft entrüsten, aus den Atommeilern unserer Nachbarn. Rund um Aachen werden derweil vorsichtshalber Jodtabletten an die Bevölkerung verteilt, schließlich könnte der kaum 60 Kilometer weit entfernte Reaktor des AKW Tihange eines Tages doch einmal bersten.

Das Szenario von „Kein Licht“ könnte bedrückender kaum sein. Es ist angerichtet aus Versatzstücken der Wirklichkeit, die Elfriede Jelinek mit ihrer unnachahmlichen Sprachgewalt in ihren assoziativen, bitter-bösen Sprachspielen zusammenbringt. Endzeitstimmung. Die Katastrophe ist eingetreten. Am Ende müssen wir sogar unseren Planeten verlassen, weil er unbewohnbar geworden ist. Gut, dass das einstweilen nur ein düsterer Blick in die Zukunft ist. Aber der Teufel oder besser die Teufel sind bereits an die Wand gemalt. Mit Virtual Reality werden sie live im letzten Teil der Oper per Videobeamer eingespielt. Darunter selbstverständlich Donald Trump und auch Kim Jong-un.

Von glitzernden Seifenblasen umgeben: Die Sänger Christina Daletska, Olivia Vermeulen, Lionel Peintre und Sarah Sun – Foto: Caroline Seidel/ Ruhrtriennale 2017

Am Ende des Theaterabends verlässt man als Zuschauer durch wilde Assoziationen und verrückt überdrehte Bilder einigermaßen durcheinander gewirbelt die Gebläsehalle des Landschaftsparks Duisburg-Nord. Lichter blinken und blitzen rundum. Das Industriegelände ist bunt illuminiert und wie ein futuristischer Zauberwald inszeniert. Für einen Moment ist es so, also ob das Stück in der Wirklichkeit angekommen ist. Oder ist es doch nur der allgegenwärtige Widerspruch, dass wir um alles wissen, aber am Ende doch nichts ändern – können oder wollen. Auch bei „Kein Licht“ werden die Lichter nur für einige Momente gelöscht – ansonsten wird der Appell an unser Gewissen mit einem ungeheuren Energieaufwand inszeniert. „Das gehört zu den Widersprüchen unserer Zeit“, entschuldigt sich vorsorglich der Dramaturg. Er ahnt den Einspruch bereits voraus. Die Lautsprecher surren, die Pumpen brummen, die Videoprojektionen flimmern und die Szenerie ist in gleißendes Scheinwerferlicht gehüllt.

Für Elfriede Jelinek sind Fukushima und nicht zuletzt Donald Trumps Ausstieg aus dem Klimavertrag Anlässe für eine überaus zornige und vielschichtige Vorlage. „Kein Licht (2011/2012/2017)“ ist ein bizarres, kunterbuntes und mitunter auch klamaukiges Musiktheaterstück, dass Nicolas Stemann, einer der prägendsten Theaterregisseure Europas und Jelinek-Spezialist und der französische Avantgarde-Komponist Philippe Manoury aus den Textvorlagen für die diesjährige Ruhrtriennale angerichtet haben.

in der neuartigen Oper „Kein Licht“  wird der Teufel an die Wand „gemalt“ hier mit Mezzosopran Olivia Vermeulen – Foto: Caroline Seidel/ Ruhrtriennale 2017

Die überkandidelte Inszenierung ist bis kurz vor der Uraufführung permanent weiter entwickelt worden. Die Versatzstücke des Textes und die 31 Musikmodule erlauben spontane Veränderungen. Kein Abend muss identisch sein mit dem vorherigen. Manoury greift ein. Improvisation ist angesagt.

Zwei Elementarteilchen irren durch den Raum. Zwei Elementarteilchen? Vielleicht sind es auch ein Musiker und eine Musikerin: die erste und die zweite Geige. Ein absurdes Szenario. Die Stimmen A und B, Caroline Peters und Niels Bormann, sprechen zueinander, doch hören können sie sich nicht. Und ob das Publikum hören kann ist auch noch fraglich. Anklagend richtet sich Caroline Peters als A an das Publikum: „Alle, die auf ihren Ohren sitzen, mögen jetzt aufstehen bitte, für eine Überschlagrechnung! Jetzt ist der Zeitpunkt, die Töne auch aus dem Kopf zu vertreiben. Das wäre gut. Die Töne mögen jetzt ihre Häuser verlassen, weil wir sonst für ihre Nahrung und Sicherheit nicht mehr garantieren können. Niemand wollte hören, jetzt müssen sie.“ Die Drohung bleibt im Raum stehen. Sie hallt über die ganze Inszenierung nach.

Ohne dass auch nur einmal die Worte Fukushima oder Atomkraft fallen, zeigt „Kein Licht. (2011/2012/2017)“ eine Geisterwelt nach dem Super-GAU. Der Zuschauer erlebt ein großes, furioses Lamento, das mit unserem Glauben an die Beherrschbarkeit der Technik abrechnet, in dem die Schreie der Opfer der Katastrophe gespenstisch widerhallen – und in dem sich aktuell noch eine weitere Stimme Gehör zornige verschafft: Die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hat ihren Stücktext aus dem Jahr 2011 mehrfach weitergeschrieben.

Im Jahr 2017 verfasste Jelinek einen weiteren Zusatztext exklusiv für die Aufführung: „Der Einzige, sein Eigentum (Hello darkness, my old friend)“ behandelt, inspiriert von der Kehrtwende der neuen US-Regierung bei Umwelt- und Klimaschutz, wie US-Präsident Donald Trump als „Der König“ mit dem Weltklima und mit Atomenergie spielt, ohne Vorbild, ohne Maß und ganz ohne Verstand.

Der Text wird bei der Ruhrtriennale zum Libretto einer musikalischen Welturaufführung. Der Franzose Philippe Manoury hat ein neues Musiktheaterwerk für Schauspieler, Sänger und ein  Musikensemble (United Instruments of Lucilin) komponiert. Entstanden ist ein neuartiges Musiktheater, das mit viel Technik, Schnickschnack und schrillen Performances daher kommt. Dabei gehen die ausgezeichneten Sängerinnen und Sänger – Christina Daletska (Alt), Lionel Peintre (Bariton), Sarah Sun (Sopran) und Olivia Vermeulen (Mezzosopran) – und auch das brillante Orchester, die United Instruments of Lucilin, mitunter förmlich zwischen glitzernden Wasserbällen und einer ausgelassenen Wasserschlacht unter.

Das Besondere: Auch die Musik selber wird zu einem unkontrollierbaren Element. Manoury hat mit Regisseur Nicolas Stemann eine neue Form erarbeitet, in der vorkomponierte orchestrale und elektronische Partitur-Module kombiniert werden mit Live-Elektronik, die in die Modulation der Sängerinnen und Schauspieler eingreift – in Echtzeit. Musik wird versprachlicht und Sprache musikalisiert. Das Konzept funktioniert und kommt beim Publikum großartig an. Am Ende taumelt man ebenso gut unterhalten wie geistig herausgefordert aus der Halle. Die Eindrücke hallen lange noch nach. Sehenswert! (Jörg Bockow)

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