Düstere Aussichten: Künstler fragen nach der Zukunft

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Dass die Welt vor immensen Herausforderungen steht, weiß inzwischen jedes Kind. Machen wir uns nichts vor, die Aussichten für ein glückliches Leben und eine lebenswerte Zukunft auf unserem Planeten sind düster. Dafür muss man gar nicht mehr den Teufel an die Wand malen. Wir sind längst im Krisenmodus, auch wenn dies kaum einer wahrhaben will. Es braucht viel mehr Engagement und vor allem Bereitschaft etwas – und im Zweifel zuerst einmal uns selbst zu verändern. Nicht zuletzt braucht es einen anderen, einen nachhaltigen Konsum. Wir müssen auch mit dem Blick auf nachfolgende Generationen unsere Ressourcen schonen.

Düstere Aussichten: Künstler fragen nach der Zukunft

Haben die Ausstellung „Nimmersatt? Gesellschaft ohne Wachstum denken“ der Presse vorgestellt: 1. Reihe Museumsdirektor Dr. Hermann Arnhold, 2. Reihe v. l. die Kulturdezernentin der Stadt Münster, Cornelia Wilkens, LWL Direktor Matthias Löb, LWL Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff Parzinger, 3. Reihe v. l. die Kuratorinnen Dr. Marianne Wagner (LWL Museum für und Kultur), Merle Radtke (Kunsthalle Münster), Kristina Scepanski (Westfälischer Kunstverein) und der Vorsitzende des Westfälischen Kunstvereins, Tobias Viehoff – Foto LWL/Hanna Neander

An allen Ecken der Erde sind unsere Lebensräume und die Natur bedroht. Die Menschheit erweist sich als “Nimmersatt” – getrieben von einer schnell wachsenden Erdbewölkerung und von einer Wirtschaft, die nur getrieben ist von der Gier nach Macht und nach Geld. In Brasilien brennen die Wälder, in Afrika wachsen die Wüsten: Das Klima droht zu kippen, weil immer noch CO2 in unvorstellbaren Mengen in die Atmosphäre gepustet wird. Die Umweltbelastungen sind für den blauen Planeten zu hoch. Die Luft wird dünn und das Wasser von Tag zu Tag trüber. Nur wer die Augen verschließt, kann das noch leugnen.

Düstere Aussichten: Künstler fragen nach der Zukunft

Eva Koťátková , The Machine for Restoring Empathy , 2021  – Foto LWL/Hanna Neander

Die Ausstellung “Nimmersatt? Gesellschaft ohne Wachstum denken” in Münster trifft den Nerv unserer Zeit. Es ist kurz vor Zwölf. Künstlerinnen und Künstler aus der ganzen Welt blicken mit ihren Augen auf den Zustand der Welt. Ihr Fazit sind mehrheitliche düstere Aussichten – bis hin zu einer Dystopie, es wird Zeit, dass etwas geschieht.

Düstere Aussichten: Künstler fragen nach der Zukunft

Nina Fischer & Maroan el Sani: Die Alchemie der Wolken – Art, Activism and Splitting Communities, 6 Kanal Videoinstallation , Trichterförmige Holzkonstruktion, 2021, Production Still, 2021 – Foto  Fischer & el Sani und VG Bild Kunst, Bonn 2021

Die sehenswerte und anregende Ausstellung in Münster wurde am Freitag (26.11.)  eröffnet und sie ist bis zum 27. Februar 2022 zu sehen. Mit einer Kooperation nehmen die Kunsthalle Münster, das LWL-Museum für Kunst und Kultur und der Westfälische Kunstverein den Einfluss menschlichen Handelns auf die Umwelt in den Blick. Das ist nicht neu, aber in dieser Form ermöglicht es einen anderen Blick. Denn die Künstlerinnen und Künstler setzen sich und ihre Wahrnehmung als Seismograph ein. Der Blickwinkel erlaubt erstaunliche Erkenntnisse, die weit über das hinausragen, was man ansonsten über die Medien über den Zustand der Erde erfahren kann. In der Fülle der Positionen ergibt sich ein vielgestaltiges Puzzle, das man sich in kleinen Schritten erarbeiten muss. Das Angebot ist so vielseitig, dass man ohne sich zu langweilen mehrere Tage in den Ausstellungen verbringen kann. Der Erkenntnisgewinn ist groß – selbst wenn sie im Kern nur düstere Aussichten bringen.

