Münster: Halbzeit der Skulptur Projekte 2017

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Münster – Von den nackten Zahlen her betrachtet fällt die Halbzeitbilanz der fünften Skulptur Projekte in Münster  ausgesprochen positiv aus. Die Besucher kommen in großen Scharen voller Neugier und mit hochgesteckten Erwartungen aus aller Herren Länder in die Westfalenmetropole – und das, obwohl sich die Macher beharrlich im Vorfeld aller produktiven Zusammenarbeit mit dem Stadtmarketing, der örtlichen Hotellerie und der Presse, aller Werbung und allem Marketing verweigert hatten.

Ayse Erkmen: On Water – Foto: Skulptur Projekte 2017/Henning Rogge

Alleine die Aufmerksamkeit und der Erfolg der vorangegangenen Skulptur Projekte reichten bei der Neuauflage, um das Interesse erneut anzukurbeln und eine bemerkenswerte Sogwirkung zu erzeugen. Ausserdem galt und gilt der künstlerische Leiter und streitbare Querdenker Professor Kasper König als Garant für die Kontinuität des weltweit einzigartigen Ausstellungskonzeptes.

Nicole Eisenman: Sketch for a Fountain Foto: Skulptur Projekte 2017/Henning Rogge

König war und ist wieder einmal Zauberer, Zampano und Zeremonienmeister in Personalunion. Die Kaninchen, der er mit Hilfe seiner beiden Kuratorinnen, Britta Peters und Marianne Wagner, in diesem Jahr aus dem Hut gezaubert hat, kommen beim großen Publikum an. Applaus, Applaus!!! Sie entfalten – auch wenn dies Kasper König als Motiv vehement zurückgewiesen hat – Jahrmarktstimmung und Festivalcharakter. Münster hat für 100 Tage eine Art intellektuellen Abenteuerspielplatz. Die Besucher pilgern zu Fuß oder mit der Leeze von Kunstwerk zu Kunstwerk und lernen dabei ganz nebenbei viele Ecken von Münster kennen, die die allermeisten von ihnen noch nie betreten haben (Fernmeldeturm, Sternbusch, Feuerstelle am Hafen und und und). Was Besseres konnte und kann Münster nicht passieren.

Thomas Schütte: Nuclear Temple – Foto: Skulptur Projekte 2017/Henning Rogge

Bereits am Eröffnungswochenende waren rund 1.000 internationale akkreditierte Journalisten und etwa 10.000 Besucher in der Stadt, um die 35 neuen Kunstwerke zu sehen. Auch die internationale Presse schätzt die Münsteraner Ausstellung – vor allem im Vergleich mit der aktuellen documenta in Kassel. Teilweise klingt das Lob für Münster freilich wie eine noch deutlichere Abwertung und tiefere Ablehnung der Ausstellung in Kassel und Athen. Adam Szymczyk wird in der Presse förmlich als die Inkarnation des besserwissenden Kurators stilisiert. So heftig die aktuelle documenta in den Medien durch den Wolf gedreht wird, so wohlwollend und freundlich fällt das Urteil über die Skulptur Projekte Münster aus. In Münster fühlt man sich angesichts einer überschaubaren Menge an Werken wohl. Das allerdings könnte sich in ein paar Wochen als eine durchaus irreführende Einschätzung entpuppen. Man wird die abschließenden Beurteilungen und Kritiken abwarten müssen, die mit einigem Abstand nach dem Freudentaumel und der Euphorie über die hohen Besucherzahlen kommen werden.

Es ist abzusehen, dass nach einer gewissen Ausnüchterung nur ein überschaubarer Teil der Skulpturen und Projekte Bestand haben werden, weil sie uns weiterhin etwas zu sagen oder sich in unser Gedächtnis eingebrannt haben. Wahrscheinlich gehören die Arbeiten von Nicole Eisenmann, Thomas Schütte, Alexandra Pirici, Pierre Huyghe und Ayşe Erkmen dazu. Ei Arakawas Installation haben nur sehr wenige wirklich sehen und hören können, da diese völlig blödsinnig so platziert ist, dass man die LED-Bilder bereits bei normalem Tageslicht nur ein wenig blitzen sieht, geschweige denn bei Sonnenlicht, was „ganz unvorhersehbar und überaschend“ im Sommer doch ein wenig häufiger auftritt. Vor Michael Deans Installation „Tender Tender“ im Innenhof des LWL-Museums für Kunst und Kultur hatte Professor Klaus Bußmann, der spiritus rector der Skulptur Projekte, schon einmal ziemlich befremdet und ratlos die Achseln gezuckt. Einiges fände er gut, anderes weniger, hatte er im WDR-Fernsehen gesagt.

