„Frauensache“ spitzt aktuelle Fragen zu

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„Frauensache“ spitzt aktuelle gesellschaftliche Fragen zu: In dem neuen Stück des Autorenduos Lutz Hübner & Sarah Nemitz geht es um Schwangerschaftsabbruch und den Rechtsruck in der Gesellschaft. Das Stück, eine Auftragsarbeit für das Staatstheater Karlsruhe aus dem Jahr 2019, feierte gerade am Wolfgang Borchert Theater in Münster seine Premiere. Wieder einmal positioniert sich das WBT als ein engagiertes politisches Theater. Dieses Mal dabei: neue Gesichter und Schauspielerinnen, auf die man sich künftig im WBT freuen kann.

„Frauensache“ spitzt aktuelle Fragen zu

Sie hofft darauf, dass ihr geholfen wird. Rosana Cleve in „Frauensache“ – Foto Klaus Lefebvre

Die Themen, mit denen sich „Frauensache“ auseinandersetzt, haben neuerlich in Deutschland wieder an Brisanz gewonnen. Die Debatte ist spätestens neu aufgeflammt, nachdem der Gießener Frauenärztin Kristina Hänel verboten worden ist, auf ihrer Website darüber zu informieren, dass sie Schwangerschaftsabbrüche vornimmt.  „Frauensache“ ist ein hochaktuelles Stück zum Zeitgeist. Denn es wird wieder kontrovers und sehr emotional über Schwangerschaftsabbruch diskutiert und rechtes Gedankengut, Deutschtümelei und Rassismus treiben einmal mehr die Gesellschaft vor sich her.

„Frauensache“ spitzt aktuelle Fragen zu

Frauenärztin Beate Werner sucht eine Nachfolgerin für ihre ländliche Praxis. Monika Hess-Zanger in „Frauensache“ – Foto Klaus Lefebvre

Lutz Hübner & Sarah Nemitz machen keinen Hehl daraus, auf welcher Seite ihr Hertz schlägt, ebenso wenig wie Regisseur Meinhard Zanger Zweifel aufkommen lässt. Umso spannender ist es, dass alle Seiten ausgiebig zu Wort kommen und nicht durch Überzeichnungen karikiert werden. „Frauensache“ ist ein Stück zum Mitdenken und zur anschließenden Diskussion. Manchmal mutet es freilich an wie für den Sozialkundeunterricht geschrieben.

„Frauensache“ bringt sechs Frauen auf die Bühne, die aus unterschiedlichen Positionen und Sichtweise zum Schwangerschaftsabbruch argumentieren und streiten. Im Mittelpunkt steht die Frauenärztin Beate Werner (wunderbar gespielt von Monika Hess-Zanger), die weit über die Region dafür bekannt ist, dass sie Schwangerschaftsabbrüche vornimmt, wenn die juristischen Vorgaben erfüllt sind. Aber ihre Position ist gesellschaftlich umstritten, zumal sie auf dem Lande lebt und praktiziert. Die Frauen, die zu ihr kommen, sind in Not, so wie in dem Fall der jungen Frau (sehr differenziert und souverän: Rosana Cleve), die in die Praxis kommt und vorträgt vor allem aus wirtschaftlichen Gründen ihre Schwangerschaft beenden zu wollen. Regisseur Meinhard Zanger sagt zu seiner Motivation, das Stück im WBT auf die Bühne zu bringen. „Ich bin fest davon überzeugt, dass Frauen, wenn sie denn einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen, sehr, sehr gute Gründe dafür haben. Und in diesem Punkt muss man sie unterstützen.“

„Frauensache“ spitzt aktuelle Fragen zu

Der Konflikt um die Neubesetzung der gynäkologischen Praxis wird in aller Öffentlichkeit ausgetragen – in „Frauensache“ – Foto Klaus Lefebvre