Andreas Siekmann , Aufzeichnungen aus einem postfaktischen Zeitalter, 2018, 68 teilige Zeichnungsserie, Aquarell und Bleistift auf Papier je 19 × 12 cm, Sammlung LWL Museum für Kunst und Kultur, Dauerleihgabe aus der Kunstsammlung der Westfälischen Provinzial Versicherung, Copyright Andreas Siekmann – Foto LWL/Hanna Neander

An drei Orten in Münster fragen insgesamt 25 internationale Künstler:innen mit Werken in unterschiedlichen Medien, was in Zukunft an die Stelle bisheriger Wirtschafts- und Gesellschaftsmodelle treten könnte.

Die rund 30 künstlerischen Arbeiten der Ausstellung nehmen Bezug auf aktuelle Krisen, soziale Ungleichheit, Klimaveränderung, Krankheit, Krieg, Fluchtbewegungen, Fremdenhass und damit einhergehende Entwicklungen. Die Werke hinterfragen, welche anderen Optionen jenseits des Wachstums bestehen. Was wäre zu tun, um die düsteren Aussichten zu brechen?

Düstere Aussichten: Künstler fragen nach der Zukunft

Andrea Bowers, My Name means Future, 2020 Video, Farbe, Ton , 51:06 Min. © Andrea Bowers

Wachstum sei endlich und baue auf sozialer Ungleichheit sowie der Ausbeutung von Mensch und Umwelt auf, so die Kuratorinnen Merle Radtke (Kunsthalle Münster), Kristina Scepanski (Westfälischer Kunstverein) und Marianne Wagner (LWL-Museum für Kunst und Kultur). Dies mache es erforderlich, bestehende Denkmuster zu verlassen, sich vom angewöhnten Verhalten zu lösen und den Glaubenssatz vom ‘Immer-mehr und Immer-weiter’ zur Diskussion zu stellen.

In der Ausstellung werden Videoinstallationen, Zeichnungen, Fotografien und Skulpturen sowie Arbeiten im öffentlichen Raum gezeigt. Neben einer Reihe von Leihgaben präsentieren die Häuser mehrere Neuproduktionen, die im Dialog mit den Kuratorinnen entstanden sind und erstmals gezeigt werden.

LWL-Direktor Matthias Löb: “In der Ausstellung wird ein, wenn nicht sogar das Thema unserer Zeit aufgegriffen. Kunst will dabei nicht fertige Antworten liefern, sie kann aber gewohnte Seh- und Denkweisen aufbrechen und unseren Geist frei machen, Zukunft neu zu denken.”

Johan Grimonpez , Every day words disappear | Michael Hardt on the politics of love, Video, Farbe, Ton 15:30 Min., Geschnitten von Sabine Groenewegen  – Copyright Johan Grimonpez  Foto LWL/Hanna Neander

Erstmalig organisieren die drei Häuser ein gemeinsames Ausstellungsprojekt zusammen. Markus Lewe, Oberbürgermeister der Stadt Münster, sieht in der Kooperation die Stärke des Projektes: “Da wir den Problemen unserer Gegenwart nur gemeinsam begegnen können, freut es mich sehr, dass sich mit der Kunsthalle Münster, dem LWL-Museum für Kunst und Kultur und dem Westfälischen Kunstverein drei bedeutende Institutionen für Gegenwartskunst zusammengeschlossen haben, um gemeinsam der Frage nachzugehen, wie wir in Zukunft leben möchten.”

Das Ausstellungsprojekt wird gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes, das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, die Kunststiftung NRW, die Art Mentor Foundation Lucerne, und Trampoline, Association in support of the French Art Scene.

Werke und Themen
In der Kunsthalle Münster thematisiert die amerikanisch-libanesische Künstlerin Marwa Arsanios (*1978) in ihrer Video-Trilogie “Who Is Afraid of Ideology?” (2017/2019/2020) Bodennutzungsrechte und Saatgut. Die Kuratorin Merle Radtke richtet mit Arsanios’ Filmen den Blick auf Initiativen im Irak, Nordsyrien und Kolumbien: “Die Künstlerin zeigt, wie Frauen Recht auf Land einfordern und sich mit dem Streben nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit auf unvermittelte Weise mit der Natur verbinden. Die Trilogie schlägt beispielsweise mit der Idee der lokalen Stärkung einen Weg vor, die Diskussion um Saatgut und dessen Besitz nicht in die Hände transnationaler Konzerne zu legen.”

