Das Münsterland springt auf den Zug auf

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Das Münsterland plant vollmundig die Verkehrswende. Seit ein paar Tagen ist es raus, das Münsterland will ein eigenes S-Bahnnetz. Das Münsterland springt auf den Zug auf. Viele stöhnen vernehmlich auf und sagen: Endlich! Kein Wunder: Denn die aktuellen Zustände im Straßenverkehr des Münsterlandes sind skandalös. Sie schreien zum Himmel.

Rund 300.000 Pendler versuchen jeden Tag die Stadt mit dem Auto zu erreichen und stehen vorhersehbar bereits am Stadtrand im Stau. Regelmäßig staut es sich auf der A 43 zum morgentlichen Geschäftsbeginn. Auch die anderen Einfallstraßen sind dicht. Das kostet Nerven.

Ehrgeizige Planung: Münster und das Münsterland planen bis 2030 ein S-Bahnnetz mit neun Linien – Foto: Presseamt Münster

70.000 Pendler fallen über die Schiene in der Stadt ein, um hier zu arbeiten und bescheren dem neuen Hauptbahnhof Münster, der mal für 100.000 Reisende eingerichtet worden ist, schon bald vorhersehbare Kapazitätsprobleme, zumal wenn man wie mit dem geplanten S-Bahnnetz Münsterland wieder vermehrt auf die Schiene setzt und der Hauptbahnhof zur Drehscheibe werden soll.

Rund 300.000 Fahrten finden pro Tag in der Stadt selber statt, was das Leben und Arbeiten in der Stadt zusätzlich erschwert. Damit ist Münster im Verhältnis von Bewohnern und Pendlern die Pendler-Hauptstadt des Landes.

Eines ist trotz aller vollmundigen Erklärungen von Markus Lewe und seinen Kollegen zur neuen S-Bahn Münsterland klar. Die gebeutelten Pendler werden noch einige Zeit warten müssen: Die Umsetzung des neuen Verkehrskonzeptes der Stadt Münster und der umliegenden Kommunen wird noch Jahre dauern. Dabei ist schon jetzt klar, dass vieles davon nur ein Etikettenschwindel ist, denn die meisten Strecken, die da genannt werden, sind schon da, sie sollen nur anders – vor allem häufiger und pünktlicher – bespielt und befahren werden. Was immerhin schon für viele ein großer Fortschritt wäre.

Sie stellten das Konzept „S-Bahn Münsterland“ vor (v.l.): Dr. Kai Zwicker (Landrat Borken), Dr. Olaf Gericke (Landrat Warendorf), Oberbürgermeister Markus Lewe (Münster), Dr. Klaus Effing (Landrat Steinfurt), Dr. Linus Tepe (Kreisdirektor Coesfeld) und Joachim Künzel (Geschäftsführer NWL). Foto: Presseamt Münster

Die Verantwortlichen stellen die Einweihung des geplanten S-Bahnnetzes im Münsterland für 2030 in Aussicht. Das ist mehr als ehrgeizig, weil in zehn Jahren eine solche Mammutaufgabe zu stemmen, bedeutet viel Arbeit und ein noch nicht bezifferter Investitionsbedarf von „einem höheren dreistelligen Millionenbetrag“, wie man am Rande der Konzeptvorstellung erfahren konnte. Genaues allerdings weiß man nicht.

Ein Zeithorizont von bis zu 20 Jahren erscheint da realistischer, zumal wenn durch neue Streckenabschnitte und Elektrifizierung von Strecken Planungsrecht greifen würde. Man ahnt, dass Planfeststellungsverfahren vor den Gerichten landen und sich die Entscheidungen verzögern bis zum Sankt-Nim­mer­leins-Tag. Bis dahin also werden sich Pendler und Reisende weiter quälen müssen – morgens nach Münster rein und abends aus Münster raus.

Die wachsenden Verkehrsströme sind seit Jahren bekannt. Das Problem nachhaltig zu beheben ist schlichtweg verschlafen worden. Und die Zahl der Pendler wird jeden Tag größer. Münsters Bevölkerung wächst und wächst, aber damit werden parallel die Wohnprobleme immer größer. Immer mehr Menschen ziehen ins Umland, weil der Wohnraum in der Stadt schlichtweg nicht mehr bezahlbar ist.

Auch hier zeichnet sich ein Versäumnis der Politik über Jahrzehnte ab. Es wird und wurde viel geredet, gehandelt aber nur halbherzig. Jetzt also droht jeden Tag der Verkehrsinfarkt. Der Tag beginnt mit Stau und er endet mit Stau. Die Menschen sind sauer. Zu Recht.

Was wird aktuell von der Stadt Münster und den umliegenden Kreise geplant? Um in Zeiten steigender Bevölkerungszahlen und Mobilität den Menschen in der Region weitere Angebote im Schienennahverkehr machen zu können, haben die Stadt Münster und die Münsterland-Kreise Borken, Coesfeld, Steinfurt und Warendorf gemeinsam mit dem Zweckverband Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL) ein Konzept „Münsterland S-Bahn“ auf den Weg gebracht. Die Konzeption erfolgte unter Einbindung des Kompetenzcenters Integraler Taktfahrplan NRW (KC ITF) und eines renommierten Gutachterbüros.

Das Zielkonzept soll als Teil des übergeordneten Projektes „Mobiles Münsterland“ ein wesentliches Element der zukünftigen Mobilität, bestehend aus unterschiedlichen sich ergänzenden Verkehrsarten sein, wie etwa auch ein (Schnell-)Bus-Konzept.

Vorgesehen ist eine engere Taktung der Verbindungen vom Münsterland in die Stadt Münster (und umgekehrt), eine Ausweitung der Verbindungen wie auch des Streckennetzes – nicht nur im Münsterland, sondern zukünftig auch über die Grenze hinaus bis in die Niederlande.

Grundsätzlich wird ein Mindestzugangebot aus zwei S-Bahnen je Stunde plus einem RegionalExpress angestrebt. Gefahren werden soll überwiegend im 30-Minuten-Takt. Mit dem Raster wird sichergestellt, dass der Taktknoten Münster Hauptbahnhof weiterhin als Umstiegsbahnhof fungieren kann. Dadurch, dass einige S-Bahnlinien sich im Münsteraner Stadtgebiet überlagern, wird zwischen Münster Zentrum Nord und Hiltrup sogar ein 15-Minutentakt erreicht (sog. Stammstrecke).

Das Konzept zeigt eine weitreichende Perspektive auf. Zwischenschritte sind geplant. In den Kreisen Coesfeld und Borken können zum nächsten Fahrplanwechsel schon erste Verdichtungen der Verbindungen nach Münster oder Essen angeboten werden. Der Kreis Steinfurt strebt perspektivisch ein dichteres Angebot gerade auf der Strecke Münster – Enschede an. Zudem soll die Planung für die Elektrifizierung dieser Verbindung aufgenommen werden. Der Kreis Warendorf soll von der Reaktivierung der WLE-Strecke zwischen Sendenhorst und Münster und von einer engeren Taktung auf anderen Strecken profitieren.

In den nächsten Monaten sind weitere, konkretisierende Planungen notwendig, unter anderem zum erforderlichen Infrastrukturausbau, wirtschaftlichen Betrachtungen und eine Fahrgastprognose. Mit den Ergebnissen wird ein Feinschliff zum Angebotszielkonzept vorgenommen, das dann Grundlage für Förderungen durch den Bund sein soll.

Jörg Bockow

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