Künstler malt gegen “Totale Kontrolle” an

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Münster – Mit einem Salongespräch hat Claus Steinrötter seine aktuelle Ausstellung eröffnet: Keine Sonntagsreden wurden gehalten, stattdessen gab es eine angeregte Diskussion mit und unter den Besuchern. Unter dem Titel “Totale Kontrolle” stellt die Galerie Steinrötter in Münster neue Arbeiten von Yaroslav Kurbanov aus Chemnitz aus.

Yaroslav Kurbanov: Aufblendung, Gemälde, Öl auf Leinwand – zu sehen in der Galerie Steinrötter in Münster

Der russische Maler lebt seit vielen Jahren mit seiner Frau in Deutschland. Er versteht sich als politischer Künstler, der sich zu aktuellen Themen äußert: Klar positioniert, kritisch und dabei von großer handwerklicher Virtuosität. Der Künstler ist ein ebenso sensibler wie kritischer Beobachter unserer Zeit. Er erfindet für seine Themen eine eigene Bildsprache. Seine Malerei ist figurativ, metaphorisch und meist von fotorealistischer Direktheit.

Der russische Maler Yaroslav Kurbanov (hier zusammen mit seiner Frau) stellt in der Galerie Steinrötter aus – Foto: Jörg Bockow

Sein aktuelles Thema ist die “Totale Kontrolle”, die von der zunehmenden Digitalisierung ausgeht. Das Internet, Facebook, Google und alle medialen Konsorten verwandeln alles in berechenbare Daten. Privatheit, Individualität und unsere Freiheiten sind längst der Sammelwut der digitalen Welt preisgegeben. Es gibt keine Geheimnisse mehr und alles Wissen über uns, ist von jedem Ort der Welt abrufbar, nutzbar von undurchschaubaren Mächten und für immer verfügbar. Die Daten über uns gehen nicht verloren. Der Mensch wird zur Marionette, gesteuert und manipuliert von denjenigen, die über diese Daten verfügen.

“Google hat uns immer im Blick” – Yaroslav Kurbanov: Der Beobachter, Öl auf Leinwand, 2018

Yaroslav Kurbanov ist verbittert und wütend zugleich. Eine Lösung, dieser allmächtigen Kontrolle zu entgehen, kennt er nicht, gesteht er im Salongespräch. Aber er ermuntert die Besucher über die fortschreitende Entfremdung durch die Digitalisierung nachzudenken. Der Kreis der Interessenten war schnell überzeugt und steuerte eigene Erfahrungen und Betrachtungen bei. Die Frage blieb ungelöst im Raume stehen: Ist die Welt noch zu retten?

Yaroslav Kurbanov: Totale Kontrolle, Öl auf Leinwand, 100×100 cm, 2017

“Es ist unsere Sicherheit worum es geht, so wird es uns erklärt”, sagt der Künstler Yaroslav Kurbanov. “Eine Garantie für ein gefahrfreies Leben – ist es nicht ein ausreichender Grund um etwas von unserem Privatleben freizugeben? Dann noch ein bisschen mehr, ein paar Jahre später noch ein wenig mehr…” Die Entwicklung hat ein rasantes Tempo angenommen. Den Geistern der Digitalisierung ist nicht mehr beizukommen.

Yaroslav Kurbanov: Individualität, Öl auf Leinwand, 40x40cm, 2017

Yaroslav Kurbanov will uns wachrütteln – aber ist es nicht alles das, was jeder schon weiß und trotzdem resignativ über sich ergehen lässt? “Es ist unsere Bequemlichkeit worum es geht, so wird es uns erklärt. Wozu braucht man Bargeld? Es ist so wunderbar bequem mit einer Karte alles zu bezahlen. Es geht auch noch weiter: es ist einfach genial einen Chip in den Arm implantieren lassen, auf dem alles gleich drauf ist – dein Personalausweis, deine Krankenversicherung, deine Kreditkarte… Stelle dir nur vor, du musst gar nichts mehr mitnehmen!

Man soll aber nicht vergessen, dass eine Medaille immer zwei Seiten hat. Einerseits wollen wir uns natürlich sicher fühlen. Bei der Globalisierung der letzten Zeit geht es uns dabei schon nicht mehr nur um die Sicherheit bei den Urlaubsreisen, sondern um unser Leben zuhause: ohne Bedenken ein Konzert besuchen, zu einem Fußballspiel oder einfach zum Weihnachtsmarkt gehen.

Andererseits fühlt man sich wirklich wohl und sicher, wenn man weiß, dass man immer beobachtet wird, dass es jederzeit problemlos festzustellen ist, wo man ist und was man tut, dass die Telefonate abgehört und die Internetaktivitäten verfolgt werden? Und bargeldlos oder gar mit einem implantierten Chip zu leben? Das bedeutet, dass alle Angewohnheiten irgendwo gesammelt und gespeichert werden.

Was, wo, wie viel und wie oft du kaufst bis hin zu Unterwäsche und Kontrazeptivum, wann und warum du zum Arzt gehst, welche Versicherungen du hast und mit welchem Anwalt du zu tun hast und so weiter. Am Ende hat derjenige mit dem Zugriff zu diesen Daten eine unbegrenzte Macht über dich.

Das Orwell’s “Big Brother is watching you” ist nicht mehr wegzudenken. Wie leicht ist es für diesen, dich zu manipulieren? Geschweige denn, dass der Speicherort lediglich ein Computer ist, eine Maschine in die eingebrochen werden kann. Wer hat dann alle deine Daten und wie benutzt er sie? Wir bewegen uns in eine Gesellschaft mit der Möglichkeit der totalen Kontrolle, wo unser Privatleben, unser Wohl und Weh, das Wichtige über uns und aber auch die Kleinigkeiten digitalisiert und gespeichert werden, um dann benutzt werden zu können. Die Frage ist nur: für uns oder gegen uns?”

Yaroslav Kurbanov hat eine dezidierte Position. Sie kommt in seinen wundervoll gemalten Gemälden auch klar zum Ausdruck. Aber die Zeit rennt. Sie rennt uns davon. Und die digitalen Datenräuber werden immer mehr. Während des anregenden Salongespräches wurde darüber sinniert, ob es überhaupt gelänge, sich aus den Fängen der allgegenwärtigen Datenkrake zu befreien – und mit welchem Resultat. Ein Mensch, der keine Nummer mehr ist und für den es keinen digitalen Code gibt, existiert der überhaupt noch? Frei nach Descartes heißt es heute: Ihr kennt meinen Code – also bin ich. Ein schwacher Trost. (Jörg Bockow)

Galerie Claus Steinrötter / Rothenburg 14-16 / 48143 Münster
Telefon 0251 – 44400
www.steinroetter.de


 

 


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