Der Kiepenkerl bloggt: Fleisch, lebe wohl!

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Der Karneval in Münster ist nach genauer Übersetzung alles andere als ein fröhliches Ereignis, denn das lateinische „carne vale“ bedeutet „Fleisch lebe wohl“. Mit diesem Spruch wurde im Mittelalter die 40-tägige fleischlose Fastenzeit eingeläutet. Im vorbereitenden Karneval wurden die letzten Fleischbestände in wildem Treiben und fröhlichen Feiern verzehrt. Diese konsumorientierte Interpretation des Karnevals empfand man in der Metropole des westfälischen Karnevals als Faschingsscherz. Doch die Kritiker waren davon überzeugt, dass der Karneval in der Stadt des Westfälischen Friedens mit seiner zurückhaltenden Fröhlichkeit auf „carne vallach“, den kastrierten Hengst des westfälischen Wappentiers zurückgeht.

Der Rosenmontag in Münster – Foto: Presseamt Münster/MünsterView

In der Musik wird die fünfte Jahreszeit mit ihrem närrischen Treiben traditionell auf „carrus navalis“ zurückgeführt. Nach der bildreichen barocken Sagenvorstellung zieht die Göttin des Frühlings und der Fruchtbarkeit am Rosenmontag mit diesem Karnevalswagen umher. Für diese lasterhafte Interpretation sprechen die Operetten „Karneval in Rom“ und „Die Fledermaus“, denn dort geht es ebenfalls ganz schön zur Sache.

Viele namhafte Komponisten nummerierten ihre amourösen Faschingserlebnisse aus Datenschutzgründen. Nach gesicherten Erkenntnissen des bischöflichen Instituts für Zölibat- und Lustforschung handelte es sich bei Beethovens Neunter um die Tanzlore Gundula Seltenfröhlich aus Wolbeck. Dieser Lebedame standen die meisten Karnevalsgesellschaften reserviert gegenüber. Deshalb bezeichnete ein enger Freund des Meisters den letzten Satz der Symphonie mit der Anspielung auf Schillers „Ode an die Freude“ als geschmacklos. Diese ablehnende Haltung gegenüber der Neunten wurde allerdings nicht von allen Karnevalisten geteilt. Es gab auch Stimmen, die „Die lustigen Weiber vom Ziegenbocksmontag“ als gefällig und ideenreich bezeichneten.

Bei Franz Schuberts Achter tappten die pastoralen Fasenachter nach wie vor im Dunkeln. Es ist lediglich bekannt, dass der Meister die „Unvollendete“ nach dem gestörten Schäferstündchen am 11.11. nicht wiedergesehen hat. Kein Wunder, dass die Schubert-Gesamtausgabe mit seiner vermeintlich letzten amourösen Begegnung endet. Für eine Neunte gibt es außer der Magie der Zahl keine Hinweise. Die Analogie bezieht sich auf Beethoven und Bruckner, aber auch an Dvorak und Mahler, die sich ebenfalls bis zur Neunten vorgeliebt hatten. Anders als im Karneval spielt die Zahl „elf“ in der Musik keine Rolle.

Maurice Ravel nummerierte seine amourösen Faschingsabenteuer als „Suiten“. Nicht zweifelsfrei nachgewiesen ist, ob es sich bei der Bezeichnung um das von ihm zweckentfremdete Etablissement oder um die Verballhornung des aus dem Englischen stammenden Ausdrucks „Süße“ handelt. Jedenfalls war die Karnevalszeit damals wie heute ein reizvolles körperliches Vergnügen mit bleibenden Erinnerungen.

Das wusste auch ein westfälische Bauer, der den Karneval mit folgenden Worten lobte: „Fief Johr was use Lisbeth verhirot – nix. Eenmaal Rosenmaandag in Mönster – dä!“


 

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