Schiffshebewerk Henrichenburg: Reif für die Insel

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Waltrop – Urlaub ist die kleine Flucht aus dem Alltag. Und nirgendwo kann man die arbeitsfreien Wochen schöner verbringen als auf einer Insel. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) stellt in der neuen Sonderausstellung „Reif für die Insel“ seit dem 26. Mai in seinem Industriemuseum Schiffshebewerk Henrichenburg in Waltrop (Kreis Recklinghausen) die drei Ferienparadiese Sylt, Hiddensee und Mallorca vor.

Museumsleiter Dr. Arnulf Siebeneicker (r.) und Volontär Mathias Wagener in der Ausstellung "Reif für die Insel".- Foto: LWL/Hudemann

Museumsleiter Dr. Arnulf Siebeneicker (r.) und Volontär Mathias Wagener in der Ausstellung „Reif für die Insel“.- Foto: LWL/Hudemann

Jede dieser Inseln verkörpert ein bestimmtes Klischee: die Insel der Schönen und Reichen in der Nordsee, die Insel der Einzelgänger und Naturliebhaber in der Ostsee, die Insel der Massen und der Stars im Mittelmeer. Die Wirklichkeit ist vielschichtiger. Mit 500 Exponaten – Plakaten, Postkarten, Souvenirs, Bademode, Gemälden und Fotografien – zeigt die Ausstellung, wie sich der Tourismus an den verschiedenen Orten entwickelt hat. Das Spektrum der Exponate reicht vom 100 Jahre alten, mit Rüschen besetzten Badeanzug für Damen bis zur Jukebox mit Strandhits, vom Westerland-Bass eines Mitglieds der Rockband „Die Ärzte“ bis zum Original-Inventar eines kompletten Gästezimmers aus Hiddensee, von Bällen aus den Sylter Golfclubs bis zum Sangria-Eimer vom Ballermann. Video-Interviews mit Insulanern, die ganz persönliche Geschichten erzählen, bereichern die Präsentation.

Leuchtturm auf Hiddensee. Foto: LWL/Hudemann

Leuchtturm auf Hiddensee.
Foto: LWL/Hudemann

„Die Ausstellung zeigt auf sehr erfrischende und kompakte Weise, wie die Deutschen Urlaub machten und machen: vom Kaiserreich bis heute, in West und Ost, im Inland und im Ausland. Ein tolles Thema, das Spaß macht und nicht nur durch den Bezug zum Wasser wunderbar an diesen Ort passt“, erklärte LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Thale.

Tatsächlich steckt in der Geschichte des Tourismus mehr als Sonne, Sand und Meer. „Urlaub ist die Kehrseite der Arbeitswelt und immer auch ein Spiegel der Gesellschaft. Veränderungen machen sich immer auf beiden Seiten bemerkbar“, erklärt LWL-Museumsleiter und Ausstellungsmacher Dr. Arnulf Siebeneicker. Drei Leitfragen haben die Konzeption bestimmt: Wie wurden die Inseln entdeckt? Wer fuhr und fährt aus welchen Gründen dorthin? Welche Folgen hat der Tourismus für die Zielorte? Rund um drei große Inselreliefs zeigt die Ausstellung Antworten auf diese Fragen.

Sylt
Westerland darf sich seit 1855 „Seebad“ nennen – zu diesem Zeitpunkt stand Sylt noch unter dänischer Hoheit. Bald entstanden die ersten Hotels, gefolgt von Kurhaus, Promenade und Lesehalle. Am Strand gab es ein Herren- und ein Damenbad. Ab 1902 durften sich dann im Familienbad – dem ersten in Preußen – die Geschlechter mischen. Sylt stieg zur „Königin der Nordsee“ auf, mit Modeschauen, Hunderennen und Tanzabenden. Seit 1927 verbindet der als technische Meisterleistung gefeierte Hindenburgdamm Sylt mit dem Festland.

Sylt-Prospekt von 1937 des Landesfremdenverkehrsverbandes Nordmark, Sammlung Dittmar. Foto: LWL

Sylt-Prospekt von 1937 des Landesfremdenverkehrsverbandes Nordmark, Sammlung Dittmar. Foto: LWL

Nach dem Krieg entwickelte sich die Insel zum Treffpunkt der Eliten aus Wirtschaft und Medien. Gunter Sachs, Axel Springer und Berthold Beitz gehörten zu den Stammgästen. Sylt ist außerdem die Geburtsstätte des Surfens in Deutschland – die ersten Wellenreiter waren die Rettungsschwimmer von Westerland. Nicht umsonst trägt das Nordsee-Eiland den Titel „Marke des Jahrhunderts“. Auch wer noch nicht da war, kennt die Insel-Silhouette: der Autoaufkleber ist der meist verkaufte in Deutschland. „Das VIP-Image ist bis heute geblieben, auch wenn der eigentliche Reiz der Insel ihre grandiose, von den Naturgewalten stets bedrohte Strand- und Dünenlandschaft ist“, erklärt Mathias Wagener, wissenschaftlicher Volontär im LWL-Industriemuseum und Kurator der Ausstellung.

