Der Kiepenkerl bloggt: Mit dem Durchblick eines balzenden Auerhahns

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Die Landsmannschaft Rhenania Münster darf ihren Stiftungsfestkommers 2016 nicht im Rathausfestsaal der Universitätsstadt feiern. Eine Allianz aus SPD, Grünen, Linken, Piraten und ÖDP hat im Haupt- und Finanzausschuss (HFA) der Studentenverbindung eine Absage mit folgender Begründung erteilt: Eine schlagende Verbindung, die traditionell keine Frauen als Mitglieder aufnimmt, sei nicht unterstützungswürdig. Wie aus der Presse zu erfahren war, haben sich die Fraktionen von CDU und FDP für die Zurverfügungstellung der Räumlichkeiten ausgesprochen.

Rhenania Münster

Verbindungshaus von Rhenania Münster – Foto: facebook

Oberbürgermeister Markus Lewe beanstandete diese Entscheidung, weil sie gegen das im Grundgesetz (Artikel 3) garantierte Grundrecht der Gleichbehandlung verstoße. Die Stadt verletze dieses Grundrecht, wenn sie „Menschen oder Gruppen mit dem gleichen Anliegen bei gleichen Rahmenbedingungen ohne sachlichen Grund unterschiedlich behandelt“, heißt es in dem Schreiben der Oberbürgermeisters. Doch unter Verweis auf die Frauenfeindlichkeit und die rechte Gesinnung blieb die Mehrheit im HFA uneinsichtig.

Da wehte der Geist von links durch die Reihen der Fraktionen, denn für die angebliche rechte Gesinnung gibt es keinerlei Anhaltspunkte und die große Mehrheit der Studentenverbindungen nimmt ebenfalls keine Frauen auf. Nachdem die sogenannte Gestaltungsmehrheit aus SPD, Grünen und Co. auch dem Akademischen Ruderverein Westfalen und der Landsmannschaft Sorabia-Westfalen das Feiern im Rathaus verwehrt, stigmatisiert das linke Bündnis Münster als studentenfeindlichste Universitätsstadt in Westeuropa. Nach der weltfremden Beschlussvorlage bleiben auch die katholischen Verbindungen im Rom des Nordens ausgesperrt. Folgerichtig müssten die Gleichstellungsfanatiker jetzt dafür sorgen, dass der Verkauf von Bismarck-Heringen in Münster verboten wird. Nach dem, was der Corpsstudent Otto von Bismarck der Stadt im Religions- und Kulturkampf angetan hat, wäre das absolut nachvollziehbar. Vielleicht ist die Umbenennung in Meinhof-Heringe mehrheitsfähig.

Der Oberbürgermeister legte den Antrag von Rhenania dem Stadtrat zur Entscheidung vor. Am 10. Dezember 2014 hat der Rat in nicht öffentlicher Sitzung darüber verhandelt. Die linke Mehrheit bestätigte das Nein – gegen die Stimmen von CDU und FDP. Jetzt muss die Bezirksregierung entscheiden, ob Studentenverbindungen weiter im Rathaus feiern dürfen. Die Entscheidung wird spannend, denn von den zwölf Oberpräsidenten der Provinz Westfalen waren sieben Corpsstudenten.

Der münsterische Philosoph Prof. Dr. Josef Pieper sieht in dem lebenslangen landsmannschaftlichen Netzwerk einen tieferen Sinn: „Tradition ist nicht die bequeme Berufung auf das, was einmal gewesen ist und deshalb auch heute Gültigkeit hat. Tradition ist die Vorstellung von einer ständig lebendigen Überlieferung eines noch heute zu bejahenden Lebensinhalts. Wer die Weitergabe erkannter Wahrheiten an nachfolgende Geschlechter überliefern will, muss dafür sorgen, dass die zu überliefernden Inhalte und alten Wahrheiten
wirklich präsent gehalten werden.“

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By Rabe! (Own work) [CC-BY-SA-3.0 or GFDL], via Wikimedia Commons

