LWL-Messe der Integrationsunternehmen in Münster

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Westfalen – In Westfalen-Lippe gibt es zurzeit rund 150 Integrationsunternehmen oder -abteilungen in größeren Firmen aus Industrie, Handel und Gewerbe, in denen rund 1.450 Menschen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten. Die Betriebe, die in der Regel zwischen 25 und 50 Prozent Mitarbeiter mit Handicaps beschäftigen, sind rechtlich und wirtschaftlich selbstständig. Sie müssen sich wie jedes andere Unternehmen am freien Markt behaupten.

Das Team hat für die Gäste immer ein Lächeln auf den Lippen. - Foto: LWL/Arendt

Das Team hat für die Gäste immer ein Lächeln auf den Lippen. – Foto: LWL/Arendt

Der LWL unterstützt diese Firmen mit Mitteln aus der Ausgleichsausgabe, die Unternehmen leisten müssen, die nicht mindestens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit schwerbehinderten Mitarbeitern besetzen. Die Integrationsunternehmen bekommen Zuschüsse zu Investitionen, betrieblichem Mehraufwand, Betreuung und Lohnkosten. An der Finanzierung beteiligen sich auch die Bundesagentur für Arbeit und das Land Nordrhein-Westfalen über das Programm „Integration unternehmen!“. Die Arbeitsplätze sind im Schnitt mit 7.100 Euro pro Jahr deutlich kostengünstiger als die Plätze in den Werkstätten für Menschen mit Behinderung (14.500 Euro pro Jahr).

Bei der LWL-Messe der Integrationsunternehmen am 9. April 2014 in der Halle Münsterland in Münster präsentieren sich rund 90 dieser Firmen, die der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) bei ihrer Arbeit unterstützt.

Beispiel AWO Service in Gelsenkirchen:
In der Kantine des Musiktheaters Gelsenkirchen arbeiten elf Menschen, fünf davon haben eine Behinderung. Gemeinsam haben die Mitarbeiter der AWO Service GmbH einen Treffpunkt für die Gäste geschaffen, der immer beliebter wird.

Carsten Wiegand (Mitte), Betriebsleiter der Musiktheater-Kantine, hat mit seinem Team einen Treffpunkt mit Qualität zu guten Preisen geschaffen. - Foto: LWL/Arendt

Carsten Wiegand (Mitte), Betriebsleiter der Musiktheater-Kantine, hat mit seinem Team einen Treffpunkt mit Qualität zu guten Preisen geschaffen. – Foto: LWL/Arendt

Eine Balletttänzerin mit zwei verschiedenfarbigen Hosenbeinen bestellt einen Joghurt mit Müsli, ein Bühnentechniker Pasta mit Rucola und Walnüssen, ein Mittfünfziger mit tiefblauem Jackett ein Schnitzel. „Mit Reis, nicht mit Pommes, bitte.“ Hochbetrieb in der Kantine des Musiktheaters Gelsenkirchen. Thomas Kölsche füllt die Teller und gibt sie seiner Kollegin im Service. Er lächelt über die Glastheke hinweg, bis der erste Ansturm vorbei ist. Anschließend geht der 42-Jährige durch die Seitentür in einen kleinen, warmen Nebenraum. Er lässt Wasser über Teller laufen, sortiert sie in die Gastronomie-Spülmaschine ein, startet das Gerät. Kurze Zeit später Aufräumen in der Küche: Hier sortiert der Gelsenkirchener, der als Kleinkind einen Schlaganfall erlitt und seitdem eine schwere Behinderung hat, die sauberen Kellen zurück an die Wand.

Thomas Kölsche arbeitet für die AWO Service GmbH, die die Kantine des Musiktheaters mitten in Gelsenkirchen betreibt. Fünf Menschen mit und sechs ohne Behinderung sind in dem Integrationsunternehmen beschäftigt, das im Jahr 2012 gegründet wurde. Die Kantine hat von 8.30 Uhr bis 23 Uhr geöffnet und gibt neben vielen kleinen Speisen mittlerweile 80 bis 100 Hauptmahlzeiten pro Tag heraus. „Wir haben mit 40 Mahlzeiten angefangen, die Steigerung war von Anfang an geplant“, sagt Carsten Wiegand. Der Betriebsleiter hatte einen ambitionierten Auftrag, als er im Juni 2012 in das Unternehmen einstieg. „Wir sollten einen Treffpunkt für die Mitarbeiter des Musiktheaters schaffen und hohe Qualität zu guten Preisen anbieten.“

