Der Kiepenkerl bloggt: Bologna-Prozess

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BolognaBologna ist eine toskanische Stadt-Gründung. Sie beherbergt die wohl älteste europäische Universität, die viele bedeutende Rechtsgelehrte hervorgebracht und das juristische Prozesswesen nicht nur ihrer Zeit stark beeinflusst hat. Dass die Stadt dem Bologna-Prozess, einer Vereinbarung des Ministerrats der Europäischen Union zur Harmonisierung des europäischen Hochschulwesens ihren Namen lieh, scheint eher zufällig und steht in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit ihrer berühmten Universität: Italien hatte 1999 die EU-Ratspräsidentschaft inne, und das Abkommen wurde in dieser bekannten Stadt unterzeichnet.

Hinter dem Bologna-Prozess verbirgt sich eine politische, aber dennoch sinnvolle Absicht: die Schaffung eines einheitlichen, europäischen Hochschulraumes. Grundlage ist eine am 19. Juni 1999 von 29 europäischen Bildungsministern im italienischen Bologna unterzeichnete, aber völkerrechtlich nicht bindende Erklärung. Diese Erklärung konkretisiert und erweitert vorherige Konventionen und Erklärungen hinsichtlich bestimmter struktureller Bildungselemente. Dazu zählen Abschlüsse, Mobilität, Kreditpunktesystem und andere.

Im Detail bedeutet das:

  • „Einführung eines Systems leicht verständlicher und vergleichbarer Abschlüsse” mit dem Ziel arbeitsmarktrelevanter Qualifikation und internationaler Wettbewerbsfähigkeit des Hochschulstandortes Europa.
  • „Einführung eines Leistungspunktsystems” (European Credit Transfer System: ECTS) zur Förderung der Mobilität der Studierenden und der Anrechnung außerhochschulischer Leistungen, vorbehaltlich der Anerkennung durch die aufnehmende Hochschule.
  • „Einführung eines Systems, das sich im Wesentlichen auf zwei Hauptzyklen stützt”, wobei der Abschluss des ersten Zyklus Zugangsvoraussetzung für den zweiten ist. Der Bachelor (erster Zyklus) erfordert mindestens 180 ECTS-Credits – der Master (zweiter Zyklus) insgesamt 300 ECTS-Credits.
  • „Förderung der Mobilität durch Überwindung der Hindernisse, die der Freizügigkeit in der Praxis im Wege stehen”. Dazu zählen Studien- und Ausbildungsangebote, Anrechnung und Anerkennung von Auslandsaufenthalten, sowohl für Studierende, als auch für Lehrende und Forschende.
  • „Förderung der europäischen Zusammenarbeit bei der Qualitätssicherung.“
  • „Förderung der europäischen Dimension im Hochschulbereich”, in Curricula, durch Hochschulkooperation, Mobilitätsprogramm, gemeinsame Studien-, Ausbildungs- und Forschungsprogramme.
  • Studentische Mitwirkung an allen Entscheidungsprozessen.

Der gesamte Prozess soll die Attraktivität des europäischen Hochschulraumes fördern und ihn mit dem europäischen Forschungsraum vernetzen. In Deutschland beinhaltet der Bologna-Prozess eine umfassende Reform der Hochschulen und ihrer Studienangebote. Er wird gesteuert durch verschiedene Institutionen, die Lösungen zur Umsetzung der Bologna-Ziele auf Bundesebene erarbeiten.

Die bisherigen Studienabschlüsse (Diplom, Magister, Staatsexamen) sollen bis auf wenige Ausnahmen ersetzt werden durch die zweistufige Studienstruktur –Bachelor und Master. Die Inhalte der Studiengänge zu definieren obliegt den einzelnen Hochschulen. Sie sind also nicht einheitlich geplant, sodass sich erhebliche Unterschiede ergeben können.