Es ist bedauerlich, dass die Mehrheit im Rat bei der Verbindungsfrage offensichtlich nur den Durchblick eines balzenden Auerhahns besitzt. Sonst hätte man gewusst, dass die Mitglieder von Corps, Landsmannschaften, Turnerschaften und Sängerschaften tolerante Bürger unserer Gesellschaft sind. Die generalisierende und undifferenzierte öffentliche Kritik an pflichtschlagenden Verbindungen ist zurückzuführen auf bedauerliches fremdenfeindliches Verhalten rechtsgerichteter Burschenschaften, mit denen die anderen Verbände absolut nichts verbindet. Nobelpreisträger Albert Einstein hatte wohl recht: „Es ist leichter, einen Atomkern zu spalten als ein Vorurteil.“

Mit dem studentischen Fechten verfügen Verbindungen über ein wichtiges, nicht nur sportliches Element zur Stärkung der Persönlichkeit und zur Festigung der Gemeinschaft. Auch im täglichen Leben gilt es, seinen Mann zu stehen und seinem Gegenüber offen aber durchaus entschlossen zu begegnen. Der Corpsstudent Alfred Herrhausen hat auf Grund seiner reichen Lebenserfahrung die richtigen Worte gefunden: „Wir müssen das, was wir denken, auch sagen. Wir müssen das, was wir sagen, auch tun. Und wir müssen das, was wir tun, dann auch sein.“

Die Corps sind stolz darauf, dass viele herausragende Persönlichkeiten mit unterschiedlicher Herkunft, die einen festen Platz in der Geschichte haben, Corpsstudenten waren. Stellvertretend seien genannt: Bischof Wilhelm Emmanuel Freiherr von Ketteler, Otto von Bismarck, Wilhelm Liebknecht, Theodor Körner, Ludwig Thoma, Peter Graf Yorck von Wartenberg, Martin Schleyer oder Alfred Herrhausen. Auch für Münster gilt, dass zahlreiche Präsidenten, Dezernenten, Referenten, Professoren, Staatsanwälte, Richter, Forscher, Ärzte, Rechtsanwälte, Unternehmer und Manager aller Hierarchiestufen sich als Corpsstudenten in und für die Stadt engagierten und engagieren.

Die anderen Verbände der schlagenden Verbindungen haben und hatten ebenfalls zahlreiche Führungspersönlichkeiten des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft in ihren Reihen. Zu nennen wären Friedrich Nietzsche, Ferdinand Lassalle, Gustav Stresemann, Hermann Höcherl oder Ferdinand Porsche. Die SPD und die Grünen hätten gut daran getan, vor der Entscheidung ihre Bundesbrüder Friedhelm Farthmann und Rezzo Schlauch um Rat zu fragen. Stattdessen halten sie es offenbar mit den linksgerichteten Spontis der siebziger Jahre („Die Intelligenz verfolgt dich, doch du bist schneller!“) …

Die erfolgreiche Karriere von Akademikern beginnt nicht zwangsläufig in Oxford oder Harvard – meist aber an einer deutschen Universität und mit einer individuellen Studienstrategie. Im Vordergrund stehen die speziellen Fähigkeiten und Neigungen für den späteren Beruf. Fürs Studium vieler Fachrichtungen ist Münster eine gute Wahl.

Um die Studiengänge effizienter zu gestalten und die Ausbildungszeiten zu verkürzen, haben sich universitäre Fachignoranten in Europa über zehn Jahre ausgetobt. Seit der Bologna-Reform mit ihren Bachelor- und Master-Abschlüssen geht es den Universitäten nur noch um die schnelle Vermittlung von Sachwissen und damit um die Ausbildung von Akademikern light – nicht mehr um deren Persönlichkeitsbildung und Kompetenz. Bei der Verkürzung der Studienzeiten ist die Allgemeinbildung auf der Strecke geblieben. Doch was helfen zunehmende Verschulung und Spezialisierung, wenn die Studenten immer weniger wissen, was sie mit ihrem Leben überhaupt anfangen sollen?