Bayern am Ballermann, 2015 / Trinkrunde am "Balneario 9", Playa de Palma, 2015. Fotos: LWL/Brigitte Kraemer

Bayern am Ballermann, 2015 / Trinkrunde am „Balneario 9“, Playa de Palma, 2015.
Foto: LWL/Brigitte Kraemer

Hiddensee
Auf Hiddensee geht es ungezwungener zu – der fahrbare Untersatz taugt auf der autofreien Insel nicht als Statussymbol. In der Weimarer Republik war die Insel der „Balkon von Berlin“. Gerhart Hauptmann und Asta Nielsen besaßen hier Sommerhäuser; Thomas Mann, Albert Einstein, Joachim Ringelnatz und Heinrich George suchten Erholung. In der DDR galt Hiddensee als das begehrteste Reiseziel des Landes. Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund kontrollierte die Zuteilung fast aller freien Betten auf der Insel. „Die Hiddenseer durften einige Zimmer direkt an Privatgäste vermieten. Sie vergaben jeden Winkel in Scheune, Stall und Stiege an Schwarzschläfer“, so Arnulf Siebeneicker. Für die Ausstellung hat er das Original-Inventar eines Gästezimmers aus den 1920er Jahren nach Waltrop geholt, das bis heute ununterbrochen benutzt wird. Unter den Saisonkräften, die die Hotels und Restaurants am Laufen hielten, waren viele Aussteiger mit geknickten Biographien. Einige Gäste versuchten, nach Dänemark zu fliehen – für sie war Hiddensee der Start zu einer ganz besonderen Reise.

Mallorca
Ab 1900 etablierte sich Mallorca mit der Kathedrale von Palma als Kulturreiseziel, während sich erst später auch der Strandurlaub entwickelte. In den 1930er Jahren bildete sich eine Kolonie von Deutschen, von denen einige Zuflucht vor Hitler suchten. Spätestens als der Düsenjet Ende der 1960er Jahre das Propellerflugzeug ablöste, setzte sich Mallorca als erschwinglicher Urlaubsort mit Sonnengarantie bei den Deutschen durch. Heute stellen sie 40 Prozent der 9,7 Millionen Touristen. Hatten die ersten Pauschaltouristen noch mit Hut und Krawatte im Flieger gesessen, fuhren bald die „Ballermänner“ mit einheitlichen Motto-T-Shirts los, um ordentlich „die Sau ‘raus zu lassen“. Für das Ausstellungsprojekt hat das LWL-Industriemuseum die Ruhrgebietsfotografin Brigitte Kraemer zur Partymeile von S’Arenal geschickt. Die Bilder, die sie am Strand und in den Kneipen gemacht hat, sehen Besucher zunächst im Obergeschoss des Hafengebäudes. Im Herbst zieht die Fotoausstellung dann in das Ausstellungsschiff „Ostara“ im Oberwaser.

Zu jeder Insel präsentiert das Industriemuseum Bademode aus verschiedenen Zeiten. Hier das Beispiel für Mallorca. Foto: LWL/Hudemann

Zu jeder Insel präsentiert das Industriemuseum Bademode aus verschiedenen Zeiten. Hier das Beispiel für Mallorca. Foto: LWL/Hudemann

Überfüllte Strände mit maroden Bettenburgen verschlechterten in den 1990er Jahren den Ruf der Insel. „Diesen Trend hat Mallorca gestoppt, indem es neben dem Strand auch die Berge, den Sport und die Kultur hervorhebt“, erklärt Siebeneicker.

Katalog
Zur Ausstellung ist im Klartext Verlag ein umfangreiches, reich bebildertes Begleitbuch mit Aufsätzen von 25 Autoren erschienen: Reif für die Insel – Tourismus auf Sylt, Hiddensee und Mallorca, Hg. LWL-Industriemuseum, Arnulf Siebeneicker und Mathias Wagener, 455 Seiten, Essen 2016, ISBN 978-3-8375-1668-5, Preis: 19,95 Euro.

Außerdem gibt das LWL-Industriemuseum den Modellbaubogen „Leuchttürme auf Sylt, Hiddensee und Mallorcas“ mit den Leuchttürmen List-Ost, Dornbusch und Cap de Formentor zum Preis von 3,90 Euro heraus.

Reif für die Insel – Tourismus auf Sylt, Hiddensee und Mallorca
25.5.2016-19.3.2017
LWL-Industriemuseum Schiffshebewerk Henrichenburg
Geöffnet Di-So 10-18 Uhr

LWL- Industriemuseum Schiffshebewerk Henrichenburg / Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur
Am Hebewerk 26  / 45731 Waltrop

www.lwl-industriemuseum.de

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