Fragen an: Dr. Klaus Michels, Apothekerverband WL

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Westfalen – Dr. Klaus Michels ist Vorsitzender des Apothekerverbands Westfalen-Lippe. Er ist Apotheker seit 1983 und Inhaber der MediCo Apotheke in Paderborn. Er erklärt, wieso Drogeriemärkte und Online-Versandhandel die klassische Apotheke vor Ort nicht ersetzen können.

Dr. Klaus Michels, Vorsitzender des Apothekerverbands Westfalen-Lippe – Foto: AVWL

Westfalium: Neben dem Schlagwort Landärztemangel ist in den Medien zuletzt verstärkt vom Apothekensterben die Rede. Was ist dran?
Dr. Klaus Michels: Da haben wir Apotheker ein ähnliches Problem wie Ärzte: Überalterung. Außerdem zieht es Pharmazieabsolventen häufig leider in die Industrie, zu Krankenkassen oder Behörden. Nacht- und Notdienste, regelmäßiges Arbeiten an Samstagen – die Arbeitsbedingungen in einer Apotheke erscheinen da weniger attraktiv. Erst recht auf dem Land, das gerade für junge Leute als Lebensumfeld mehr und mehr an Attraktivität verliert.

Westfalium: Könnte der Ärztemangel insbesondere auf dem Land nicht das Apothekengeschäft beflügeln, zum Beispiel wenn die Menschen mit kleinen Leiden wie einer Erkältung zunächst die Apotheke aufsuchen statt den Hausarzt?
Dr. Klaus Michels: Der Gedanke liegt nahe, allerdings wird dabei übersehen, dass Apotheken etwa 80 Prozent ihres Umsatzes mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln erwirtschaften. Wenn die Arztpraxis schließt, ist das für die Apotheke nebenan also katastrophal. Es ist paradox: Mit dem Mangel an Landärzten wird Apotheke als Anlaufstelle für Fragen immer wichtiger, gleichzeitig aber immer unwirtschaftlicher.

Westfalium: Ich habe kürzlich Drogeriemarkt ein nicht apothekenpflichtiges Medikament fast 25 Prozent günstiger bekommen, als ich es sonst in der Apotheke kaufe. Wieso sollte ich es trotzdem in der Apotheke holen?
Dr. Klaus Michels: Weil Sie in der Apotheke auf eine qualifizierte Beratung vertrauen dürfen. Selbst nicht apothekenpflichtige Arzneimittel können zum Teil gefährliche Neben- und Wechselwirkungen haben. Das gilt selbst für harmlos scheinende Nahrungsergänzungsmittel. Der Apotheker ist in der Regel der Einzige, der weiß, welche unterschiedlichen Medikamente sein Patient einnimmt. Wenn jemand ein oder sogar mehrere Medikamente regelmäßig einnimmt, ist es nahezu unverzichtbar, sich auch bei der Selbstmedikation vorher ausführlich beraten zu lassen. Insbesondere bei älteren Patienten erfolgt die Einnahme darum auf Basis eines Medikationsplans.

Westfalium: Und was ist mit dem Online-Versandhandel? Da arbeiten ebenfalls Pharmazeuten und ich bekomme meine Medikamente zum Teil trotzdem günstiger als in der Apotheke.
Dr. Klaus Michels: Im Gegensatz zu Apotheken in Deutschland dürfen ausländische Versand-apotheken ihren Kunden Boni gewähren. Das ist auf den ersten Blick verlockend, allerdings kann meines Erachtens auch das beste Beratungsgespräch am Telefon oder per Livechat ein Face-to-Face-Gespräch in der Apotheke vor Ort nicht ersetzen. Es geht ja nicht nur darum, was der Patient sagt, welche Beschwerden er schildert, sondern auch um den gesundheitlichen Gesamteindruck, den er macht. Ein geschulter Apotheker sieht sofort, wenn jemand dehydriert ist, Kreislaufprobleme hat oder unkoordiniert und fahrig wirkt – alles Symptome, die auf ernste gesundheitliche Probleme hindeuten können und dringend abgeklärt werden müssen. Undenkbar, was passieren könnte, wenn jemand in so einer Situation nur am Telefon beraten würde.

Westfalium: Was müssen die Apotheken vor Ort tun, um weiterhin für die Kunden attraktiv zu bleiben?
Dr. Klaus Michels: Sie müssen Dienstleistungs- und Beratungsangebot weiter ausbauen und die Leistungen, die sie jetzt schon anbieten, bekannter machen. Das gilt auch für digitale Angebote wie Online-Bestellservices oder spezielle Apotheken-Apps. Nur eines darf sich nicht ändern: Der Patient und persönliche Betreuung müssen stets im Vordergrund stehen.


 

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