Ein wichtiges Element der Umsetzung des Bologna-Prozesses in Deutschland ist, dass für die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge ein Akkreditierungsverfahren eingeführt wurde. Es macht Vorgaben für formale Abschlüsse, Regelstudienzeit, Qualitätssicherung, Leistungspunktesystem, Jahresarbeitsstunden, die workload der Studierenden und trifft inhaltliche Festlegungen wie Modularisierung der Studiengänge, Studierbarkeit des Lehrangebots, Methodenkompetenz, berufsfeldbezogene Qualifikationen und andere.

Im statistischen Mittel muss der Studierende pro Semester 30 Leistungspunkte (Credits) erwerben. Dazu sind pro Leistungspunkt durchschnittlich 30 Arbeitsstunden für Präsenzzeiten, Prüfungszeiten, Selbststudium oder Praktika aufzuwenden. Die Teilnoten müssen innerhalb der Studiengänge durch studienbegleitende Modulprüfungen und gewichtet nach zugeordneten Credits erworben werden. Dadurch ergibt sich für die heutigen Studierenden eine völlig andere – eher kontinuierliche – Prüfungsbelastung als zu früheren Zeiten.

Soweit das SOLL.

Das IST: Die Umsetzung der vorgesehenen Reformen ist – entgegen den Vorgaben – auch heute noch nicht abgeschlossen. Vielmehr muss man in der Praxis den Eindruck gewinnen, dass das Bologna-System zunehmend durch Hochschulen und andere Bildungseinrichtungen umgangen, verändert oder zurückgeschraubt wird. Das geschieht gleichermaßen auf internationaler wie auf nationaler Ebene.

Hinzu kommt, dass Verbände und Verantwortliche der Hochschulen teilweise heftige Kritik am Bologna-Prozess üben. In dieser Kritik werden nicht so sehr die Ziele hinterfragt, sondern die Art ihrer Umsetzung durch die Hochschulen. Es geht um Komprimierung des Lehrstoffs, studienbegleitende Prüfungen, Verschulung, Reduktion auf vorwiegend wirtschaftliche und berufsbezogene Kriterien sowie Arbeitsmarktqualifikation statt um umfassende Bildung.

Wie dem auch sei, die Studenten studieren JETZT und unter eben diesen Bedingungen: Ein vollgestopftes Studium mit einem engmaschigen Netz von Kursen, Klausuren und Praktika lässt wenig Raum für sinnvolle Freizeitgestaltung, für Jobs zur Finanzierung des eigenen Studiums oder für Auslandsaufenthalte.

Arkadiens goldene Tage sind vorüber. Heute scheint es kaum noch möglich, das Studium in eigener und freier Verantwortung zu gestalten und durchzuführen. Persönlichkeitsbildung wurde auf dem Altar der Ausbildung geopfert. Doch Gesellschaft, Wirtschaft und Verwaltung brauchen keine Fachidioten, sondern gut ausgebildete Charakterköpfe. Deshalb versuchen Studentenverbindungen soziale Kompetenz mit Fachkompetenz zu verbinden.

Wer in den Stürmen des Lebens nicht untergehen will, benötigt eine solide Ausbildung, einen stabilen Charakter und ein soziales Netzwerk aus wirklichen Freunden – nicht 300 Facebook-„Freunden“, sondern Menschen, die den Lebensweg (nicht nur einen bestimmten Abschnitt) langfristig freundschaftlich begleiten. Es gibt Dinge im Leben, die kann man nur in einem bestimmten Alter tun; später sind die Türen verschlossen. Rotary oder Lions mit 40 ersetzen keine Studentenverbindung mit 18.

Corps Hubertia Freiburg ist so ein Bund fürs Leben, keine Lebensabschnittsgemeinschaft. Die Dame hat Vergangenheit – aber auch Zukunft! Für die nachfolgenden Generationen wünsche ich mir, dass sie so zeitlos bleibt, wie ich sie empfinde.

 

 

 


 

 


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