Der Kiepenkerl bloggt: Islamische Glaubenskriege

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Die Anführer der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) sind gebildete Leute, die aus gut situierten Familien stammen. So ist der selbsternannte „Kalif“ Abu Bakr al-Baghdadi promovierter Theologe. Sein Stammbaum geht angeblich auf die Familie des Propheten Mohammed zurück. Das ist nach islamischer Tradition eine Grundvoraussetzung für das Amt des Kalifen. Belege für die Genealogie gibt es allerdings nicht. Dem Kalifen zur Seite stehen die Stellvertreter Adnan al-Sweidawi und Fadel al-Hayali. Beide bekleideten unter Diktator Saddam Hussein hohe Ränge im irakischen Militär. Auch auf den Gebieten PR (Video-Botschaften) und IT (Hackerangriff auf französischen TV-Sender) hat der IS seine Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt.

Islamische Glaubenskriege

Staaten mit einem islamischen Bevölkerungsanteil von mehr als 5 % Grün: Sunniten, Rot: Schiiten, Blau: Ibaditen (Oman) – Grafik: von Baba66, NNW [CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons

Der IS kämpft im syrischen Bürgerkrieg gegen die Regierung von Baschar al-Assad, die Jesiden, die Christen und die kurdische Minderheit im Norden des Landes. Alle Andersgläubigen, dazu zählen auch Schiiten, sind Ungläubige. Sie werden als todeswürdig eingestuft und getötet, wenn sie sich im Machtbereich des IS aufhalten.

Das dschihadistisch-salafistische Terrorregime orientiert sich am Vorbild der frühislamischen Gemeinde zu Lebzeiten des Propheten Mohammed vor rund 1.400 Jahren. Gesetze, die von Menschen gemacht wurden, lehnen sie ab. Die Fundamental-Sunniten akzeptiert nur Regeln, die sich aus dem Koran und den Überlieferungen über das Leben und Wirken des Propheten ableiten lassen. Fatal ist nur die Inkonsequenz. Wenn Glaubenskrieger, wie zu Mohammeds Zeiten, zu Fuß, mit Kamelen und Säbeln in den Krieg ziehen würden, wäre alles halb so schlimm.

Auch im Irak und im Jemen gibt es Glaubenskriege zwischen den beiden größten Glaubensrichtungen des Islam. Etwa 80 bis 90 Prozent der Muslime weltweit sind Sunniten, nur in wenigen Ländern stellen Schiiten die Mehrheit. Dazu zählen der Iran, der Irak und das Königreich Bahrain.

Die Ursachen für die Feindseligkeiten reichen zurück bis ins siebte Jahrhundert. Damals spaltete sich die muslimische Gemeinschaft im Streit über die Nachfolge des Propheten Mohammed. Die Sunniten (Leute der Tradition), wollten einen geeigneten Kandidaten für die Nachfolge frei bestimmen. Sie beschlossen, dass ein Mitglied des Stammes Mohammeds durch einen Rat zum Kalifen (Nachfolger) gewählt werden solle und einen Treueeid leisten müsse. Dadurch seien Führungsstärke und Abstammung miteinander verbunden.

Weil die Schiiten keinen leiblichen Nachfahren Mohammeds als weltlichen Führer durchsetzen konnten, entwickelten sie das Konzept der geistlichen Herrschaft durch einen Imam. Die schiitischen Imame gehen in der Ahnenreihe zurück auf die Familie von Ali. Sie sind über seine Mutter Fatima, der Tochter des Propheten Mohammed, mit dem Religionsstifter verbunden. In ihrer schiitischen Hierarchie gibt es einflussreiche Ayatollahs.