Hinter den Kulissen gibt es Handarbeit zu tun - hier sticht Thomas Kölsche Toastbrot für die Kanapees aus. - Foto: LWL/Arendt

Hinter den Kulissen gibt es Handarbeit zu tun – hier sticht Thomas Kölsche Toastbrot für die Kanapees aus. – Foto: LWL/Arendt

Das hat funktioniert: Die Mitarbeiterinnen bleiben nach dem Essen manchmal auch länger bei einem Kaffee zusammen sitzen. Sie unterhalten sich, es wird viel gelacht. Finanziell rentiert sich das Projekt, weil zur Kantinenführung auch das so genannte Vorderhaus dazukommt – direkt hinter der Glasfassade, an der der Innenstadt zugewandten Seite, liegt die Gastronomie, die die Besucher bei den Aufführungen nutzen. „Wir finanzieren die Kantine damit quer“, sagt Wiegand, der auch auf den Minderleistungsausgleich und die Zahlungen für den erhöhten Betreuungsaufwand angewiesen ist, die der LWL finanziert.

Zudem haben die „Aktion Mensch“, die Stiftung Wohlfahrtspflege und das NRW-Sozialministerium Zuschüsse für die Einrichtung der Kantine gezahlt. „Dennoch verstehen wir uns als Wirtschaftsbetrieb. Deshalb ist es unser Ziel, im zweiten Geschäftsjahr auch den Umsatz zu steigern.“ Der Hotelkaufmann, der in Küche und Service gelernt hat, bleibt aber realistisch. Viele Firmenrestaurants lassen sich nur wegen der Zuschüsse der Arbeitgeber überhaupt rentabel betreiben. Egal wo, die Qualität steht für Wiegand im Vordergrund. Kartoffelpüree wird frisch zubereitet und kommt nicht aus der Tüte, die Schnitzel werden direkt in der Küche paniert. „Wir wollen, soweit das geht, wie bei Muttern kochen“, sagt Carsten Wiegand mit einem Lachen.

Schnell wird er wieder ernst. „Es ist tatsächlich so. Nur über gutes Essen und Freundlichkeit schafft man es, die Menschen anzulocken und auch zu halten.“ Wie gut das läuft, kann Frederike Notthoff jeden Tag sehen. Die Bürokauffrau, die wegen ihrer körperlichen Einschränkungen nicht allzu schwer tragen kann, liest jeden Tag die Kasse aus und trägt die Daten in Tabellen ein. Die 21-Jährige arbeitet der Buchhaltungsabteilung zu.“

Frederike Notthoff und ihre Kollegen kamen über ganz reguläre Bewerbungen zur AWO Service GmbH, zum Teil wurden sie auch vom Integrationscenter der Agentur für Arbeit vermittelt. Gastronomische Vorbildung hatten einige, das war aber nicht unbedingt ausschlaggebend. Die Mitarbeiter sind zwischen 23 und 52 Jahren alt. Bei der Einarbeitung half der Integrationsfachdienst Gelsenkirchen, der vom LWL finanziert wird.

Die gute Arbeit hat den Ruf der Kantine schon so weit gefestigt, dass immer mehr Menschen auch aus anderen Büros in der Gegend mittags zum Essen kommen. „Unsere Hauptaufgabe ist aber die Bewirtung der Theatermitarbeiter,“ sagt Carsten Wiegand. Zudem hat die Kantine die Belieferung und den Betrieb eines weiteren Firmenrestaurants übernommen: das der Emscher Lippe Energie GmbH, die schräg gegenüber ihren Sitz hat. „Auch dort haben wir drei weitere Mitarbeiter mit Behinderung beschäftigt“, sagt Carsten Wiegand. „Wir wachsen also weiter.“

Der LWL hat ein Internetportal zu sämtlichen Integrationsunternehmen in Westfalen-Lippe produziert. Auf den Seiten unter: http://www.integrationsunternehmen-westfalen.lwl.org finden Interessierte Unternehmensporträts, Interviews, Hintergrundtexte, Datenbanken und alle weitere Informationen zum Thema. Hier gibt es auch Informationen zur Messe. Außerdem hält der LWL die Öffentlichkeit über den Facebook-Account http://www.facebook.com/iu.westfalen auf dem Laufenden.


 

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