Der Text des Stückes ist wie für ein juristisches Tribunal angelegt, ein bisschen wie aus einem Lehrbuch. Das ist klar, stringent, aber auch differenziert inszeniert und erlaubt den Darstellern ihre Rollen auszuspielen. Das Bühnenbild und die Lichtregie nehmen die Idee der Dramaturgie auf. Schnörkellos, sehr reduziert und optisch reizvoll, ohne Ablenkungen und auf den Punkt genau. Es kommt sowieso vor allem auf das Wort und die Darstellung der Figuren an. Meinhard Zanger sagt dazu: „In diesem Stück ist die Dialogregie ein wichtiges Instrument, um die Positionen und Haltungen der einzelnen Figuren zu transportieren, deswegen habe ich natürlich darauf ein besonderes Augenmerk gelegt.“ Die Protagonisten sitzen auf Stühlen rechts und links einer Rampe, die mal das Behandlungszimmer oder die Privatwohnung der Frauenärztin Beate darstellt. Am Ende wird die Bühne zum Podium für eine Diskussion. Im Scheinwerferlicht erscheinen die Protagonistinnen der jeweiligen Szene.

„Frauensache“ spitzt aktuelle Fragen zu

Frauenärztin Beate Werner hat eine klare Position. Monika Hess-Zanger in „Frauensache“ – Foto Klaus Lefebvre

Bevor die Frauenärztin Beate in den Ruhestand geht, möchte sie eine Nachfolgerin für ihre Praxis in einer Kleinstadt in der Provinz suchen. Damit beginnt das Stück. Die junge Ärztin Hanna (ein neues Gesicht am WBT: Laura Bleimund) hat sich beworben. Sie will die Praxis übernehmen, wie sich später herausstellt auch um konservative Positionen in der Provinz zu verankern. Sie steht für jene Rechtsradikale, die strategisch den vorpolitischen Raum für sich besetzen wollen.

Die Praxisübergabe ist nicht so ganz einfach, denn das Interesse an einer eigenen Arztpraxis auf dem Land hält sich in Grenzen. Da kommt die junge Ärztin Hanna gerade recht. Alles scheint perfekt an der jungen, engagierten und selbstbewussten Ärztin. Bis Hanna sich in einem Gespräch gegenüber Beate als rigorose Abtreibungsgegnerin outet und zusehends deutlich wird, dass sie über konservative Positionen hinaus auch rechtsradikale und deutschtümelnde Ansichten vertritt. Zwei Welten prallen aufeinander: Beates Weltbild, das vom Idealismus der 68er-Bewegung geprägt ist, und Hannas reaktionäres Wertesystem sind unvereinbar.

„Frauensache“ am Wolfgang Borchert Theater – Foto Klaus Lefebvre

Die beiden Ärztinnen tragen einen offenen Streit aus, der vor den Augen der gesamten Gemeinde zur Schau gestellt wird. Es endet in einer Podiumsdiskussion, bei der die Zuschauer gewissermaßen aufgefordert werden, auch Position zu beziehen. Das erinnert an das Stück „Terror“, von Ferdinand von Schirach, das ebenfalls auf dieser Bühne gespielt worden ist. Und tatsächlich gibt es durch den Zwischenapplaus der Zuschauer auch das erwartbare Feedback. Vor allem bekommt die Sprechstundenhilfe Mira (klasse gespielt von Ariella Hirshfeld) für ihr politisches Statement Zustimmung. Als aus Syrien Geflüchtete fühlt sie sich in der zusehends veränderten Gesellschaft nicht mehr sicher…

Meinhard Zanger hat das Stück vielschichtig inszeniert, indem er den Verlockungen entsagt, die Figuren holzschnittartig zu zeichnen. Und den Schauspielerinnen gelingt es ihre Rollen auch in ihrer Vielschichtigkeit auszuspielen. Wieder einmal großartig: Monika Hess-Zanger (die das Ensemble altersbedingt leider bald verlässt), Rosana Cleve und Ivana Langmajer. Ihre Feuertaufe haben Ariella Hirshfeld und Laura Bleimund bravourös bestanden. Wir freuen uns auf weitere Auftritte. Sehenswert! (Jörg Bockow)

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