Marta Herford: „Magie und Macht“

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Herford – „Magie und Macht – Von fliegenden Teppichen und Drohnen“ greift den uralten Traum des Menschen vom Fliegen auf und lässt märchenhafte Ideen auf zeitpolitische Härte treffen. Die Ausstellung vom 27. Februar bis  5. Juni in der Marta Herford versammelt Fotografien, Videos, Skulpturen und Rauminstallationen von 40 renommierten Künstlern, darunter auch fünf eigens für Marta Herford entwickelte Projekte. Vom fliegenden Teppich aus Tausendundeiner Nacht über ortsspezifische Arbeiten, welche die Gehry-Galerien in ein eigenes Koordinatensystem verwandeln, bis hin zur Drohne, die den Besucher überwacht, vereint die Schau Werke von europäischen und arabischen Künstlern und durchbricht bewusst die traditionellen Vorstellungen von Orient und Okzident.

Ausstellungsansicht von Marta Herford: Tim Cierpiszewski, GAME PLAYER, 2016, Wandarbeit, Acryl. Produziert mit Unterstützung des Marta Patronatsfonds für neue Kunst. Nevin Aladağ, Läufer, 2016 Foto: Hans Schröder, Marta Herford

Ausstellungsansicht von Marta Herford: Tim Cierpiszewski, GAME PLAYER, 2016, Wandarbeit, Acryl. Produziert mit Unterstützung des Marta Patronatsfonds für neue Kunst. Nevin Aladağ, Läufer, 2016 – Foto: Hans Schröder, Marta Herford

„Teppiche und Drohnen, magisch aufgeladene Knüpftraditionen und modernste Militärtechnik, Fantasien über einen geheimnisumwitterten Orient und die Komplexität einer globalisierten Welt – diese Ausstellung lebt vom Blick auf die Spannungsfelder zwischen Geschichte(n) und Alltagsrealität, aber immer mit den Augen der Künstler.“ (Roland Nachtigäller)

Die Ausstellung empfängt den Besucher in der Eingangsgalerie mit der neu entstandenen großformatigen, geometrischen Wandmalerei „GAMEPLAYER“ und „VADER“, ebenfalls von Tim Cierpiszewski. Dieses Werk spielt nicht nur auf die Figur des Darth Vader der bekannten Stars Wars-Filme an, sondern verweist mit dem Wort invader, zu deutsch Eindringling oder Angreifer, auf Gefühle, die oft im Zusammenhang mit Drohnen geäußert werden. Beim Eintritt in den Dom zieht ein spektakuläres Werk der deutschtürkischen Künstlerin Nevin Aladağ den Blick des Betrachters auf sich: Ein Teppichläufer erstreckt sich vom Fußboden der Eingangsgalerie 23 Meter hinauf in die Kuppel des Marta-Doms. Im selben Ausstellungsraum befindet sich das Werk „PrayWay“ von Slavs and Tatars, eine Teppichinstallation, auf der die Besucher selbst Platznehmen können.

Ausstellungsansicht im Marta Herford: Blick in den Marta-Dom, mit Werken von: Björn Schülke, Drone #8, 2014, Fiberglas, Aluminium, Holz, 2K Lack, Motoren, Fiberglass, Schaltkreis, Sensoren, Kamera. Im Hintergrund: Slavs and Tatars, PrayWay, 2012, Seiden- und Wollteppich, MDF, Stahl, Neon, sowie Bildwerke von Abu Bakarr Mansaray, Bleistift und schwarze und rote Tinte auf Papier, CAAC – The Pigozzi Collection, Genf Foto: Hans Schröder, Marta Herford

Ausstellungsansicht im Marta Herford: Blick in den Marta-Dom, mit Werken von: Björn Schülke, Drone #8, 2014, Fiberglas, Aluminium, Holz, 2K Lack, Motoren, Fiberglass, Schaltkreis, Sensoren, Kamera. Im Hintergrund: Slavs and Tatars, PrayWay, 2012, Seiden- und Wollteppich, MDF, Stahl, Neon, sowie Bildwerke von Abu Bakarr Mansaray, Bleistift und schwarze und rote Tinte auf Papier, CAAC – The Pigozzi Collection, Genf – Foto: Hans Schröder, Marta Herford

