Der Kiepenkerl bloggt: PISA-Studie

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Pisa ist eine sehr alte toskanische Stadt mit einer der ältesten und wohl besten Universitäten Europas. Die Stadt beherbergt aber auch etwas Schiefes: einen Turm, den Campanile. Doch dass der zum Symbol europäischer Bildungspolitik avanciert sei, entbehrt jeder Grundlage. Nein, diese Stadt hat absolut nichts mit den viel diskutierten PISA-Studien zu tun. PISA ist eine Abkürzung und steht für Programme for International Student Assessment.

PISA-Studie

Grafik: Westfalium

 

Im diesem Frühjahr steht die Hauptuntersuchung für PISA 2015 an. Eine Auswahl von etwa 260 Schulen aus ganz Deutschland nimmt im April und Mai an einem PISA-Test teil. Die Aufgaben aus den Bereichen Naturwissenschaften (diesmal Schwerpunkt), Mathematik, Lesen sowie Problemlösen im Team werden weltweit von Schülern in 75 Ländern bearbeitet.

Die Veröffentlichung der bisher erschienenen vier Studien wurde jeweils von starkem Medienecho begleitet. Hierzulande steht PISA inzwischen für die Probleme des deutschen Bildungswesens. Der PISA-Schock ist in etwa vergleichbar mit der von den 68ern ausgelösten Bildungskatastrophe.

Bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts gab es in Deutschland ein fest gegliedertes Bildungssystem. In der Hierarchie von Volksschule – später Grund- und Hauptschule – Realschule, Gymnasium und Hochschule war jedem Teil eine genaue Aufgabe und Funktion zugewiesen.

Der enorme technische Fortschritt in Wirtschaft und Verwaltung hat diese Struktur deutlich verändert. An die Bewerber um qualifizierte Arbeitsplätze werden seitdem deutlich höhere Anforderungen gestellt. Zudem wurden die Beschäftigungsmöglichkeiten für gering qualifizierte Arbeiter und Arbeiterinnen im Rahmen der Globalisierung weitgehend exportiert. Folgerichtig schickten viele verantwortungsbewusste Eltern ihre Kinder in nächsthöhere Schulformen. Sie waren überzeugt, dass die Kinder so besser auf die neuen Anforderungen vorbereitet würden. Die bisherige Zuordnung im Bildungssystem, die jeweils an bestimmten Berufsgruppen und Bildungsgängen orientiert war, begann sich aufzulösen.

Dieser Reformprozess ist noch in vollem Gange. Doch inzwischen wird deutlich, dass viele mutmaßlich pädagogisch sinnvolle Reformschritte letztlich von wirtschaftlichen Erwartungen und dem Sparzwang der Landesregierungen bestimmt sind. Vorrangiges Ziel ist es, die jungen Menschen früher in den Arbeitsprozess einzugliedern nach dem Motto: immer kürzer, immer schneller, immer höher.

Belege dafür sind eine gewisse Verschulung in Kindergärten und Kindertagesstätten, eine frühere Einschulung – mit möglichen gravierenden negativen Folgen — und das Turbo-Abitur mit einer Verkürzung der gymnasialen Schulzeit auf acht Jahre. Obwohl man aus der Intelligenzforschung weiß, dass die Menschen von Generation zu Generation intelligenter werden, steigt die Leistungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler nicht im selben Maße.

Die Hauptschule wurde gesellschaftlich geächtet, ungeachtet ihrer guten Arbeit und des Engagements der dort tätigen Lehrerinnen und Lehrer. Das Ergebnis dieses sozialen Rufmordes ist das Hauptschulsterben. Vermeintliche Profiteure sind die Gymnasien. Doch Qualität definiert sich nicht über Quantität. Deshalb stimmt es nachdenklich, dass vor 1970 die Übergangsquote zum Gymnasium bei 10 bis 15 Prozent eines Jahrgangs lag, während sich heute über 40 Prozent für diesen Bildungsweg entscheiden.

Der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, sieht das Abitur „entwertet, wenn mehr als 50 Prozent eines Jahrgangs die Reifeprüfung machen.“ Hinter der Studienberechtigung müsse immer auch die Studienbefähigung stehen, mahnte der Oberstudiendirektor. In den letzten Jahren ist auf den ersten Blick auch die Qualität des Abiturs gestiegen, denn in NRW verdoppelte sich die Anzahl der 1,0-Abiturnoten von 2007 bis 2013. Doch das ist leider nicht die Folge der positiven gesellschaftsweiten Intelligenzentwicklung, sondern einer Noteninflation.

Steht Deutschland heute auf einem wünschenswerten Platz im internationalen Vergleich? Bei den bisherigen Bildungsstudien der OECD landete Deutschland überwiegend im Mittelfeld. Das ist bitter, denn traditionell zählte unser Land zu den Musterknaben der Bildungswelt. Ist die Reform also ein bildungspolitischer Flop?

Trotz der Freude über die etwas besseren Rangplätze, die Deutschland in den letzten PISA-Studien einnahm, sollte man sich die Frage stellen, ob diese Studie wirklich die Bedeutung hat, die ihr von Bildungspolitikern zugeschrieben wird. Kritiker bemängeln zu Recht, dass Bildung im Sinn von Allgemeinbildung durch die PISA-Hysterie zu kurz gekommen ist. Der österreichische Bildungsforscher Konrad Paul Liessmann spricht davon, dass Bildung von dem Gedanken an den Tabellenplatz, den man aus ganz anderen Zusammenhängen kennt, abgelöst worden sei. Statt eine inhaltliche Diskussion über Bildung zu führen, gehe es nur noch um den Rangplatz bei PISA.

Das PISA-Ziel löst die alltagstauglichen Bildungsziele durch eine Flut von geforderten Kompetenzen ab, die aber ohne genauen fachlichen Inhalt auskommen. In einer Twitter-Botschaft beklagt eine Schülerin, dass sie zwar Gedichte in vier Sprachen interpretieren könne, aber „keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen“ habe. Die Reaktion auf dieses Statement zeigt, wie sehr bei Bildungspolitikern das Nützlichkeitsdenken als Folge der OECD-Erhebungen die Diskussion um wirkliche Bildung vereinnahmt hat.

Wenn der pädagogische „Fortschritt“, alles und jedes messen zu wollen, nicht mehr aufzuhalten ist, dann ist größte Gelassenheit angesagt. Denn auch die letzte pädagogische Sau, die durchs Dorf getrieben wurde, ist nicht vom Wiegen fett geworden. Wenn man mit aktiven Lehrerinnen und Lehrern spricht, ist häufig der Wunsch zu hören, man möge sie in Ruhe ihre Arbeit machen lassen, statt den PISA-Reformismus weiterzutreiben. Dem Berufsstand täte es gut, ihn nicht als Vollstrecker immer eiligerer Reformen abzuwerten, sondern Lehrerinnen und Lehrern zu vertrauen, dass sie zu eigenem Handeln befähigte, qualifizierte Vermittler eines der wichtigsten Rohstoffe unserer Republik sind – der Bildung.

 

 

 

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Kommentare

  1. Friedhelm Hassel meint

    Aber eins haben die Verfasser der PISA-Studien absolut richtig gemacht, indem sie den Namen PISA wählten. Sind doch ihre Ergebnisse genau so schief wie der in der Stadt Pisa beheimatete Turm.

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