Die aktuelle Lage in vielen muslimischen Staaten ist mit der Zeit der Religionskriege in Europa im 16. und 17. Jahrhundert vergleichbar. Die katholische Kirche hatte durch die Reformation ihre Bedeutung als religiös-ideologisch-politische Instanz verloren. Erst nach dem Dreißigjährigen Krieg fanden die europäischen Staaten neue Regeln, mit denen sich das Zusammenleben unterschiedlicher religiöser Gemeinschaften organisieren ließ. Eine erste, begrenzte Trennung von Staat und Religion war die Konsequenz. Eine wirkliche Trennung von Kirche und Staat gab es erst mit der Französischen Revolution. Fortan waren die staatlichen Gesetze für alle Staatsbürger verbindlich, während die Religion zur Privatsache wurde. Friedrich der Große brachte es auf den Punkt: „Jeder soll nach seiner Fasson selig werden.“

Bis zu einer demokratischen und liberalen Staatsform ist es für die muslimischen Länder noch ein langer, blutreicher Weg. Schließlich geht es nicht nur um den Führungsanspruch der jeweils herrschenden Glaubensrichtung, sondern auch um die Unterdrückung Andersgläubiger, die nicht angemessen in der staatlichen Verwaltung vertreten sind, nur unzureichend am wirtschaftlichen Erfolg beteiligt werden und teilweise unter Verfolgung leiden.

Die Amerikaner waren blauäugig in der Annahme, dass sich die Probleme in den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens durch die Vertreibung der Diktatoren und die Einführung demokratischer Strukturen lösen ließen. Doch das nach dem militärischen Eingreifen entstandene Machtvakuum sorgte für eine Radikalisierung der bisher unterdrückten Minderheiten. Nachahmer ließen auch in anderen Regionen der Welt fanatisch-religiöse Gruppierungen erstarken, die sich auf den Koran berufen. Ihr militanter Machtanspruch verhindert ebenfalls das friedliche Zusammenleben mit Andersgläubigen.

Ein iranischer Journalist schrieb sinngemäß: Für junge Männer, die in den tief religiösen Dörfern leben, wo Jungen und Mädchen strikt getrennt erzogen werden, sei der IS eine Befreiung. Er gebe ihnen die Möglichkeit, alles zu haben, wonach sie sich sehnten: Sex, Macht und Stärke. Während sie sich gleichzeitig als Gottes Soldaten sehen könnten. Von dieser Erfüllung träumen inzwischen auch junge Menschen in Europa, die sich vom Erfolg in der westlichen Gesellschaft ausgeschlossen fühlen.

Sunniten und Schiiten unterscheiden sich im Glauben und in der religiösen Praxis kaum. Sie beten mehrmals am Tag, fasten während des Ramadan, fordern eine Pilgerfahrt nach Mekka und sind vereint im einheitlichen Glaubensbekenntnis. Die Unterschiede in zentralen Glaubensinhalten sind zu vernachlässigen. Allerdings bewerten Sunniten und Schiiten einige Überlieferungen zum Leben Mohammeds unterschiedlich. Das gilt besonders für einen Teil seiner Aussagen und für Berichte (Hadithe) über die von ihm vorgegebenen Handlungsweisen. Die Glaubensrichtungen haben sich also weniger wegen theologischer, sondern vielmehr über politische Differenzen auseinanderentwickelt. Fatal für ein friedliches Zusammenleben ist der jeweilige Herrschaftsanspruch.

Angesichts der unversöhnlichen Glaubenskriege nach dem Arabischen Frühling hat der ägyptische Staatspräsident Sisi eine „religiöse Revolution“ gefordert. In deren Verlauf muss es zu einer muslimischen Reformation kommen. Auch im christlichen Europa war ein Säkularisierungsschub erforderlich, damit sich die Gesellschaft aus den Fängen der Religion befreien und zu Freiheit und Wohlstand finden konnte. Weil es im Islam keine zentrale Gewalt gibt, ist der Weg schwieriger als für Luther, denn dem diente der Papst als Adressat.

In Europa leben Muslime der verschiedenen Glaubensrichtungen weitgehend friedlich zusammen. Der Grund ist, dass sie als Minderheit hier ihre Herrschaftsansprüche nicht ausleben können. Diese friedliche Koexistenz ist den kriegführenden Moslems ein Dorn im Auge. Durch Attentate und Selbstmordanschläge versuchen sie, Aufmerksamkeit zu erregen und Zwietracht zu säen.

 

 

 

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