Ziviler Ungehorsam: „Einige werden aufmachen“

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Welche Folgen hat Corona für die Gastronomie und den Einzelhandel in Westfalen? Ist ziviler Ungehorsam als Reaktion auf staatliche Corona-Beschränkungen zu erwarten? Wann können wir wieder ausgehen und einkaufen wie früher und was soll die Politik jetzt machen? Westfalium im Gespräch mit Dietmar Wosberg, Präsident des Hotel- und Gaststättenverbands Westfalen, und Stefan Grubendorfer, Vorsitzender des Handelsverbands NRW Westfalen-Münsterland.

Ziviler Ungehorsam

Dietmar Wosberg vom DEHOGA Westfalen und Stefan Grubendorfer vom Handelsverband Westfalen-Münsterland im Skype-Interview – Foto Westfalium

Sehr geehrter Herr Grubendorfer, wie ist die Lage im westfälischen Einzelhandel zurzeit?

Grubendorfer: Die Corona-Krise trifft uns mit voller Wucht, und je länger der Lockdown dauert, desto schlimmer wird es. Der deutsche Innenstadthandel musste im Januar und Februar Umsatzeinbrüche zwischen 75 und 85 Prozent verkraften. Der Lebensmitteleinzelhandel und der Drogeriebereich sind nicht so vom Lockdown betroffen, hier gab es in den vergangenen Monaten sogar ein Umsatzplus, weil die anderen Geschäfte geschlossen waren. Aber Mode, Elektro, Unterhaltung leiden sehr. Dabei sind es nicht nur die Umsatzverluste, die weh tun – es wird für die Unternehmen auch immer schwerer, ihre Mitarbeiter zu halten. Gerade die guten Leute sehen sich nach Jobs in Branchen um, die nicht so stark von den Pandemie-Maßnahmen betroffen sind. Das verschärft den Fachkräfte-Mangel, der auch im Einzelhandel schon vor Corona ein Problem war.

Wosberg: Seit vier Monaten haben unsere Mitgliedbetriebe fast keine Einnahmen, und die vollmundig angekündigten Staatshilfen kommen – wenn überhaupt – nur mit großer Zeitverzögerung bei den Unternehmen an. Viele Gaststätten haben in den vergangenen Monaten versucht, mit dem Außer-Haus-Geschäft die Umsatzverluste zu kompensieren – Geld verdient haben damit aber die wenigsten. Jetzt geht den Betrieben schlicht und einfach das Geld aus. Besonders hart sind die getroffen, die gerade erst in Um- und Neubauten investiert haben. Wenn die Öffnung dann kommt, werden sicher nicht alle Betriebe wieder aufmachen. Viele Gastronomen wissen noch gar nicht, dass sie nicht wieder aufmachen können, weil sie den erlittenen Schaden noch gar nicht realisiert haben – und weil Ihnen wahrscheinlich auch das nötige Personal für die Wiedereröffnung fehlen wird. Auch in der Gastronomie beobachten wir verstärkt die Abwanderung von Fachkräften in andere Branchen.

Ziviler Ungehorsam

„Einige machen garantiert wieder auf, auch ohne Genehmigung“ – für Dietmar Wosberg vom Hotel- und Gaststättenverband Westfalen ist ziviler Ungehorsam gegen Corona-Regeln durchaus wahrscheinlich – Foto DEHOGA Westfalen

Wie hoch schätzen Sie die Zahl der Betriebsschließungen in Ihrer Branche, Herr Wosberg?

Wosberg: Wir gehen davon aus, dass x Prozent der gastronomischen Betriebe in unserem Verbandsgebiet die Corona-Epidemie nicht überleben werden – auch wenn die Bestimmungen um Ostern gelockert werden. Wenn der Lockdown über Ostern verlängert wird, wird diese Zahl noch einmal deutlich höher liegen. Im Gastgewerbe Nordrhein-Westfalen sind mehr als 400.000 Menschen beschäftigt – viele dieser Arbeitsplätze sind zurzeit ernsthaft in Gefahr.

Werden familiengeführte, unabhängige Hotels und Gaststätten zu Exoten?

Wosberg: Nein. Die Selbständigkeit in der Gastronomie ist nach wie vor attraktiv. Oft wechseln bei unseren Mitgliedern die Kinder erstmal in andere Berufe – vor der Corona-Krise konnten wir aber vermehrt beobachten, dass doch eines der Kinder in den Familienbetrieb eingestiegen ist.

Grubendorfer: Bei einer Umfrage haben 15 Prozent der Einzelhandelsbetriebe angegeben, dass sie ohne weitere Hilfen im ersten Halbjahr 2021 schließen müssen, 37 Prozent sagen, dass sie ohne weitere Hilfen im zweiten Halbjahr zumachen müssen. Sie müssen bedenken, dass zum Beispiel in der Modebranche das Sommer- und Wintergeschäft 2020 de facto ausgefallen ist – die Händler mussten die dafür bestellte Ware praktisch wegwerfen. Wenn die Saison Frühling/Sommer 2021 ebenfalls ausfällt, sind die Liquiditätsreserven auch bei soliden Betrieben erschöpft. Deutschlandweit arbeiten 1,6 Millionen Menschen im Handel – wenn es so weitergeht wie bisher, könnten also mehrere 100.000 Beschäftigte im Einzelhandel arbeitslos werden.

