Mariola Brillowska skurrile Welt

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Westfalen – Sie feuert wild und wütend, selbstverliebt und besessen ihre wirren Geschichten und wüsten Phantasien auf den Zuschauer ab, als wenn sie mit dem Finger am Abzug das komplette Magazin eines Maschinengewehrs herausbläst. „Meine Kunst wird als exzessiv, entgrenzt, provokativ, feministisch bezeichnet“, sagt Mariola Brillowska über ihre Arbeit. „Ich würde unzensiert, direkt, nichtmoralisch hinzufügen. Vor allem aber attraktiv, poppig, lustvoll. Und modern, denn ich adaptiere nie, ich erfinde. In meinen Filmen zeige ich keinen Kitsch. In meinen Gedichten geht es um unnahbare Liebe, aber auch um die neue haltlose Welt.“

Wer sich von solch absurden und abstrusen Geschichten und schrillen Bildern über Sex und Gewalt schnell attackieren und leicht aufregen lässt, der sollte der Ausstellung „Tableau Vivant“ in der Münsteraner Galerie FB 69 von Kolja Steinrötter tunlichst fern bleiben. Die neue Ausstellung in der Galerie FB 69 widmet sich ab dem 27. April der 1961 in Polen geborenen Künstlerin Mariola Brillowska und präsentiert ein breites Spektrum.

Foto: Jörg Bockow

Jenseits des guten Geschmacks hat sie ein Terrain besetzt, bei dem es einem die Gehirnwendungen und das ästhetische Empfinden förmlich durchpustet. Nicht mal in seinen verrücktesten Träumen kommt man auf solche Geschichten, Szenen und Bilder. Und doch unter der Oberfläche der bizarren Irritationen und Provokationen, Horrortrips und Alpträume steckt eine zarte Poesie, gelebtes Leben und die unstillbare Sehnsucht nach großer Liebe, Zärtlichkeit und erfüllender Erotik.

„Früher habe ich davon geträumt, dass meine Kunst populär wird. Ich habe es mir gewünscht“, sagt die Künstlerin. „Mittlerweile weiß ich, wie der Kunstbetrieb funktioniert. Wer reinkommt und wer nicht. Ich halte es für ein Lob, wenn das Fernsehen meine Filme nicht zeigt. Das bedeutet, sie sind keine Massenware. Ich bin keine Massenware! Denn alles, was ich mache, ist Kunst. Ich habe keine Aufträge und keine Kunden. Aber ich habe genug zu tun, und ich lebe von meiner Kunst. Ich bin frei und unabhängig und lobe mir diesen Luxus.“

Foto: Jörg Bockow

Mariola Brillowska studierte von 1985 bis 1991 Freie Kunst an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Seit Sommersemester 2005 ist sie Professorin für Zeichnen und Illustration an der Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main. Vorher lehrte sie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg und der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg. Sie lebt in Hamburg.

Einige Arbeiten der Brillowska kann man auf den bekannten Videoplattformen im Internet finden. Dort sind einige Auftritte als Performerin und Videoclips als Zeichnerin und Trickfilmerin zu sehen. 1991 erhielt Brillowska den Grand Prix der internationalen Kurzfilmtage Oberhausen für ihren allerersten Zeichentrickfilm.

Foto: Jörg Bockow

Ihre Filme passen wunderbar in die hektische Bilderwelt der Musiksender. Für ihre Musikfilme ist sie bereits mehrfach für den Deutschen Musikvideopreis MUVI nominiert und auch ausgezeichnet worden.

„Da ich die meisten Trickfilme und Comics als kunstgewerblich, angewandt, kindisch und unpoppig abstempelte, sollten meine eigenen gezeichneten Welten das Gegenteil sein. Und sie wurden. Und sie sind. Ich mache Trickfilme für Erwachsene, Musikvideos und Performances im musealen Kontext. Ich schreibe meine Storys selber, einzig Musik lasse ich für meine Filme, Theaterstücke und Songs schreiben.“

Foto: Jörg Bockow

Seit den letzten beiden Jahren ist Mariola Brillowska auch mit Performances unterwegs und hat eigene Genres kreiert: Liveakting im Film-Performance und Porno-Karaoke. Dabei spielen alle ihre Faibles und Fähigkeiten zusammen und ineinander. Es gibt narrative Malerei und pornografische Videoclips, knallbunte Comics und Trash, Kitsch, elektronische Musik sowie Gesang – und natürlich den Auftritt der Meisterin und das Spiel von Akteuren unter ihrer Regie.

In der Galerie von Kolja Steinrötter gibt es von allem ein paar Häppchen und Geschmacksproben zu entdecken. Die Galerie hat eine große Bandbreite zusammengetragen. Man sollte dazu Zeit mitbringen und mindestens genauso viel Bereitschaft, sich auf eine skurrile Welt einzulassen.

 

Mariola Brillowska und der Galerist Kolja Steinrötter bei der Vernissage – Foto: Jörg Bockow

Mariola Brillowska sagt: „Mein Ziel ist, diese Haltung an meine Kinder und Studenten weiterzugeben. Ich bin im noch kommunistischen Polen aufgewachsen, wo der Kampf um Freiheit zum Alltag gehörte. Im Kapitalismus sind die Menschen sehr auf Geld aus. Auch Künstler. Sie passen sich den Trends an. Mich stoßen Trends eher ab. Nur die Trittbrettfahrer nutzen Trends für sich, oft für Geld. Wer drauf reinfällt, ist ein Groupie. Doch wer einen Trend auslöst, ist längst woanders.“

Galerie FB69 / Kolja Steinrötter / Hüfferstr. 18 / 48143 Münster


 

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