Kunsthaus Kannen zeigt eigene Sammlung

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Amelsbüren – „Die bildende Kunst ist ein ausgezeichneter Ort ist, um Freiheit zu erfahren“, so der Kulturwissenschaftler Andreas Mertin. Als die Alexianer in Münster Anfang der 80er Jahre begannen, künstlerisch begabte Langzeitpatienten gezielt zu fördern, schufen sie einen solchen Ort. Das Kunsthaus Kannen erweist sich als ein Erbe, das kulturellen Reichtum, aber auch soziale Verantwortung für die Zukunft bedeutet. Heute ist vor allem die Förderung junger Künstler ist ein besonderes Anliegen. Anfang der 90er Jahre wurde mit der Archivierung der Grundstock der heutigen Sammlung gelegt. Aus Anlass der in Kürze erscheinenden Publikation „Das Kunsthaus Kannen Buch. Gegenwartskunst – Art Brut und Outsider Art“ stellen wir in dieser Ausstellung weitere Künstler vor, die in nunmehr zweiter Generation im Kunsthaus arbeiten.

Mücke - Frau Blume

Klaus Mücke: Frau Blume

Rosa Benzel (*1951)

In den Buntstift- und Kreidezeichnungen der Künstlerin Rosa Benzel finden die Motive zu ihrer eigenen, sehr ausgeprägten Form. Ihre Bilder von Menschen, Tieren, Landschaften oder Blumenarrangements sind Charakterporträts, die eine typische Haltung oder einen speziellen Gesichtsausdruck genau beobachtet wiedergeben. Eine dicke honigfarbene Katze mit traurig runden Augen, ein geschmeidiger Fuchs mit misstrauisch schräg gestellten Augen, ein offen lachendes Kindergesicht. Aus der Ferne dominiert ein leuchtender Gesamteindruck, der bei näherem Betrachten verhaltener wird. Die Motive bauen sich von innen auf, langsam Strich für Strich, und erhalten so ihre körperliche Ausstrahlung. Rosa Benzel ist in Kasachstan aufgewachsen, wo im Sommer freilebende Haustiere und selten gewordene Wildtiere durch die Steppen ziehen. Die Bilder von Benzel spiegeln diesen Reichtum und zeugen von einer Empathie für alles Lebendige.

Karl Cornelius (1924-1989)

Was im großen Maßstab zu komplex erscheint, wird verkleinert, auf wesentliche Merkmale reduziert und so vereinfacht. In einem Modell versteht man idealerweise auf den ersten Blick, „worum es geht“. In den künstlerischen Modellen von Karl Cornelius, der in Herten – lange die größte Bergbaustadt Europas – in einer Siedlung von Zechenarbeitern und Taubenzüchtern aufwuchs, zeigt sich die ganze Palette des handwerklichen Könnens, das den Modellbau auszeichnet: der Umgang mit Holz und Farben, die Kenntnis mechanischer Verbundtechniken, der Sinn für (technische) Zusammenhänge, nicht zuletzt Fantasie und die Lust an der Miniatur. Cornelius baute Volieren, konstruierte Flugzeuge, Schiffe und Riesenräder sowie vielteilige Szenerien mit Wipp- oder Schaukelmechanik. Die Verspieltheit der Objekte und ihre frische Farbigkeit täuschen jedoch nur auf den ersten Blick darüber hinweg, dass das Dargestellte meist weniger harmlos und vergnüglich ist, als es scheint. Karl Cornelius war nicht nur Konstrukteur und Bastler, sondern auch Maler und Zeichner. Hier ent-täuscht der Künstler eine idyllische Sicht auf die Natur der Wirklichkeit und zeigt modellhafte Szenen, die zeigen, wie unsere Welt im Innern zusammenhängt.