Wie wird es in den nächsten Monaten weitergehen?

Grubendorfer: Der stationäre Einzelhandel hat bewiesen, dass er mit seinen Infektionsschutz-Konzepten kein besonderes Corona-Risiko darstellt. Deswegen drängen wir massiv auf eine schnelle Aufhebung der Beschränkungen.

Wosberg: Auch die Hotels und Gaststätten haben 2020 viel Geld in den Corona-Schutz investiert – ein Restaurantbesuch ist sicher kein höheres Infektionsrisiko als eine U-Bahn-Fahrt. Der Einzelhandel kann ja wohl jetzt im März wieder weitgehend öffnen – bei der Gastronomie wird das wahrscheinlich erst zu Ostern oder nach Ostern der Fall sein. Ich glaube, dass die Situation in den kommenden Monaten ähnlich aussehen wird wie zwischen dem ersten und dem zweiten Lockdown – aber mit mehr Beschränkungen.

Dann wird der kommende Sommer also ungefähr so wie der vergangene Sommer?

Wosberg: So ungefähr – aber mit mehr Restriktionen.

Wenn die Beschränkungen nicht aufgehoben oder sogar verschärft werden – ist ziviler Ungehorsam bei Ihren Mitgliedsbetrieben zu erwarten? Werden Betriebe öffnen, auch wenn es ihnen von den Behörden untersagt wurde?

Wosberg: Das kann passieren – bringt ziviler Ungehorsam was? Wir versuchen, unsere Mitglieder ruhig zu halten – aber die Unternehmer brauchen eine Perspektive. Wenn es aber so weitergeht wie in den vergangenen Monaten, dann machen einige Betriebe ihren Laden garantiert wieder auf – auch ohne Genehmigung.

Ziviler Ungehorsam – bringt das was?

Grubendorfer: ich glaube nicht, dass ziviler Ungehorsam etwas bringt. Die Einzelhandelsverbände setzen aber Signale. In den vergangenen Tagen haben zahlreiche Einzelhändler ihre Schaufenster rot beleuchtet, um den Ernst der Lage öffentlich zu demonstrieren.

Was hätte besser laufen können bei der Bewältigung der Corona-Krise, was kann besser gemacht werden?

Wosberg: Die Bürokratie bei der Beantragung und Bewilligung der Corona-Hilfen ist unvorstellbar – die Behörden arbeiten fehlerhaft und zu langsam. Die Antragsformulare für die Soforthilfe wurden beispielsweise dreimal stillschweigend verändert – keiner weiß genau, ob die ausgezahlten Summen rechtmäßig ausgezahlt wurden oder nicht. Die Novemberhilfe ist bis jetzt erst zu 67 Prozent ausgezahlt worden, die Dezemberhilfe erst zu gut 50 Prozent. Trotzdem gibt es haufenweise Missbrauch. Allein die Staatsanwaltschaft Arnsberg ermittelt in 150 Fällen wegen Corona-Subventionsbetrug! Dabei kommt der große Ärger doch erst noch, wenn der Insolvenzschutz ausläuft und scharenweise Unternehmen in Konkurs gehen.

Hätten diese Probleme vermieden werden können?

Wosberg: Die Branchenverbände hätten bei der Gestaltung der Hilfsprogramme von Anfang an eingebunden werden müssen – wir kennen die Details und hätten bei der Vermeidung von Unsinn helfen können. Außerdem hätte die Abwicklung der Corona-Hilfen den Finanzämtern übertragen werden sollen. Dort gehen die relevanten Informationen der Antragssteller sowieso hin.

Subventionsbetrug: Staatsanwaltschaft Arnsberg ermittelt in 150 Fällen

Grubendorfer: Die Finanzämter wären die richtigen gewesen für das Management der Corona-Hilfen. Stattdessen werden immer neue staatliche Stellen geschaffen, die sich erstmal organisieren müssen. Das kostet Zeit und sorgt für Kompetenz-Wirrwarr.

Was wünschen Sie sich von der Politik für die nächsten Monate?

Wosberg: Wichtig ist vor allem Planungssicherheit, eine verbindliche Perspektive. Unsere Mitglieder müssen wissen, was auf sie zukommt, damit sie sich darauf einstellen können. Es kann nicht sein, dass Inzidenzschwellen und Behördenvorgaben im Wochenrhythmus verändert werden.

„Mehrere 100.000 Arbeitsplätze in NRW sind in Gefahr“, warnt Stefan Grubendorfer, Vorsitzender des Handelsverbands NRW Westfalen-Münsterland. Ziviler Ungehorsam in Sachen Corona-Regeln ist für ihn keine Option – Foto EDEKA Grubendorfer

Grubendorfer: Wir brauchen eine verlässliche Öffnungsperspektive und praktikable, einfache Regelungen. Dabei müssen alle Branchen und Branchensegmente gleichbehandelt werden – die derzeitige Bevorzugung des Lebensmittehandels ist zum Beispiel eine Verzerrung des Wettbewerbs.