Angesichts dieser Ausgangslage sind Studentenverbindungen verstärkt gefordert, den jungen Menschen das zu vermitteln, was Universitäten selbst nicht mehr leisten können: Die Erweiterung des Horizonts über das Fachstudium hinaus, das Erleben von Gemeinschaft, die Entfaltung persönlicher Fähigkeiten und die Erfahrung, wie man mit Menschen und schwierigen Situationen verantwortungsbewusst umgeht. Einen wichtigen Beitrag dazu leistet der aufgeschlossene, aber auch kritische Dialog zwischen jungen Neumitgliedern der Verbindung und den älteren, erfahrenen Inaktiven oder Alten Herren. Durch regelmäßige Besuche von Veranstaltungen ihres Bundes sind ehemalige Verbindungsstudenten aber auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Stadt.

Wenn der blanke Stamm eines Baums für das Studium steht, dann symbolisieren die Äste unsere sonstigen Fähigkeiten und Interessen. Verbindungen legen Wert auf die soziale Kompetenz ihrer Mitglieder, insbesondere auf Toleranz gegenüber unterschiedlichen politischen Überzeugungen, Religionen, Nationalitäten und Lebensentwürfen. In diesem Umfeld haben Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung keinen Platz.

Gesellschaft, Wirtschaft und Verwaltung brauchen keine Fachidioten, sondern vor allem gut ausgebildete Charakterköpfe. Deshalb versuchen die schlagenden Verbindungen, soziale Kompetenz mit Fachkompetenz zu verbinden. So kann Führungserfahrung in einer Charge den späteren Einstieg ins Berufsleben vorbereiten und erleichtern.

Wer sich den Herausforderungen des Lebens stellen will, benötigt eine solide Ausbildung, einen gefestigten Charakter und ein starkes soziales Netzwerk, also Freunde, mit denen man die Studienzeit in enger Gemeinschaft intensiv durchlebt – und die auch im späteren Leben noch zueinander stehen.

Ich war im Corps Hubertia Freiburg aktiv. Dort wurde mir bewusst: Es gibt richtungsweisende Erfahrungen im Leben, die man nur in einem bestimmten Alter erleben kann; später sind die Türen verschlossen. Rotary oder Lions mit 40 ersetzen nicht die Erfahrungen, die man in jungen Jahren in einer Verbindung macht. Die Freiburger Huberten sind ein Bund fürs Leben, keine Lebensabschnittsgemeinschaft. Deshalb haben pflichtschlagende Verbindungen nicht nur eine Vergangenheit, sie haben auch eine Zukunft! Für die nachfolgenden Generationen wünsche ich mir, dass sie so zeitlos bleiben, wie ich sie empfinde.

Armin Berninghaus

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Comments

  1. Prof. Dr. Hermann Freter meint

    Kommentar zu: Mit dem Durchblick eines balzenden Auerhahns
    Die Stadt Münster hat sich mit der Entscheidung, schlagende (und nicht schlagende) Verbindungen, die keine Frauen als Mitglieder aufnehmen, den Rathausfestsaal nicht für Feierlichkeiten zur Verfügung zu stellen, keinen Gefallen getan. Das widerspricht dem Geist einer liberalen Universitätsstadt, zu der immer schon Verbindungen gehörten, unabhängig von der rechtlichen Zulässigkeit der Ausschlussentscheidung.
    Dem Verfasser des Artikels gelingt es über die Problematisierung des Vorgangs hinaus, das Selbstverständnis und die hohe aktuelle Bedeutung des Verbindungsstudententums neutral zu kennzeichnen. Die heutige Massenuniversität trägt zur Persönlichkeitsbildung ihrer Studierenden kaum noch bei; bei Verbindungen steht diese Bildung dagegen hoch im Kurs.
    Ich hoffe, dass meine ehemalige Universitätsstadt nicht erst durch einen Gerichtsspruch gezwungen werden muss, ihre Meinung zu ändern!

