Turbulente Komödie zum Festivalstart

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Recklinghausen – Die diesjährigen Ruhrfestspiele in Recklinghausen sind mit einer im wahrsten Sinne „überdrehten“ Komödie gestartet. In einer Co-Produktion mit dem altehrwürdigen Wiener Burgtheater wurde „Der Diener zweier Herren“ gegeben, in der die Drehbühne neben den grandios agierenden Schauspielern für zusätzlichen Schwung sorgte. Das Stück ist ein Theaterschmankerl, gerade passend zum 70. Geburtstag der Ruhrfestspiele.

Bild v.l.n.r: Markus Meyer, Peter Simonischek Foto: Reinhard Werner

v.l.n.r: Markus Meyer, Peter Simonischek – Fotos: Reinhard Werner /Burgtheater

„Der Diener zweier Herren“ stammt ursprünglich aus der Feder von Carlo Goldini, der im Venedig des 17. Jahrhunderts einer der fleissigsten Autoren für die damals beliebte commedia dell‘ arte war. Rund 100 Stücke gehen auf sein Konto, in denen der Autor vorzugsweise die bessere Gesellschaft in Venedig mit durchaus deftiger Sprache aufs Korn genommen hat.

v.l.n.r: Andrea Wenzl (Beatrice), Markus Meyer (Truffaldino), Peter Simonischek (Pantalone de´Bisognosi) Foto: Reinhard Werner / Burgtheate

Im Eifer des Gefechtes landet die Suppe auf dem feinen Anzug des Kaufmanns – v.l.n.r: Andrea Wenzl (Beatrice), Markus Meyer (Truffaldino), Peter Simonischek (Pantalone de´Bisognosi)

Die neue Fassung, die jetzt in Recklinghausen als Eröffnungsstück des Theaterfestivals über die Bühne ging und in wenigen Tagen auch in Wien Premiere feiern wird, stammt von niemand geringerem als Jürgen Flimm, der zusammen mit Marina Wandruszka das Stück aktualisiert hat. Allerdings sind die teilweise beissenden und spöttischen Kritiken an der Gesellschaft in einer turbulenten, irrwitzigen Verwechslungskomödie aufgegangen, die man in ähnlicher Manier auch im Boulevardtheater sehen kann.

Das Schicksal hat zwei vornehme junge Liebespaare auseinandergerissen. Sie müssen sich wiederfinden. Treibender Charakter ist der Diener Truffaldino, der einfach nicht genügend zu beißen hat. Er sucht sich einen zweiten Herrn, der ihm nicht nur sein Einkommen erhöht, sondern ganz konkret im Restaurant etwas zu Essen bestellt – was selbstredend selbstverständlich nie wirklich passiert. Stattdessen bedient Truffaldino beide Herren gleichzeitig und wirbelt die Szene nicht nur gehörig auf, sondern sorgt auch dafür, dass die Paare sich schlußendlich mit viel Türengeknalle, Versteckspiel und allerlei dramatischen Szenen wieder zusammenfinden.

v.l.n.r: Irina Sulaver (Clarice), Sebastian Wendelin (Florindo), Christoph Radakovits (Silvio), Peter Simonischek (Pantalone de´Bisognosi), Johann Adam Oest (Dottore Lombardi), Andrea Wenzl (Beatrice), Mavie Hörbiger (Smeraldina), Hans Dieter Knebel (Brighella), Stefan Wieland (Ein Kellner) Foto: Reinhard Werner / Burgtheate

v.l.n.r: Irina Sulaver (Clarice), Sebastian Wendelin (Florindo), Christoph Radakovits (Silvio), Peter Simonischek (Pantalone de´Bisognosi), Johann Adam Oest (Dottore Lombardi), Andrea Wenzl (Beatrice), Mavie Hörbiger (Smeraldina), Hans Dieter Knebel (Brighella), Stefan Wieland (Ein Kellner)

Beatrice, eine junge Frau aus Turin, hat sich die Hosen übergestreift, um in der Männerrolle ihre Suche voranzutreiben. Sie mischt bewaffnet und mit Machogehabe die Männerwelt Venedigs auf. Truffaldino, der hungerleidende Gelegenheitsdiener, pendelt hektisch zwischen seinen beiden Herrschaften hin und her. Und im Hintergrund machen die ehrbaren Kaufmänner Geschäfte, undurchsichtiger als das Wasser in der Lagune.

v.l.n.r: Sebastian Wendelin (Florindo), Stefan Wieland (Ein Kellner), Markus Meyer (Truffaldino), Andrea Wenzeln (Beatrice) Foto: Reinhard Werner / Burgtheater

v.l.n.r: Sebastian Wendelin (Florindo), Stefan Wieland (Ein Kellner), Markus Meyer (Truffaldino), Andrea Wenzeln (Beatrice)

Ihre Macht hat die Republik Venedig im Jahre 1747 längst verloren. Doch sie sonnt sich weiter im alten Glanz, hält sich noch immer für den Mittelpunkt der Welt – nicht nur im Karneval. Die Venezianer, hingerissen von Goldonis virtuosem Sprach- und Spielwitz, übersahen, wie demaskierend der Spiegel war, den der junge Advokat ihnen vorhielt: Dass Truffaldino, der Knecht, den sie prügeln, ein Meister des „Arrangements“ ist und seine Herrschaften lenkt wie Puppen. Dass ihre preziösen Existenzen nicht mehr Halt haben als ein paar Teile feinen Porzellans auf einem schlingernden Tablett.

Regisseur Christian Stückl hat das Stück ins 20. Jahrhundert verlegt und mit durchaus derben Momenten als pralles Volkstheater inszeniert. Dass dabei ein ebenso furioser wie unterhaltsamer Abend herauskam, geht vor allem auf das Konto eines brillanten, überaus munter agierenden Ensembles zurück. Die Spielfreude der sich selbst übertreffenden Truppe aus Wien sprang förmlich in den Zuschauerraum über. Das Stück wurde mit viel Bewegung, Slapstick-Einlagen und teilweise großartiger Körpersprache ausagiert, dass es eine helle Freude war den Schauspielern zu folgen.

Auf der Bühne standen Peter Simonischek, Irina Sulaver, Christoph Radakovits, Markus Meyer, Johann Adam Oest, Sebastian Wendelin, Hans Dieter Knebel, Andrea Wenzl, Mavie Hörbiger und Stefan Wieland. Markus Meyer in der Rolle des Dieners gab ein Bravourstück, das mit Zwischenapplaus bedacht wurde. Er sprang über Tische und Stühle und legte zwischendurch von den Fingerspitzen bis zu den Fusssohlen in seiner Rolle auf der Bühne einen angedeuteten Spagat hin, mit dem er glatt im Zirkus hätte auftreten können. (Dr. Jörg Bockow)

Ruhrfestspiele Recklinghausen GmbH  / Otto-Burrmeister-Allee 1  / 45657 Recklinghausen
Telefon 02361 – 918-0
www.ruhrfestspiele.de

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