Der Kiepenkerl: Die Orakel von Delphi und Athen

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Unbemerkt von der Öffentlichkeit beeinflusste ein Gasgemisch aus Kohlenwasserstoffen (Ethylen und Methan) und Schwefelwasserstoff die Weltpolitik der Antike. Aufgrund neuerer Forschungsergebnisse des amerikanischen Geologen Jelle de Boer wissen wir, dass sich die Priesterinnen des Orakels in Delphi von den „göttlichen Gasen“ aus dem kohlenwasserstoffhaltigen Kalkgestein unter dem Apollo-Tempel berauschen ließen. So wie Drogensüchtige an der Klebstofftüte schnüffeln, inhalierten sie die stimulierenden Kohlenwasserstoff-Dämpfe, die aus einer Erdspalte unter dem Tempel aufstiegen. Danach deuteten sie den Herrschern und Heerführern mit nur schwer verständlichen Weissagungen die Zukunft. Ihre Auftraggeber wussten um die Zweideutigkeit der Orakel und stellten sich darauf ein.

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Foto: Arian Zwegers (Delphi, Tholos Uploaded by russavia) [CC-BY-2.0 ], via Wikimedia Commons

Unter dem Parlamentsgebäude in Athen gibt es vermutlich auch eine Erdspalte, aus der stimulierende Dämpfe strömen, die den Geist der Volksvertreter vernebeln und eine sozialdarwinistische Negativauslese fördern. Deshalb wurden bislang ausschließlich Mitglieder der jeweils regierenden Partei mit finanziellen Wohltaten und Stellen im öffentlichen Dienst bedacht. Hauptprofiteure waren die Panhellenische Sozialistische Bewegung (PA.SO.K.) und die Neue Demokratie (N.D.). Gängige Praxis war auch, dass sich die jeweiligen Regierungsmitglieder mit Geldern aus öffentlichen oder Schmiergeld-Kassen die Taschen vollstopften und ihr Vermögen unversteuert im Ausland parkten.

Die Selbstbedienung führte nicht zum survival of the fittest, sondern zu einem allgegenwärtigen Parasitentum. Parallel dazu entwickelte sich ein Zustand, durch den von außen kommende Störungen unter Aufrechterhaltung des Systems ertragen werden konnten. Der Abwehrmechanismus wurde erfolgreich beim Versickern von Fördermilliarden der Europäischen Union praktiziert. Kein Wunder, dass viele Sparauflagen der Eurogruppe gar nicht oder mit zeitlichen Verzögerungen umgesetzt wurden und werden.

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Foto: Andreas Trepte (Eigenes Werk) [CC-BY-SA-2.5], via Wikimedia Commons

In dem quasi rechtsfreien Raum entwickelte sich das griechische Steuersystem zum ineffektivsten der zivilisierten Welt. Ungeachtet dessen, dass bereits Adam Smith (1723-1790) gefordert hatte, dass die Steuern für das Volk so gleichmäßig, so bestimmt, so bequem und so wenig belastend gestaltet sein sollen wie nur irgend möglich. Da der Gesetzgeber diesem Anspruch des Begründers der klassischen Nationalökonomie nicht gerecht wurde, half die Bevölkerung mit liberalen Gestaltungen zur eigenen Vermögensmehrung nach.

Griechenland hätte dringend eine Blaupause des deutschen Liegenschaftskatasters und der Steuergesetze benötigt, denn Deutschland ist führend in der Welt, was die Effizienz der Verwaltung betrifft. Kein Wunder, denn bereits 1808 ordnete Napoleon für das besetzte Rheinland und für Westfalen die Vermessung und das Anlegen eines flächendeckenden Parzellenkatasters an, um eine gesicherte Grundlage für die Besteuerung von Grund und Boden zu schaffen. Mit dem Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) zum 1. Januar 1900 trat auch die Reichsgrundbuchordnung in Kraft.

Griechenland hatte über 100 Jahre Zeit, um nach deutschem Muster ein Liegenschaftskataster als wichtigen Baustein für ein geordnetes Steuersystem einzuführen. Doch wo kein Wille ist, ist auch kein Weg.

Unbegreiflich, dass die Schaffung eines Liegenschaftsregisters und die Einführung einer effektiven Steuerverwaltung nicht zur Voraussetzung für den Beitritt Griechenlands zur Eurozone gemacht wurden. An unbeschäftigten Mitarbeitern in der öffentlichen Verwaltung bestand schließlich kein Mangel.

Auf dem Kriegsschauplatz der öffentlichen Verwaltung wäre deutsche Militärhilfe angebrachter gewesen, als Militärgüter Made in Germany zu liefern. Doch statt die Basis für einen Haushaltsausgleich zu schaffen, gaben die Griechen 2,8 Milliarden Euro für vier zusätzliche U-Boote aus. Doch die Staatsfinanzen lassen sich nicht durch unproduktive Investitionen sanieren.

 

 

Comments

  1. Georg B. meint

    „Doch statt die Basis für einen Haushaltsausgleich zu schaffen, gaben die Griechen 2,8 Milliarden Euro für vier zusätzliche U-Boote aus.“

    Und der deutsche Staat nahm diese dankbar an.

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