Heine und die Eichen

Print Friendly, PDF & Email
Heine in Westfalen

Heinrich Heine hatte nicht nur viele Schul- und Studienfreunde in Westfalen. Auch sein Kindermädchen kam aus dem Land der roten Erde. Foto: Wikipedia

Scharfzüngige Kritik am Deutschland seiner Zeit – das war eines der Markenzeichen von Heinrich Heine. Über die Westfalen hat der Dichter dagegen geradezu liebevolle Zeilen geschrieben. Die Gründe dafür sind in seiner Biographie zu finden.

Romantischer Dichter und zynischer Polemiker – Heinrich Heine ist beides. Seine Texte changieren zwischen schöngeistigen Versen und ätzendem Sarkasmus. Das machte ihn zum »Erfinder« des Feuilletons. Vor allem zu seinem eigenen Vaterland empfand Heine eine Hassliebe: Einerseits diente es ihm als Sujet für romantische Reime – andererseits konnte er es nie lassen, gallige Ironie darüber auszugießen.

Seltsamerweise nahm der Düsseldorfer Dichter das Völkchen der Westfalen von seinem Hang zur verbalen Rempelei weitestgehend aus. Viel deutet daraufhin, dass dies der Verdienst seines münsterländischen Kindermädchens ist. Die junge Sibylle, vom kleinen Heine »Zippel« genannt, ließ ihn auch in späteren Jahren Westfalen und seine Bewohner immer wieder mit warmherzigen Erinnerungen in Verbindung bringen. Heinrich Heine in Westfalen – liebevoll schwärmt der ansonsten zuweilen gern flegelhafte Literat von seiner Zippel »aus dem Land der Schinken«. Ob er bei der Wortwahl eher die Anatomie der Amme assoziierte oder die westfälische Küche, ist unbekannt…

Heinrich Heine in Westfalen – im Haus “Am Markt 13” in Unna befand sich im 19. Jahrhundert ein Gasthof, in dem der Dichter zweimal logiert hat; Foto: Westfalium

Heines Weg war nicht vorgezeichnet. Sein Millionen-Onkel Salomon stöhnte zwar in bestem Jiddisch: »Hätt’ er gelernt was Rechtes, müsst’ er nicht schreiben Bücher«, sah aber wohl oder übel ein, dass aus dem renitenten Burschen nie ein brauchbarer Bankier werden würde. So fand sich die Familie Heine schließlich mit dem dichterischen Drang des jungen Harry ab. Zumal die Begeisterung fürs Poetische damals unter jungen Leuten dem Zeitgeist entsprach.

Zum Wintersemester 1820 schrieb er sich an der Universität Göttingen ein. Doch schon kurz darauf duellierte er sich illegal mit einem Kommilitonen wegen einer antisemitischen Beleidigung. Beide Kontrahenten wurden strafweise für ein Semester exmatrikuliert. Heine hatte von der Uni die Nase voll und zog die Salons und Freimaurerlogen der Berliner Society dem Hörsaal vor.

Wohl auf Druck der Familie kehrte er drei Jahre später zurück, legte sein Examen ab und promovierte zum Dr. jur. Um seine Chancen auf eine Kanzleianstellung zu erhöhen, ließ er sich im Wohnzimmer eines Pfarrers protestantisch taufen und änderte seinen Vornamen von Harry in Heinrich. Doch statt auf Paragraphen verlegte er sich aufs Publizieren – und wurde der Prototyp des spöttelnden Literaturkritikers.

Damit machte er sich nicht nur Freunde: Als er wegen seiner beginnenden chronischen Erkrankungen im Nordseeklima von Norderney Erholung suchte, musste er vor der Prügel aufgebrachter Fischer von der Insel flüchten. Er hatte über deren Frauen geschrieben: »Die Tugend der Insulanerinnen wird durch ihre Hässlichkeit und ihren unerträglichen Fischgestank geschützt. «

Über die Westfalen schrieb Heine ganz anders. In »Deutschland, ein Wintermärchen« macht er ihnen sentimentale Liebeserklärungen:

Dicht hinter Hagen ward es Nacht,

und ich fühlte in den Gedärmen

ein seltsames Frösteln. Ich konnte mich erst

zu Unna, im Wirtshaus, erwärmen.