Als Ausstellung im öffentlichen Raum erheben die Skulptur Projekte keinen Eintritt, somit entfällt die Anzahl von Ticketverkäufen als Bezugsgröße. Zählungen an den einzelnen Standorten lassen aber dennoch eine Hochrechnung zu – nach neun Wochen Laufzeit verzeichnen die Skulptur Projekte rund 350.000 Besucher.  Das ist ein bemerkenswerter Rekord. Dabei variieren die an den einzelnen Projektstandorten gemessenen Besucherzahlen je nach Lage, Zugänglichkeit, Popularität und sinnlicher Erfahrbarkeit. Nicht wenige der Besucher lassen es sich nicht nehmen, immer wieder über den Steg im Hafen zu wandeln und die quirrlige Atmosphäre der Amüsiermeile aus einer beschaulichen Perspektive zu genießen.

Michael Dean: Tender Tender – Foto: Skulptur Projekte 2017/Henning Rogge

Der Steg von Ayşe Erkmen, der Brunnen von Nicole Eisenman sowie die Werke rund um das LWL-Museum für Kunst und Kultur sind denn auch am stärksten frequentiert. Einzelne Projekte haben inzwischen Volksfestcharakter entwickelt. Dazu gehört mit Sicherheit der Steg im Hafenbecken, der vom ersten Tag an ganz vorhersehbar zur Chiffre der Skulptur Projekte 2017 geworden ist. Man trifft sich vor Ort, freut sich und kommt miteinander ins Gespräch. Und kleine Fische umspielen voller Neugier die Füße der Besucher.

Die Münsteraner haben die Skulptur Projekte als „ihre“ Ausstellung längst adoptiert und vereinnahmt. Sie sind mächtig stolz auf die internationale Beachtung und Wahrnehmung. Das ursprüngliche Motiv für das Ausstellungsprojekt: Die Münsteraner wach zu rütteln und einen Lernprozeß zur modernen Kunst anzubieten ist längst passé und vergessen. Die Münsteraner haben ihre Lektion gelernt. So gesehen hat sich die Ausstellung eigentlich überflüssig gemacht. Doch Brief und Siegel darauf: Die Skulptur Projekte werden weitergehen. Und weil es so schön ist, wird mit Sicherheit auch der Zehnjahres-Turnus schon bald wieder zur Disposition gestellt werden. Wäre nicht eigentlich alle fünf Jahre ein viel besserer Rhythmus?! Beim Stadtmarketing würde man offene Türen einrennen…

Hervé Youmbi: Les masques cérèstes – Foto: Skulptur Projekte 2017/Henning Rogge

Die Skulptur Projekte sind heuer wie ein großes Event und Fest, das gefeiert wird – obwohl sich für einen Großteil der Besucher der Sinn der einzelnen Skulpturen und Projekte tatsächlich nicht erschließt. Moderne Kunst spricht nicht für sich. Sie ist ganz offensichtlich rätselhaft, voller Voraussetzungen und mit Vorüberlegungen befrachtet, die eigentlich zu jedem Werk ein Booklet verlangen. Ohne Kunstvermittlung gibt es erfahrungsgemäß kaum einen Zugang, zumal die offizielle App und der Katalog die Irritation und Ratlosigkeit bei den meisten der Gäste nurmehr vergrößern.

Ratlose Gesichter und ketzerische Bemerkungen überwiegen bei den Besuchern, denen man unterwegs und vor den Skulpturen begegnet. So einen Quatsch oder Unsinn habe man lange nicht mehr gesehen, heißt es nicht gerade selten. Vor so viel Irritation schüren die offiziellen Materialien alle Vorbehalten gegenüber moderner zeitgenössischer Kunst weiter. Statt einen Brückenschlag und eine Verständigung anzubieten, vermitteln sie den Eindruck, das sei alles eh nur etwas für Spezialisten oder weltfremde Spinner. Da haben die Macher eine Chance vertan und allen Ablehnern zeitgenössischer Kunst einen Bärendienst erwiesen.

Alexandra Pirici: Leaking Territories – Foto: Skulptur Projekte 2017/Henning Rogge

Zugleich aber freut man sich in der Stadt mit vielen Menschen ins Gespräch zu kommen – vor allem wenn diese ratlos über die kryptische Karte gebeugt sind, deren Sinn offenbar darin besteht, falsche Fährten zu legen. Wer nicht fragt, bleibt dumm – oder gelangt nicht zu dem gewünschten Ort. Die Materialien und die Wartezeiten vor einzelnen Projekten und Performances bringen die Besucher miteinander in Kontakt. Vielleicht ist dies der wichtigste Effekt, den die Skulptur Projekte im Jahr 2017 zeitigen. Die Erfahrung damit wird vermutlich über das Jahr hinaus auch bleiben. Münster zeigt sich als weltoffene und kommunikative Stadt. Als besonders lebenswert ist sie ja eh schon ausgezeichnet worden.

Die ausstellungsbegleitenden Angebote der Kunstvermittlung wurden von bisher rund 23.700 Besuchern in Anspruch genommen. Insgesamt 4.446 Besuchern nahmen an den 296 öffentlichen Touren in elf verschiedenen Sprachen, darunter Deutsche Gebärdensprache, Leichte Sprache und Deutsch mit multisensorischer Ausrichtung teil. Im Rahmen einer individuell gebuchten Tour haben mehr als 1.000 Gruppen die Ausstellung erkundet.