Wenn die Corona-Epidemie überstanden ist und das Leben wieder in normalen Bahnen verläuft – wie werden Ihre Branchen dann aussehen?

Grubendorfer: Der Online-Handel hat in den vergangenen Monaten deutlich Marktanteile gewonnen, und die wird er auch nur teilweise wieder abgeben. Glaubhafte Prognosen sehen den Online-Einzelhandel in zwei Jahren bei 19 Prozent Marktanteil. Der stationäre Handel wird also weiterhin den Löwenanteil der Umsätze machen. Aber die Strukturen werden sich ändern. Die Flächen werden kleiner werden – den großen Märkten mit Magnetwirkung geht es mittlerweile auch an den Kragen. Einzelhändler müssen noch mehr als bisher kooperieren, um Synergien zu entwickeln, auch mit der Gastronomie.

„Regionalität ist das neue Bio“

Wosberg: Die Systemgastronomie wird weiterwachsen, auch mit hochwertigen Konzepten. Unabhängige kleine Betriebe werden sich auf ihre Stärken konzentrieren müssen – die Sachen anbieten, die sie gut machen können, regionale Küche mit Produkten aus der Region. Fleisch von Rindern und Schweinen, die beim Bauern am Ort artgerecht gehalten worden sind. Kartoffeln, Obst und Gemüse, die nicht hunderte von Kilometern durch die Welt kutschiert worden sind.

Grubendorfer: Das sehe ich für den Einzelhandel ähnlich. Regionalität ist das neue Bio. Die Kunden hatten in den vergangenen Monaten Zeit, sich Gedanken zu machen.

Wer sind die Verlierer?

Wosberg: Diejenigen, die sich nicht ändern, werden am meisten leiden.

Grubendorfer: In überbesetzten Branchen wie dem Textilhandel werden viele Betriebe nach Corona nicht wieder aufmachen. Der Trend wird weg von den großen Wühltischen hin zu mehr Qualität und Beratung gehen – auch dank der Verknüpfung von stationärem Handel und Online-Versand. Das Geschäft in der Fußgängerzone hat dann beispielsweise nur noch Ausstellungstücke im Laden – die Ware kommt dann später per Post zum Kunden. Nischenanbieter wie Wollläden oder die Nähstube werden es angesichts der Online-Konkurrenz aber wohl noch schwerer haben als bisher.

Macht es für stationäre Händler Sinn, selbst einen Online-Shop zu eröffnen?

Grubendorfer: Vielleicht haben die Spezialisten im Internet eine Chance. Damit unsere Mitglieder die Chancen der Digitalisierung nutzen können, hat unser Verband im vergangenen Jahr ein halbes Dutzend „Digitalisierungscoaches“ eingestellt, die über Chancen und Probleme beim Einsatz moderner Informationstechnik im Handel informieren. Allerdings ist der Online-Handel kein Allheilmittel: Wer seinen eigenen Webshop betreibt, muss viel Geld für Programmierung und Marketing ausgeben, und wer über eine große Plattform wie Amazon verkauft, muss fette Provisionen zahlen. Meines Erachtens können die meisten kleinen Geschäfte im Internet-Versandhandel auch in zehn Jahren nicht ihre Betriebskosten erwirtschaften.

Wie geht es weiter mit den Innenstädten? Schon vor Corona war die Zunahme von leerstehenden Ladenlokalen in den Fußgängerzonen unübersehbar …

Grubendorfer: Die Innenstädte werden sich verkleinern – der Einzelhandel wird sich auf die wirklich guten Lagen konzentrieren. Um so wichtiger ist das Zusammenspiel unterschiedlicher Angebote in der Innenstadt: Einzelhandel und Gastronomie müssen kooperieren, damit die City attraktiv bleibt, gerne auch mit Events wie Konzerten oder Kleinkunst. Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen in unseren Geschäften und in unseren Geschäftsvierteln eine gute Zeit haben. In diesem Zusammenhang ist eine Liberalisierung der Öffnungszeiten von großer Bedeutung: Wer gegen die Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten demonstriert, sollte sich darüber im Klaren sein, dass er damit auch das Überleben des innerstädtischen Handels in Frage stellt.

„Die Innenstädte werden sich verkleinern“

Wosberg: Das sehe ich genauso. Gastronomie und Einzelhandel eines Viertels oder einer Straße müssen selbst entscheiden können, wann geöffnet wird. Mit einem attraktiven gastronomischen Angebot und interessanten Geschäften werden die Innenstädte auch in Zukunft im Mittelpunkt des öffentlichen Lebens sein.

DEHOGA Westfalen, www.dehoga-westfalen.de

Handelsverband NRW Westfalen-Münsterland, www.wm-hv-nrw.de

PS: In Rietberg hat das „Café Päusken“ am Donnerstag vor Ostern erstmalig seinen Biergarten wieder geöffnet. Mehr dazu gibt es hier

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