  2. Karin Münster meint

    Seit Jahren bin ich in der Frauenarbeit tätig und jetzt Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Münsterscher Frauenorganisationen (AMF). In den vielen Kontakten in unseren Kreisen hatten wir nie Anlass, die Tatsache in Frage zu stellen, dass in historisch gewachsenen Männergemeinschaften (Akademische Verbindungen) keine Frauen als Mitglieder sind.
    In gleicher Weise gibt es ja auch zahleiche Frauenorganisationen, in denen es per se keine Männer als Mitglieder gibt.
    Ich halte es daher für unsinnig, den betroffenen Verbindungen nur mit der Begründung “keine Frauen als Mitglieder” die Nutzung des Rathausfestsaales für Jubiläumsveranstaltungen zu verweigern. Da gehen meines Erachtens die Überlegungen eines Teils des Rates in eine falsche Richtung. Eine solche Entscheidung widerspricht meinem Verständnis von einer weltoffenen Universitätsstadt.

  3. Hubertus Brandt meint

    Balzender Auerhahn ohne Durchblick

    Der Stadtrat Münsters entschied 2014: Studentenverbindungen, die „nur Männer“ aufnehmen, dürfen nicht mehr entgeltlich die Räume des Münsteraner Rathauses zum Feiern nutzen.

    Die Liebe zum Zeitgeist macht blind, das scheint heute so zu sein und war auch schon früher so. In der Nazizeit wurden die Verbindungen -um die es heute geht- bereits schon einmal verboten, auch damals ging es um die Gleichschaltung mit dem Zeitgeist. Die Liebe zur Deutschen Romantik -sei es braun, grün oder rot- keimt gerne die komischsten Stilblüten. Schade, denn Vielfalt und Tolleranz ist besser als die romantische Einfalt, der balzende Auerhahn ist einfach zu blind, aus lauter Liebe.

  4. Klaus Bohner meint

    Wenn man sich politische Entscheidungen in unserer Republik vergegenwärtigt, so könnte man zu der Einsicht gelangen, den wohlwollenden Staatsbürger könnte nichts, aber auch gar nichts mehr überraschen.
    Weit gefehlt! Da hat doch — wie ich höre — der Rat der Stadt im tiefsten Münster beschlossen, einer studentischen Verbindung die Nutzung eines städtischen Raumes zu untersagen, weil diese Verbindung nur Männer in ihren Reihen zähle und weiblichen Bewerbern den Zutritt verwehre – was ja wohl eindeutig dem Gleichheitsgrundsatz und der Gleichberechtigung von Mann und Frau widerspreche.
    Und da muss sich der nach-denkende Zeitgenosse sagen: das darf doch nicht wahr sein!
    Denn: Wenn dieser Beschluss ausschließlich für die eine besagte studentische Verbindung gilt und nicht für alle anderen Verbindungen, würde das dem vom Rat selbst in Anspruch genommenen Gleichheitsgrundsatz eklatant widersprechen. Handelt es sich aber um eine Pars-pro-toto-Entscheidung, dann – gälte dasselbe!
    Denn: Dann dürfte die Stadt in Zukunft sowohl Männerchören als auch Frauenchören für größere Auftritte die Nutzung städtischer Räumlichkeiten nicht mehr erlauben. Sie müsste zukünftig Fußballmannschaften sowohl der Männer als auch der Damen den Gebrauch städtischer Sportanlagen untersagen. Sie müsste Mitgliedern des Rotary-Clubs (inklusive Inner Wheel) oder des Lions-Clubs verwehren, bei größeren und besonderen Anlässen ggf. repräsentative Räume der Stadt zu nutzen. Alle diese Gruppierungen „unterlaufen“ ja das Gleichheitsprinzip, wie es die Mehrheit des Stadtrates interpretiert.
    Rein hypothetisch und ohne niemandem verletzen zu wollen – ich frage, ob die obige Mehrheit des Rates es wagen würde, kulturelle Handlungen im Dom zu Münster zu untersagen, nur weil es dort keine Erzbischöfin gebe?
    Na ja – es ist schon problematisch, wenn man ein Prinzip prinzipiell zum Prinzip erhebt…
    Jeden der Freunde im Stadtrat von Münster, der in den Diskussionen dem obigen Beschluss das Wort geredet hat, möchte ich an ein Wort des Philosophen Boethius erinnern, das schon seit weit über eintausend Jahren seine Gültigkeit nicht verloren hat: O si tacuisses… (Oh, wenn du doch geschwiegen hättest…)

    Klaus Bohner

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