Auf der Suche nach Liebe und Freiheit

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Westfalen – Das Bedürfnis nach Liebe und Freiheit ist jedem Menschen gegebenen. Die Ausstellung „Herzensschatzi komm!“ mit Bildern, Objekten und Installationen von Klaus-Peter Kirchner, die vom 28. Oktober 2012 bis zum 20. Januar 2013 im Kunstmuseum Ahlen zu sehen ist, fasst den Wunsch nach Erfüllung solch grundlegender Bedürfnisse als Quelle künstlerischer Praxis auf.

Klaus-Peter Kirchner: Es war ein KInd das wollte nie

Der in Soest und Berlin lebende Künstler hat sich in seinem aktuellen künstlerischen Schaffen eingehend mit Selbstäußerungen von Frauen beschäftigt, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in psychiatrischen Einrichtungen lebten und sich mit der Erschaffung eigener Weltbilder gegenüber den totalitären Institutionen zu behaupten suchten. Eigens für die Ausstellung im Kunstmuseum Ahlen geschaffene Bilder, Objekte und Installationen treten mit älteren Arbeiten in einen Dialog und eröffnen Räume für eindringliche ästhetische Erlebensmomente. Klaus-Peter Kirchner fragt dabei nach dem Ursprung der Bilder und dem Wesen der Kunst, nach der Grenze zwischen Norm und Abweichung und nach dem Verhältnis von Ästhetik und Emotion. Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher zweibändiger Katalog.

Klaus-Peter Kirchner: Tauchsieder

„Herzensschatzi komm!“ Mit diesem dringenden Wunsch hat Emma Hauck, Anfang des 20. Jahrhunderts Insassin der Psychiatrischen Klinik Heidelberg, in Briefen an ihren Mann vergeblich Blatt um Blatt gefüllt. Neben vielen anderen Selbstzeugnissen von psychisch Kranken haben ihre Briefe Eingang in die berühmte Sammlung Prinzhorn gefunden. Von dem an der Heidelberger Klinik arbeitenden Arzt und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn zusammengetragen, wurde eine Auswahl 1922 unter dem Titel „Bildnerei der Geisteskranken“ veröffentlicht. Die Publikation weckte unter den Avantgarde-Künstlern jener Zeit große Aufmerksamkeit. Vor allem die Surrealisten sahen in der Sammlung einen Akt der Befreiung von gesellschaftlichen Konventionen; sie hielten die Bilder für einen unverfälschten Ausdruck individuellen Gestaltungswillens.

Für Klaus-Peter Kirchner sind diese aus einem übermächtigen Normalisierungsdruck resultierenden, exzessiven Zeichensetzungen vehemente Behauptungen des Seins. Auch in der Anagramm-Dichtung der surrealistischen Autorin Unica Zürn, Lebensgefährtin von Hans Bellmer, die unter Schizophrenie litt, äußern sich diese Individualisierungsbestrebungen. Insbesondere aus ihrer produktiven Lust an der Zerstörung von Wörtern und Sinn – die Gedichte bestehen Zeile für Zeile aus denselben, immer wieder anders zusammen gesetzten Buchstaben –  schöpft Kirchner für die Entwicklung einer neuen Formensprache. Mit hohem Assoziationspotential aufgeladene Bilder, Objekte, Zeichen und Symbole löst er aus ihrem ursprünglichen Kontext, um sie in völlig neue Zusammenhänge zu setzen. Dabei bezieht er sich deutlich auf Motive, Themen und Methoden der Surrealisten und aktualisiert sie für die Gegenwart. Auch das Interesse an den ästhetischen Äußerungen von Menschen mit psychischer Beeinträchtigung verbindet ihn mit der historischen Avantgarde-Bewegung: Seit zwanzig Jahren beschäftigt sich Kirchner mit Outsider-Art und bietet Kurse für künstlerisch talentierte Menschen mit geistigem Handicap an. Die in den letzten Jahren entstandenen Arbeiten überwinden in vielerlei Hinsicht Grenzen der Kunst und sind eindringliche Plädoyers für künstlerische Freiheit.

Klaus-Peter Kirchner, geboren 1963, lebt und arbeitet in Soest und Berlin. Von 1987-1990 studierte er Malerei und Bildhauerei in Münster (FH) bei Prof. Jörg Heydemann. Ausstellungen (Auswahl): 2010 „Welcome Home“ (EA), Installation, Villa Rosenthal, Jena; 2004 Jerwood Hall, London, Installation mit Claudio Bohórquez (Cello); 2004 „Übergänge“ (EA), Wilhelm-Morgner-Haus, Soest; 2003 Fondation Beyeler, Basel, Installation mit Claudio Bohórquez (Cello); 2002 Kampnagel Hamburg, Installation mit Claudio Bohórquez (Cello): 1999 Hier und Jetzt II, Gustav-Lübcke-Museum, Hamm; 1994  Hier und Jetzt I , Gustav-Lübcke-Museum, Hamm; 1993 „Itinirar“, Kunstverein Arnsberg; 1992 „Topographie“ (EA), Galerie Torhaus, Münster; 1991 „Rückblende“, Museum Folkwang, Essen.

Neue Öffnungszeiten: Mi bis Fr von 14  bis 18 Uhr; Sa, So und Feiertage 11 bis 18 Uhr; Mo, Di geschlossen

Kunstmuseum Ahlen / Museumsplatz 1 / Weststraße 98 / 59227 Ahlen
www.kunstmuseum-ahlen.de

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