Die kostenlosen Workshops für Schulen haben bisher 194 Gruppen genutzt, schreibt die Presseabteilung der Skulptur Projekte weiter. Es sind noch zahlreiche Termine im neuen Schuljahr zu vergeben. Das kostenlose Ferienprogramm lädt Kinder von Montag bis Samstag jeweils von 10 bis 13 Uhr und Jugendliche von Montag bis Freitag von 14 bis 17 Uhr in die Trafostation ein.

Die Kooperation mit dem Skulpturenmuseum Glaskasten Marl unter dem Titel THE HOT WIRE zieht ebenfalls eine positive Halbzeit-Bilanz: Mit mehr als doppelt so vielen Besucher wie üblich in Marl ist die Kooperation mit den Skulptur Projekten Münster sehr erfolgreich und wird damit auch nachhaltig in Stadt und Region wirksam sein. Tatsächlich erwartet die Besucher in Marl eine Vielzahl neuer und alter Arbeiten und Objekte. Es sind dies in der Mehrzahl Skulpturen und Plastiken, die man anfassen, betrachten und an denen man sich buchstäblich den Kopf stoßen kann. Ganz im Unterschied zu den vielen performativen Arbeiten in Münster, die mitunter als Kopfgeburten erlebt werden.

Kunst im öffentlichen Raum ist den Reaktionen der Besucher viel direkter ausgesetzt als Kunst, die im Schutzraum Museum präsentiert wird. Seit der ersten Ausgabe der Skulptur Projekte gab es immer wieder Übergriffe auf die Werke. So versuchte zum Beispiel 1977 eine Gruppe von Menschen die Giant Pool Balls von Claes Oldenburg in den Aasee zu rollen, 1987 wurde die Madonna von Katharina Fritsch mehrmals beschädigt und sogar gestohlen; allerdings auch mit niedergelegten Blumenkränzen geehrt.

1997 verschwand wenige Wochen nach der Eröffnung die Arbeit von Ian Hamilton Finlay und tauchte erst fünf Jahre später wieder auf; heute hängt sie wieder an ihrem angestammten Platz. 2007 wurde der Caravan von Michael Asher gestohlen und nach zwei Tagen in einem Waldstück wiedergefunden, ebenso wurden die Lautsprecher beim Projekt von Susan Philipsz mehrfach entwendet.

Die Vorfälle, die sich bei den Skulptur Projekten 2017 in den vergangenen Wochen ereignet haben, sind unterschiedlich motiviert: bei dem Diebstahl eines LED-Bildes von Ei Arakawa handelte es sich vermutlich um einen Kunstraub, die Beschädigungen an den Gipsfiguren von Nicole Eisenman können als Fälle von Vandalismus verstanden werden und beim Projekt von Koki Tanaka wurde gezielt das technische Equipment entwendet. Im Vergleich zu 2007 ist bislang keine Zunahme von mutwilliger Zerstörung oder Einbruch zu vermelden. Glücklicherweise. Dennoch sind die Diebstähle und auch die Beschädigungen ausgesprochen ärgerlich.

In dieser Woche wird die zweite, überarbeitete Ausgabe des Ausstellungskatalogs, der bei Spector Books erscheint, in Münster angeliefert. Somit wurden in der ersten Hälfte der Laufzeit ca. 30.000 Exemplare verkauft. Parallel haben der Aschendorff Verlag und die Westfälischen Nachrichten, neben ihrer intensiven und zudem immer gut verständlichen Begleitung der Ausstellung in der Tagespresse, zwei bemerkenswerte Publikationen herausgegeben. Diese sind eigentlich eine schallende Ohrfeige für die selbstverliebte und kryptische Sprache in den offiziellen Materialien wie dem Ausstellungskatalog, der Orientierungskarte und der App.

Die „Gebrauchsanweisung“ der Skulptur Projekte 2017, von Kulturredakteur Gerhard Heinrich Kock verfasst, ist ein echter Coup. Kock hat aus der Not eine Tugend gemacht. Er schafft es, die Besucher der Ausstellung vernünftig zu jeder einzelnen Station zu führen und mit ein paar Stichworten und einer verständlichen Sprache die Auseinandersetzung mit Kunst überhaupt erst zu ermöglichen. Diese „Gebrauchsanweisung“ schafft das, was der Katalog offenbar gar nicht leisten will.

Empfehlenswert ist zudem die kleine Publikation „Alles Figine“ von Wolfgang Schemann, ebenfalls bei Aschendorff erschienen. Schemann, viele Jahre lang Lokalchef der Westfälischen Nachrichten, schafft es mit wunderbar witzigen Formulierungen, das Geschwurbel aus dem offiziellen Ausstellungskatalog zu entzaubern und den Blick auf die Skulptur Projekte zu schärfen. So macht es weiterhin Spaß, sich den einzelnen Positionen der Skulptur Projekte 2017 zu nähern. Wir sehen uns! (Jörg Bockow)


 

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