Düstere Aussichten: Künstler fragen nach der Zukunft

Arsanios Marwa Foto aus seinem Video – Kunsthalle Münster

Ein weiteres in der Kunsthalle Münster ausgestelltes Werk ist die raumgreifende Installation “Comrades in Extinction” (2021) von Radha Dâ Souza (*1953) und Jonas Staal (*1981). Die Arbeit ist im Zusammenhang mit dem “Court for Intergenerational Climate Crimes” (Gerichtshof für generationsübergreifende Klimaverbrechen) entstanden. Die Autorin, Anwältin und Aktivistin und der bildende Künstler verleihen so jenen nicht-menschlichen Akteuren eine Stimme, die keine mehr haben. Die dargestellten Tiere sind Opfer der Verbrechen von Staaten und transnationalen Unternehmen, Zeug:innen eines Kapitalismus, der sich auf Ausbeutung und Umweltzerstörung gründet.

Andreas Siekmann: In the stomach of the predators – Foto Abdreas Siekmann

Der beninische Künstler Georges Adéagbo (*1942) stellt im LWL-Museum für Kunst und Kultur in seiner neuproduzierten Installation konkrete Bezüge zu Münster her. Dazu bringt er gefundene Objekte und Tafelbilder, die er bei Kunstmalern in Benin in Auftrag gibt, in einen Dialog mit Gegenständen aus lokalen Trödelläden in Münster. “Die hergestellten Beziehungen der Artefakte veranschaulichen einen kulturellen Austausch”, so Kuratorin Marianne Wagner, “und plädieren für die Anerkennung unterschiedlicher kultureller Wurzeln anstelle von Hoheitsansprüchen des Globalen Nordens. Adéagbos Arbeit ist auch ein Vorschlag, voneinander zu lernen und klischeehafte Vorstellungen und Hierarchien zugunsten eines gleichwertigen Miteinanders aufzulösen.”

Ausstellung “Nimmersatt” – Installationsansicht Kunsthalle Münster – Foto Kunsthalle Münster

Mit ihrer Skulptur und Performance schafft die tschechische Künstlerin Eva KoÅ¥átková (*1982) einen Raum, in dem Empathie eine zentrale Rolle spielt: Sie sei eine Kraft, durch die Menschen handeln und die Welt verstehen können, so Wagner. Während der Ausstellungszeit aktivieren Performer die Arbeit mehrmals und entwickeln sie weiter.

Vor dem Eingang des Westfälischen Kunstvereins rückt eine Skulptur aus Plastikcontainern der französischen Künstlerin Anita Molinero (*1953) den Umgang mit sowie die Kreisläufe von Rohstoffen in den Fokus. “Nicht die traditionell mit dem Erscheinungsbild von Skulpturen verbundenen Materialien wie Marmor oder Bronze sind die Stoffe, die für das 21. Jahrhundert stehen,” so Kuratorin Kristina Scepanski, “vielmehr ist es der Müll. Stehen die einen für eine Wertschätzung der Langlebigkeit, ist gerade diese Eigenschaften bei Müll, Industrieprodukten und synthetisch erzeugten Materialien höchst problematisch.

Eine Arbeit der Künstlerin Anita Molinero im Außenbereich des Kunstvereins – mehrere mit einem Flammenwerfer bearbeitete Müllcontainer – “Nimmersatt? Gesellschaft ohne Wachstum denken” – Installationsansichten Westfälischer Kunstverein – Foto LWL/Hanna Neander

Eigens für die Ausstellung entwickelt die Künstlerin Anna McCarthy (*1981) die Installation “The Human Fountain”. Das Werk widmet sich dem Motiv des “Gipfelbezwingers”- wortwörtlich wie metaphorisch – und setzt den menschlichen Größenwahn ins Verhältnis mit der Natur und der Zeit.