Ein hübsches Mädchen fand ich dort,

die schenkte mir freundlich den Punsch ein;

Wie gelbe Seide das Lockenhaar,

die Augen sanft wie Mondenschein

Den lispelnd westfälischen Akzent

vernahm ich mit Wollust wieder.

Viel süße Erinnerung dampfte der Punsch,

ich dachte der lieben Brüder.

Der lieben Westfalen, womit ich so oft

in Göttingen getrunken,

bis wir gerührt einander ans Herz

und unter die Tische gesunken!

Ich habe sie immer so lieb gehabt,

die lieben guten Westfalen,

ein Volk so fest, so sicher, so treu

ganz ohne Gleißen und Prahlen.

Sie fechten gut, sie trinken gut

und wenn sie die Hand dir reichen

zum Freundschaftsbündnis, dann weinen sie;

sind sentimentale Eichen.

So weit, so liebenswürdig. Aber dann kann Heine doch nicht aus seiner politischen Haut und flechtet noch eine kleine pazifistische Schleife ein:

Der Himmel erhalte dich, wackres Volk,

er segne deine Saaten,

bewahre dich vor Krieg und Ruhm,

vor Helden und Heldentaten.

Bevor er zur augenzwinkernden Pointe kommt:

Er schenke deinen Söhnen stets

ein sehr gelindes Examen,

und deine Töchter bringe er hübsch

unter die Haube – Amen!

Diese Zeilen sind offensichtlich auf seine Studentenzeit in Göttingen gemünzt. Dort schloss Heine sich der Studentenverbindung Guestphalia an „und befreundete sich mit mehreren westfälischen Kommilitonen“ schreibt die die münstersche Heimatforscherin Liselotte Folkerts in ihrem Buch „Ich dachte der Lieben Brüder – Heinrich Heine und Westfalen“. Mehrfach durchquerte Heine die Region in der Postkutsche und besuchte Freunde aus seiner Schul- und Studienzeit in Minden, Hamm und Warburg. 1820 unternahm er sogar eine Wanderung von Düsseldorf durch das Land der roten Erde nach Göttingen, so dass Westfalen häufig in den Heineschen Werken zum Thema wird. Das oben genannte Wirtshaus in Unna wird wohl der Gasthof „zum König von Preußen“ im heute noch erhaltenen Haus Am Markt 13 sein. Sowohl auf seiner Wanderung 1820 wie auch auf einer Postkutschenreise 1843 kehrte der Dichter erwiesenermaßen dort ein.

Auch in seinem Silvestergedicht zeigt Heine Sympathie für die Landsleute seiner Amme Sibylle – Die Verse handeln davon, dass er das alte Jahr in einem steinernen Sarg begraben will:

…und holt mir dazu auch zwölf Riesen.

Die müssen noch stärker sein,

als der Christoph im Dom zu Münster,

der heil’ge Mann aus Stein.

Ob seine Verbundenheit tatsächlich so groß war? In Briefen lästerte er fleißig über die deftige Küche, die schlechten Verkehrswege und die mangelhafte Literaturkenntnis der Westfalen. Als sein Studienfreund Fritz von Beughem von Bonn nach Hamm geht, um dort eine Referendarstelle anzutreten, dichtet ihm Heine zum Abschied:

Mein Fritz lebt nun im Zauberland,

wo Schweinebohnen blühen,

Im dunkeln Ofen Pumpernickel glühen,

Wo Dichtergeist erlahmt, und Verse hinken

Mein Fritz, gewohnt, aus heilgem Quell zu trinken

Soll nun zur Tränke gehen mit fetten Kühen

Soll gar der Themis Aktenwagen ziehen, –

Ich fürchte fast, er muss im Schlamm versinken.

