Westfalen kommt zu selten vor

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Westfalen – Der Landesteil Westfalen-Lippe ist in den Erdkunde-Lehrbüchern gegenüber dem Rheinland eklatant unterrepräsentiert. Das ergab eine Untersuchung von 59, in NRW für die weiterführenden Schulen zugelassenen Erdkunde-Lehrwerken. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) hat die Untersuchung bei seiner Geographischen Kommission in Auftrag gegeben.

Foto: LWL

„Seit Jahren hat sich der Eindruck verstärkt, dass Westfalen – überspitzt formuliert – als vorindustrielles Agrarland und allenfalls als beschauliche Freizeit- und Tourismusregion wahrgenommen wird“, sagte Dr. Wolfgang Kirsch, Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), am  in Münster. Der Verdacht, dass diese verzerrte Darstellung der Region Westfalen schon in Schulbüchern angelegt ist, habe sich leider bestätigt.

Kirsch weiter: „Wir müssen alles dafür tun, dass Westfalen zutreffend dargestellt wird und auch unserem Landesteil der ihm gebührende Platz in den Schulbüchern eingeräumt wird. Die Region Westfalen steht mit anderen Regionen in Deutschland und in Europa im Wettbewerb. Wir können uns ein falsches Bild nicht erlauben.“

Landesdirektor Dr. Wolfgang Kirsch stellte die aktuelle Studie vor - Foto: LWL

Er habe darum der NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann vorgeschlagen, das ministerielle Genehmigungsverfahren für neue Lehrwerke zu ergänzen. „Ein weiteres Kriterium für neue Schulbücher könnte lauten: Die beiden Landesteile Nordrhein-Westfalens müssen bei den verwendeten Raumbeispielen quantitativ und qualitativ angemessen berücksichtigt werden“, so der LWL-Chef. Es gebe zum Beispiel in Bayern, das mit seinen Landesteilen als Beispiel dienen könne, ein solches Kriterium zur Beurteilung von Lernmitteln.

59 Lehrbücher für die Haupt-, Real- und Gesamtschulen sowie für die Gymnasien wurden untersucht, die zu Beginn des Schuljahres 2011/12 im „Verzeichnis der zugelassenen Lernmittel“ des NRW-Schulministeriums im Fach Erdkunde aufgeführt waren. „Natürlich finden sich in vielen Lehrbüchern Kapitel, in denen es um nordrhein-westfälische Räume geht. Wenn man diejenigen Lehrbuchkapitel zählt, die jeweils nur Westfalen-Lippe oder nur dem Rheinland zuzuordnen sind, so zeigt sich ein eindeutiges Ungleichgewicht zugunsten des Rheinlandes“, sagte Peter Wittkampf, Autor der Untersuchung und bis 2011 Erdkunde-Fachberater bei der Bezirksregierung Münster.
Besonders deutlich werde das Ungleichgewicht zwischen den Landesteilen bei Erdkundebüchern für die Sekundarstufe I des Gymnasiums und für die Sekundarstufe II: Hier seien von insgesamt 105 Beispielen, die entweder im Rheinland oder in Westfalen spielen, 76 dem Rheinland gewidmet (72 Prozent), nur 29 behandeln Themen aus Westfalen-Lippe (28 Prozent). Wenn man nicht die Anzahl der Kapitel, sondern die Summe der entsprechenden Buchseiten, die entweder das Rheinland oder Westfalen behandeln, zugrunde lege, laute das Verhältnis sogar 75 zu 25 Prozent zugunsten des Rheinlandes, in der Sekundarstufe II 90 zu 10 Prozent.

Wittkampf: „Diese Diskrepanzen betreffen eine große Anzahl von Schülern, denn im Landesteil Westfalen-Lippe besuchten im Schuljahr 2010/11 über 273.000 Schülerinnen und Schüler ein Gymnasium, davon über 152.000 in der Sekundarstufe I. Alle diese Schüler lernen also relativ wenig über ihren eigenen Landesteil.“

Die Verteilung in den Schulbüchern - Foto/Grafik: LWL

Neben der Frage, wie häufig Westfalen-Lippe in den Raumbeispielen vorkommt, sei auch wichtig, wie und mit welchen Merkmalen dieser Landesteil dargestellt werde, fuhr der ehemalige Studiendirektor an einem Gymnasium fort. Bei einigen Unterthemen würden das Rheinland und Westfalen-Lippe gleichgewichtig behandelt, etwa bei den „Methodenübungen“ („Vom Luftbild zur Karte“, „Karten lesen“ usw.) und in den Kapiteln zum wirtschaftlichen Strukturwandel.

Sehr ungleichgewichtig würden die Beispiele dagegen bei anderen Unterthemen gewählt: Wenn es um „die Stadt“ gehe, werde dies zu 82 Prozent am Rheinland dargestellt. Zum „Leben in Dorf oder Kleinstadt“ wählten die Bücher dagegen in 90 Prozent aller Fälle Raumbeispiele aus Westfalen-Lippe. LWL-Direktor Kirsch: „Schüler müssen – jedenfalls aus ihren Büchern – den Eindruck gewinnen: Rheinländer leben in der Stadt, Westfalen auf dem Land.“ Typische Kapitelüberschriften lauteten „Leben in der Stadt (Raumbeispiel: Köln)“ und „Wohnen auf dem Land (Raumbeispiel: Menne bei Warburg)“.

Beim Stichwort „Industrie“ entfielen in den Büchern auf Westfalen-Lippe 31 Prozent der Beispiele, obwohl es in Westfalen-Lippe sowohl mehr Betriebe als auch mehr Beschäftigte im „verarbeitenden Gewerbe“ gebe als im Rheinland. Energiewirtschaft finde für die Schüler nur im Rheinland statt, obwohl in NRW tatsächlich etwa 45 Prozent des Stroms in Westfalen-Lippe erzeugt werde.

Zu den Ursachen für die Ungleichgewichte äußerte Wittkampf eine Vermutung: „Dass für bestimmte Themen so häufig Beispiele aus bestimmten Teilregionen in den Lehrwerken erscheinen, mag an den Schulbuchautoren und den Schulbuchverlagen liegen. Die Verlage verfügen in der Regel über fertig ausgearbeitete Bausteine, die sie auch in neu konzipierten Lehrbüchern wieder verwenden.“

LWL-Direktor Kirsch bot dem Schulministerium in Düsseldorf Hilfe an und verwies auf eine Reihe von Angeboten, die der LWL und andere Organisationen wie der Westfälische Heimatbund oder die Westfalen-Initiative zur besseren Information von Schülern, Lehrern und Lehrbuchautoren bereithielten. So biete das Projekt „Westfalen regional“ im Internet (http://www.westfalen-regional.de) anschauliche, im Erdkundeunterricht sehr gut verwendbare Beiträge aus Westfalen zu allen wichtigen Bereichen der Geographie. Eine weitere Internetplattform (http://www.paedagogischer-stadtplan.de) habe gutes Material zu den Themen „Natur und Umwelt“ sowie „Wirtschaft und Verkehr“ erarbeitet.

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