“The HUman Fountain”: Eine Arbeit der Künstlerin Anna McCarthy – “Nimmersatt? Gesellschaft ohne Wachstum denken” – Installationsansicht Westfälischer Kunstverein – Foto LWL/Hanna Neander

Neben Kuratorinnenführungen und Angeboten der Kunstvermittlung begleitet ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm die Ausstellung. In einer Reading Group besprechen die Teilnehmer verschiedene politische Theorien aus Bereichen wie Feminismus, Marxismus oder Konservativismus sowie Überlegungen zur Ökologie. Die Gesprächsreihe “Less is More. Architektur des positiven Verzichts” des Bundes deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) als auch die “Filmgespräche” bieten Raum für Diskussionen und Austausch mit Experten.

Für den Ausstellungsbesuch und die Teilnahme am Begleitprogramm gilt Maskenpflicht und die 2G-Regelung.

Die begleitende Publikation (24 Euro) mit Beiträgen von Priya Basil, Agnes Denes, Raul Walch, Tim Rieniets, Irmi Seidl & Angelika Zahrnt u.a. erscheint im Distanz Verlag. Der Book Launch findet am 16.12. im Anschluss an die Veranstaltung “Reading Group” (18 bis 20 Uhr) im Westfälischen Kunstverein statt.

Die Künstler der Ausstellung:

Kunsthalle Münster:
Marwa Arsanios (*1978 in Washington DC, USA, lebt und arbeitet in Beirut)
Alice Creischer (*1960 in Gerolstein, Deutschland, lebt und arbeitet in Berlin)
Elke Marhöfer (*1967 in Adenau/Eifel, Deutschland, lebt und arbeitet in Berlin und auf Sizilien, Italien)
Lerato Shadi (geboren in Mahikeng, Südafrika, lebt und arbeitet in Berlin)
Andreas Siekmann (*1961 in Hamm, Deutschland, lebt und arbeitet in Berlin)
Radha Da Souza (*1953 in Bommalpalayam, Tamil Nadu, India, lebt und arbeitet in London, England) und Jonas Staal (*1981 in Zwolle, Niederlande, lebt und arbeitet in Rotterdam)

LWL-Museum für Kunst und Kultur:
Georges Adéagbo (*1942 in Cotonou, Dahomey, Benin, lebt und arbeitet in Hamburg und Benin)
Andrea Bowers (*1965 in Ohio, USA, lebt und arbeitet in Los Angeles)
Alice Creischer (*1960 in Gerolstein, Deutschland, lebt und arbeitet in Berlin)
Thirza Cuthand (*1978 in Regina, Saskatchewan, Kanada, lebt und arbeitet in Toronto)
Cao Fei (*1978 in Guangzhou, China, lebt und arbeitet in Bejing)
Nina Fischer & Maroan el Sani (*1965 in Emden & *1966 in Duisburg, Deutschland, leben und arbeiten in Berlin)
Johan Grimonprez (*1962 in Roeselare, Belgien, lebt und arbeitet in Brüssel, Griechenland und New York City)
Christine & Irene Hohenbüchler (beide *1964 in Wien, leben und arbeiten in Wien)
Eva KoÅ¥átková (*1982 in Prag, lebt und arbeitet in Prag)
Andreas Siekmann (*1961 in Hamm, Deutschland, lebt und arbeitet in Berlin)

Westfälischer Kunstverein:
Mathis Altmann (*1987 in München, lebt und arbeitet in Berlin)
Karrabing Film Collective (2008 gegründet, Northern Territory, Australien)
Anna McCarthy (*1981 in München, lebt und arbeitet in München)
Anita Molinero (*1953 in Floriac, Frankreich, lebt und arbeitet in Paris)
Maria D. Rapicavoli (*1976 in Catania, Italien, lebt und arbeitet in New York, USA)
Sophie Utikal (*1987 in Tallahassee, Florida, USA, lebt und arbeitet in Berlin)

Öffentlicher Raum:
Anita Molinero (*1953 in Floriac, Frankreich, lebt und arbeitet in Paris)
Matt Mullican (*1951 in Santa Monica, Kalifornien, USA, lebt und arbeitet in Berlin und New York)
Raul Walch (*1980 in Frankfurt am Main, Deutschland, lebt und arbeitet in Berlin)

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