Mein Fritz, gewohnt auf buntbeblümten Auen

Sein Flügelroß, mit leichter Hand, zu leiten,

Und sich zu schwingen hoch, wo Adler horsten

Mein Fritz wird nun, will er sein Herz erbauen,

Auf einem dürren Prosagaul durchreiten

Den Knüppelweg von Münster bis nach Dorsten

In einem späten Anflug von Selbstkritik sagte Heine als kranker Greis, seine Gedichte seien »keinen Schuss Pulver wert«. Doch an anderer Stelle gibt er zu, die Westfalen unterschätzt zu haben: Seinem Kollegen Karl Immermann – einem der wenigen persönlichen Freunde – schreibt er: »Ich stutze, dass man mich in Münster am tiefsten verstanden hat. «

Darum freute sich Heine auf seine erste Reise in die »Knipperdollinckstadt«. Nachdem er seinen Besuch wegen Krankheit zunächst verschieben musste, vermerkte das »Münstersche Intelligenzblatt« am 28. 10. 1843 unter der Rubrik »Ankommende Fremde« das Eintreffen Heines per Postkutsche.

Der Droste machte er keine Aufwartung. Es ist überhaupt unklar, ob die beiden gleichaltrigen Poeten überhaupt von der Existenz des jeweils anderen wussten. Leider müßig, darüber zu spekulieren, wie sich die jungen Leute wohl verstanden hätten. Schade allemal, denn hier hätten sich kongeniale Partner finden können.

Stattdessen ließ sich der Gast von Freunden die Wiedertäuferkäfige zeigen, die er sogleich fasziniert im »Wintermärchen« literarisch verewigte:

jene Körbe von Eisen,

die hoch zu Münster hängen am Turm,

der St. Lamberti geheißen.

Der Schneiderkönig saß darin mit seinen beiden Räten,

wir nutzen diese Körbe jetzt

für andre Majestäten!

Die revolutionäre Anspielung war jedoch nicht so ernst gemeint. Mit der demokratischen Vormärz-Bewegung von 1848 konnte Heine nach anfänglichem Interesse nichts anfangen und wandte sich sarkastisch davon ab. Auch gelegentliche Flirts mit dem Frühkommunismus scheiterten an seiner Neigung zur zynischen Betrachtung.

Diese gab er erst auf dem Totenbett auf. Nach Jahren der Bettlägerigkeit in der »Matratzengruft« (Heine ist der tatsächliche Urheber dieses Wortes, das mit den Hippies eine andere Bedeutung bekam) in der er Opium in rauen Mengen gegen seine Schmerzen einnahm, machte er mit seinen Kritikern Frieden:

»Pflanzt die schwarzrotgoldne Fahne auf die Höhe des deutschen Gedankens, macht sie zur Standarte des freien Menschentums, und ich will mein bestes Herzblut für sie hingeben. Beruhigt euch, ich liebe das Vaterland ebenso sehr wie ihr. «

Sein Vaterland ihn auch. Zumindest das deutsche und das westfälische sowieso. Aber in Tel Aviv kam es noch jüngst zu einer Kontroverse um die Benennung einer Heinrich-Heine-Straße. Die Orthodoxen wollten ihm sein Konvertieren zum Christentum nicht verzeihen. Als Kompromiss wurde schließlich eine Straße in einem Industriegebiet nach ihm benannt.

In Münster entstehen derzeit viele neue Gewerbegebiete. Hier könnte man bisher Versäumtes nachholen und Heine eine Straße widmen. Zumindest aber seiner Amme Zippel. Zynisch? Ja, aber was ehrt Heine besser?

WERBUNG

 

Speak Your Mind

*