Absurdes Theater mit großen Bildern

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Westfalen – Ein verrückter Mix aus Bildern und Requisiten, Szenen und Klängen: Nichts davon ist gewöhnlich oder alltäglich und doch setzt sich alles aus allseits bekannten Versatz- und Fundstücken zusammen. Unter diesem Blickwinkel wird Wirklichkeit durch reine Künstlichkeit entzaubert, indem sie in neue Zusammenhänge gestellt wird. Die Inszenierung “The Last Adventures”, die jetzt bei der Ruhrtriennale uraufgeführt wurde, ist vor allem eine Collage. Sie setzt auf Irritationen und Überraschungen. Sie verfolgt keinen bestimmten, festgelegten oder gar starren Plan, wiewohl alles in “The Last Aventures” gewollt ist und einer bestimmten Choreographie folgt. Diese läßt aber den einzelnen Schauspielern und Performern viel Raum, zu interpretieren oder sich in kleinen Szenen oder einer Geste auszuleben.

Performance: Ein Balett der Bäume. - Foto: Hugo Glendinning/Triennale

Performance: Ein Balett der Bäume. – Foto: Hugo Glendinning/Triennale

Die Wirkung des Stückes entsteht im Kopf des Zuschauers. Vieles ist geplante Provokation, anderes ein fast dadaistisches Zusammentreffen von Assoziationen und Erinnerungen.  “The Forced-Entertainment”, die Gruppe um Regisseur Tim Etchells wird von mehreren Performern und dem Soundcollagisten Tarek Atoui unterstützt. Der libanesische Klangkünstler hat ein Geräuschkulisse arrangiert, die zwischen Klang und Krach, zwischen Rhythmus und Musik oszilliert. Mitunter scheint der ohrenbetäubende Klangteppich die Geräuschkulisse der ehemaligen Maschinenhalle nachzuempfinden, dann spielt sie mit dem Knattern und Krachen von Explosionen und unendlichen Gewehrsalven. Das Schlagzeug wird zum lärmenden Werkzeug. Passagenweise überzeugt es durch hypnostische Free-Jazz-Einlagen.

Last Adventures: Im Mittelpunkt steht ein Peformance um eine Schlacht. - Foto: Jörg Baumann

Last Adventures: Im Mittelpunkt steht eine Performance um eine Schlacht. – Foto: Jörg Baumann

Es beginnt mit einer bizarren Schulstunde, in der eine Schulklasse tautologischen Phrasen und logische Schlüsse in einer nicht endenwollenden Wortkaskade wiederholt. Die Lehrer sagen vor. Die Schüler memorieren im gleichen Rhythmus. Absurdes Theater mit vielen Spitzen gegen unser Schulsystem aber auch das phrasenhafte unserer Kultur insgesamt. Wörter verlieren ihre Bedeutung. Sprache wird ad absurdum geführt. Übrig bleiben Wort- und Satzhülsen.

Dann lernt ein künstlischer Wald zu tanzen und führt ein skurriles Ballett auf.  Die Performer tragen mannshohe Baum-Schablonen über die Bühne. Schieben, laufen, ziehen und schwenken mit ihnen. Sie scheinen einer minutiösen Choreographie zu folgen. Rollenwechsel, Kostümwechsel und Kulissenschiebereien werden offen gehandelt – auf freier Bühne. Sie sollen ihren artifiziellen Charakter verständlich machen. “Forced-Entertainment” sprengt das Illusionstheater, indem es seine Mittel entzaubert und durchschaubar macht, mit ihnen ironisch spielt.

Der eigentlich Höhepunkt ist eine lange aberwitzige Kriegsszenerie, eine Schlacht, die von den Monty Pythons inspiriert zu sein scheint, die alleine durch den Einsatz der Requisiten und Kostüme wie absurdes Theater wirkt. Soetwas hat man in dieser Präzision noch nie gesehen. Eine bitterböse manchmal auch geschmacklose Parodie, bei der man mitunter schallend lachen muss und einem dann einige Momente später voller Entsetzen das Lachen im Halse stecken bleibt.

Die Darsteller haben sich mit Töpfen und Küchensieben als Helme, Wischmob und Golfschläger als Waffen für einen großen Kampf gerüstet. Es ist eine Schlacht wie aus einem Slapstick-Film. Mann gegen Mann. Auge um Auge. Teils mit schwerem Gerät. Da tanzen die Soldaten-Performer in den Tod, werden erschossen, abgestochen und gemeuchelt. Rote Bänder evozieren den Schwall von Blut, der aus Einschusslöcher hervorschießt. Skelette treffen auf Burgfräulein, Roboter auf Drachen. Die Axt jagt den Baum, dann jagt der Baum die Axt.

Wellen und Wolken: Das Ende folgt mit einem trügerischen Happyend. - Foto: Jörg Baumann/Triennale

Wellen und Wolken: Das Ende folgt mit einem trügerischen Happyend. – Foto: Jörg Baumann/Triennale

“Forced Entertainment” spielt mit großem Enthusiasmus und  mit beeindruckender Spielfreude, setzt selbstgebastelte Requisiten ein, dass es eine helle Freude ist. Die Botschaft wird zugleich verklärt und entzaubert. Es ist wie im Märchen und wie bei einer Inszenierung eines Schultheaters. Das Amateuerhafte wird zum Stilmittel, das die Erzählung ebenso entlarvt wie das Theater selbst. So auch funktioniert das Schlußbild. Die Performer lassen Wellen tanzen, die aus Sperrholzplatten ausgesägt und bemalt sind. Über allem schweben Wolken, die ebenfalls aus Sperrholzplatten ausgesät sind. Ein poetisches und versöhnliches Bild, das wie Zuckerguss über das vergangene Kriegsgetümmel gelegt wird – und damit erneut eine ironische Brechung befördert. Unbedingt sehenswert! (Jörg Bockow)

Maschinenhalle Zweckel /Frentroper Straße 74 / 45966 Gladbeck
www.ruhrtriennale.de


 

 


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