Heithausen

Herbert Heithausen

Karl-Heinz Dohmann (1948-2006)

Der Maler und Zeichner Karl-Heinz Dohmann gibt den Dingen viel Raum für ihr Erscheinen und steigert so beides, Raum und Gegenstand, zu einem hohen Grad der Abstraktion. „Mit kräftigem, breitem Pinselstrich füllt Karl-Heinz Dohmann den Maluntergrund, nimmt wieder Farbe weg oder kratzt Formen und Konturen in sie hinein. Der Künstler schafft eine leuchtende, unperspektivische Welt, die vom Fernweh erzählt. Er malt das Meer mit einem stilisierten Schiff, den Wald mit abstrahierten Bäumen oder den Blick durch ein Fenster in die gleißende Sonne.“ In der Kunst von Dohmann geht es um die innere Verarbeitung landschaftlicher Phänomene, um eine Haltung gegenüber Welt und Natur, die beides als etwas zugleich Ur-Vertrautes und bleibend Un-Vertrautes erfährt.

Helmut Feder (1927-2005)

Der Künstler Helmut Feder zeigt uns die Dinge mit einer großen Sensibilität, entfernt, gleichsam verletzlich. Er wandert in seinen Bildern „wie ein Romantiker durch die Welt und hat einen Blick für deren abgelegenen Winkel. […] Seine Kompositionen sind frei und losgelöst, auch die Menschen und Tiere ohne allzu festen Standpunkt. […] Die Gegenstände werden sicher skizziert, in den Farbkompositionen aber auch ganz verlassen.“ Feder aquarelliert die Bildfläche mit hellen, transparenten Farben zu einem organischen Grund ohne eine bestimmte Tiefe. Vor diesem offenen Grund platziert er mit schwungvollen Tuschestrichen perspektivisch angedeutete lose Formen, die wie durch unsichtbare Impulse aufeinander ausgerichtet, aber selbst passiv erscheinen. Ihre linearen Ränder werden farblich überlaviert, so dass sich Einflussbereiche ergeben, die den Bildraum zugleich durchlässig und verschleiert, das Dargestellte zugleich erzählerisch und offen, lyrisch und abstrakt erscheinen lassen.

Herbert Heithausen (*1947)

Herbert Heithausen arbeitet in weit ausgreifenden, unterschiedlich gerichteten Gesten mit breitem Pinsel. Die unterschiedlichen Leserichtungen vermitteln den Eindruck räumlicher Staffelungen, die das Auge wie von Nahem gesehene Landschaften zu erschließen versucht. Bei längerem Hinsehen löst sich diese „Landschaft“ immer wieder in leuchtende Farbfelder auf. „Mehrere Schichten werden flüchtig übereinander gesammelt, wodurch auch Freiräume herausgebildet werden. In einigen Fällen hebt Heithausen diese zielstrebig durch eine Schraffur der Kontur mit Kreide hervor. […] durch die unterschiedliche Anzahl der Farbschichten erreicht der Künstler eine differenzierte Intensität, auch verlaufende Spuren und Farbkleckse geben den einzelnen Bildern einen eigenen Charakter.

Wilke Klees (*1978)

In der Kunst von Wilke Klees begegnen wir der Vielfalt unserer Welt in ihrer Darstellungsvielfalt. Klees beherrscht das Medium der Zeichnung in all ihren Varianten: den sicheren Strich des Porträts, die sensible Lasur des Aquarells, die schnelle Feder der Karikatur, das Style-Writing des Graffiti, die pointierte Zeichnung des Comic – nicht zuletzt die selbstironische künstlerische Geste. In seinen Bildern thematisiert Klees die ganze (verrückte) Welt: reale Landschaften oder fiktive Sehnsuchtsorte, Flora und Fauna botanisch genau oder frech wie im Trickfilm, tatsächliche technische Erfindungen – Maschinen, Autos, Flugzeuge, Fabriken, Kraftwerke – und Futurologisches wie Ufos oder Aliens. Dabei studiert er Einzelnes für sich oder kombiniert, so dass Rätselbilder über die Verbindung von Mensch und Natur, von Natur und Technik, von Tier- und Pflanzenwelt entstehen. Wilke Klees ist ein Kind der Postmoderne, für das die Erfahrung der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, das Nebeneinander von Ernst und Komik, von Hoch- und Popkultur Normalität bedeutet.