Das aus märchenhaften Erzählungen bekannte fliegende Knüpfwerk wird im nächsten Raum sogleich dekonstruiert: Das einzige tatsächlich flugfähige Objekt ist ein kleiner Perser, an dessen vier Ecken Minidrohnen befestigt sind, die per Fernsteuerung zu bedienen sind. Auch ein von Pfeilen durchbohrter Teppich von Cai Guo-Qiang sowie der scheinbar gegen die Marta-Wände geschmetterte Teppich „Fairy Tale Device Crashed“, eine Installation von Pravdoliub Ivanov, zerstören die Vorstellung einer heilen Märchenweltaus Tausendundeiner Nacht.

Babak Kazemi Exit of Shirin & Farhad #12, 2012 Druck auf Dibond, 100 x 70 cm. © der Künstler Courtesy der Künstler und Silk Road Gallery, Teheran

Babak Kazemi: Exit of Shirin & Farhad #12, 2012 – Druck auf Dibond, 100 x 70 cm.
Foto: Babak Kazemi – Courtesy der Künstler und Silk Road Gallery, Teheran

Viele KünstlerInnen aus dem arabischen Raum könnten diese Art Kunst nicht in ihrem Heimatland zeigen und leben im Exil. So wie die Iranerin Parastou Forouhar, die die Ornamentik von Teppichen an die Wand bringt und politisch auflädt, wie Gastkuratorin Anne Schloen zusammenfasst: „Von Weitem erinnern die Motive auf den Schmetterlingsflügeln an Muster von persischen Teppichen. Aber wenn man näher kommt, erkennt man mit Zielscheiben markierte, blutige Menschen. Aus Schönheit wird plötzlich Grausamkeit. Die Künstlerin zeigt die Opfermilitärischer Gewalt.“

Der Entzauberung des Teppichs werden irritierende Drohnen entgegengesetzt: Ein Minihubschrauber mit clownesken Zügen von Axel Brechensbauer, der bezeichnenderweise als „Peace Drone“ betitelt wurde, lächelt den Besucher unheimlich an. Ebenso ironisch wie die malende Drohne von Addie Wagenknecht, ist auch der „Drone Survival Guide“ von Ruben Pater zuverstehen, der anhand der Umrisse verschiedene Drohnentypen zu unterscheiden hilft. Adam Harveys Kopfbedeckung und Umhänge wiederum präsentieren als Fotoserie und Objekt, wie man sich durch neuartige Materialien vor Strahlungen aus der Luft schützen kann.

Michael Kröger, Ausstellungsmacher beim Marta Herford, weist an dieser Stelle auf die Verbindung zur parallel gezeigten Ausstellung „Brutal schön – Gewalt und Gegenwartsdesign“ hin. Denn der Umriss eines Drohnenschattens vom Typ „Global Hawk/ RQ-4A“ von Konzeptkünstler James Bridle schlägt eine inhaltliche Brücke zwischen beiden Schauen. Der Kurator hat sich beider Arbeit auch von Zygmunt Bauman inspirieren lassen: „Die Drohnen der nächsten Generation werden alles sehen, während sie selbst unsichtbar bleiben, und zwar im wörtlichen wie im metaphorischen Sinne. Niemand wird sich vor dem Beobachtetwerden schützen können.“

Die Ausstellung ist eine stark erweiterte Übernahme der im vergangenen Jahr von Diane Hennebert und Christophe Dosogne für die Boghossian Foundation – Villa Empain in Brüssel konzipierten Präsentation „Heaven and Hell“.

Marta Herford gGmbH / Goebenstraße 2–10 / 32052 Herford
Telefon 05221 – 994430-0
www.marta-herford.de

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