Willi Lütkemeyer (1930-1999)

In den Prosagedichten von Willi Lütkemeyer geht darum nachzuvollziehen, was Sprache über die Ordnungen in der Welt verrät, wie wir die Welt (sprachlich) ordnen und dabei das Leben auch verfehlen. Es geht um die sprachliche Ordnung und die Ordnung als Sprache, und auch um geordnetes Sprechen. Lütkemeyer beginnt meist in der Art einer allgemeinen These, einer sprachlichen ‚Wahrheit‘: „Dies steht schon zur Debatte.“ „Ein Wort der Lehre gibt es schon.“ „Dies steht zur Brutalität.“ „Dies steht in den Wolken.“ Diese sprachliche ‚Wahrheit‘ wird in den folgenden Sätzen dann ‚erschüttert‘: Aus Hauptworten werden Adjektive, das Subjekt des Satzes wird gegen ein anderes ausgetauscht, oder aus einer Aussage wird eine Frage. Wie in der Bewegung des Anfahrens nimmt jeder Satz einen neuen Anlauf, mit dem sich der Sinn leicht verschiebt, reflektierend ‚ausgebremst‘ wird oder ganz entleert manchmal bis an den Rand des Verstehens ‚ausrollt‘.

Klaus Mücke (*1943)

Was Klaus Mücke malt und zeichnet, hat seine ganz eigene Form, einen (Eigen-)Namen und darin auch einen eigenen Witz: Seine Arbeiten stellen „Herrn und Frau Trommel“, „Apfel und Apfelbaby“ oder die Schwestern aus dem Kinderheim vor, in dem Mücke aufwuchs. Mücke geht immer seriell vor „und erarbeitet sich dadurch eine ungeheure, stark farbige und großformatige Materialfülle, nicht nur gemalt, sondern auch aus Ton oder als Laubsägearbeiten.“ Besondere Anziehungskraft besitzt die so genannte „Zauberkiste“, auf der er mehrere Motive zusammenbringt. Gegenwärtig arbeitet er an der Serie „Frau Blume“, die er […] nahezu die Bildgrenzen sprengend auf Papier bannt.“ Konzentriert und ohne Zögern trägt er die Konturen auf, um sie mit wiederholenden Linien mehr und mehr auszudehnen. Klaus Mücke hat in seiner Kunst eine Formensprache erfunden, die unverkennbar seine ist.

Bruno Ophaus (1920-1991)

Der Maler Bruno Ophaus setzt die Farben in lockeren Gesten über- und nebeneinander, so dass sich eine malerische Oberfläche von in- und übereinander liegenden Flecken ausbildet. Auch die Figuren werden weich umrissen, so dass sie keine klare Körperlichkeit ausbilden, sondern an ihren Rändern scheinbar in den Bildgrund übergehen. In einigen Arbeiten geht Ophaus in der malerischen Bearbeitung so weit, dass der Eindruck einer verschwindenden oder gerade auftauchenden Figur entsteht. In der Kunst von Ophaus geht es um den Moment des Übergangs, in dem wir zögern, unentschieden sind, weil wir etwas Unbestimmtes erwarten oder fürchten. Indem er Figuren und Grund ineinander arbeitet, durch den malerischen Einschluss der Figur in die umgebende Farbe, verleiht er den Figuren eine besondere Labilität. Es ist, als würden sie sich dem Druck des Pinselstrichs beugen, sich ducken, abwenden oder leicht krümmen. So bilden sich über die offene Malerei bestimmte Haltungen aus. In vielfarbigen, humorig bewegten Serien zeichnet Ophaus nach, wie sich mit der Form der Wirbelsäule auch das charakteristische Erscheinungsbild der Lebewesen ändert: von den Fischen, über die Amphibien und die Vögel bis zu den Säugetieren – eine Familienähnlichkeit aber bleibt.

Fritz Tobergte (1913-1989)

In der Kunst von Fritz Tobergte, dessen frühe Zeichnungen bereits in die 70er Jahre datieren, erscheint das Ornamentale nicht nachgeordnet, sondern wird selbst als besondere, gleichermaßen formbildende wie -auflösende Bewegungslinie sichtbar: „Die Wellenlinien holen das Außen permanent ins Innere der Form herein. […] Die Linie wird zum selbstständigen Verlauf, zu einer Bewegungsbahn permanenter Unruhe.“ (Erich Franz) „Aus endlosen verschlungenen und spiralförmigen Linien und Schnörkeln entwickelten sich seine Bilder. Die Darstellungen zeigen Häuser, menschliche Begegnungen, orthodoxe Kirchen und immer wieder Jesus Christus mit Krone und Wundmalen auf riesigen, manchmal auch von Pfeilen durchbohrten Händen und Füssen, ausgebreitet zur Kreuzgestalt. Auffällig sind seine eingestreuten Texte, zum größten Teil Liedtexte und Gebete, aber auch zahlreiche Zitate und Fragmente, deren Bedeutung nicht immer zu entschlüsseln ist. Fritz Tobergte hielt die Fülle von scheinbar nicht zu vereinenden Ideen und Symbolen durch die endlose Linie zusammen, durch seine Bilderschrift.“ Bildnerische Linie und Schrift sind bei Tobergte gleich ursprünglich, weil sie auseinander hervor- und ineinander übergehen.

Heinz Unger (1928-2007)

Heinz Unger spaziert zu den umliegenden Dörfern am Kanal entlang, über Feldwege, durch Wälder und Wiesen, vorbei an Bildstöcken, ist er unterwegs zum Gotteshaus. In seinen Zeichnungen greift er wesentliche Motive auf, löst sie aus den vertrauten Zusammenhängen und verschlüsselt sie in seine Zeichensprache. Er ist vertraut mit der Bilderwelt und der Formensprache von Liturgie und heiliger Schrift.“ (Lisa Inckmann) Im Werk von Heinz Unger, der 1928 in Lauban, im ehemaligen Niederschlesien, geboren wurde, kann man zwei Gruppen unterscheiden: Die Bunt- und Filzstiftzeichnungen mit einer dichteren Erzählstruktur, in denen sich über farbige, malerische Flächen eine eigene Gliederungs- und Erzählebene ausbildet und ein subtiles Zusammenspiel aus Linien und Flächen, aus leuchtender Wachsmalkreide und offen lavierter Wasserfarbe entsteht. Die andere Gruppe bilden seine reduzierten, in Tusche gearbeiteten ‚Schriftbilder‘. Das Zeichenvokabular erinnert hier an frühe Vorläufer der Schrift, etwa die Keilschrift. Wie diese alten Bilderschriften führen Ungers Strichfiguren, Objekte, Raster und Kürzel zurück an den Anfang der Unterscheidung zwischen Bild und Zeichen. Wir können sie nicht lesen, umso mehr können wir versuchen, sie wahrzunehmen als visuelles Zeugnis, das weit zurückreicht in das Bildgedächtnis des Menschen.

Die Sammlung, Kunsthaus Kannen, Münster 16. August – 30. Oktober 2016

Die neue Publikation Das Kunsthaus Kannen Buch. Kunst der Gegenwart – Art Brut und Outsider Art wird am 30. September 2016 vorgestellt.

Kunsthaus Kannen / Museum für Art Brut und Outsider Art / Alexianerweg 9 / 48163 Münster
Telefon 02501 – 96620560
www.kunsthaus-kannen.de

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