Der Kiepenkerl bloggt: Fußball-WM post portas

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In den brasilianischen Weltmeisterschafts-Stadien sind die Nationalhymnen und der Jubel verstummt. Für die teuersten Spiele aller Zeiten wurden sieben Arenen neu gebaut und fünf einer gründlichen Renovierung unterzogen. Kein gutes Omen für die Gastgeber war, dass mit Benedikt XVI. und Franziskus, zwei lebende Päpste, für den Sieg von Deutschland beziehungsweise Argentinien beteten. Am Ende hieß es: „Deutschland war Papst und ist Weltmeister. Argentinien ist Papst und wird Vizeweltmeister.“ Benedikt XVI. hatte beim vierten Stern offensichtlich die besseren Karten, denn Deutschland wurde durch das Tor von Mario Götze Weltmeister.

Spielorte der Fußball-WM 2014

Die Brasilianer haben eine tolle Weltmeisterschaft (WM) ausgerichtet. Sie waren gute und faire Gastgeber. Doch nachdem die Gäste abgereist sind und es auch mit dem Titel für die Gastgeber nicht geklappt hat, sind die Probleme des Landes wieder da. Zusätzlich stellt sich die Frage, was mit den zwölf Fußballtempeln geschehen soll, denn zu Liga-Spielen kommen im Durchschnitt lediglich 13.000 Zuschauer in die Stadien.

Bischof Erwin Kräutler, der Oberhirte der Amazonas-Diözese, brachte es auf den Punkt: „Millionen Brasilianer bezeichneten die Geschehnisse schon im Vorfeld der WM als katastrophalen Unfug, denn Milliarden wurden in den Bau von Stadien und Infrastruktur hineingebuttert, um den FIFA-Anforderungen gerecht zu werden“. Absehbar sei, dass viele der Stadien später bloß weiße Elefanten seien, da es außerhalb der WM in der Mehrzahl der neuen Spielstätten nicht genügend Besucher gibt.“

Unterstützung signalisierte der Bischof für die Forderungen vieler Brasilianer nach FIFA-Standards für Spitäler, Gesundheitskosten, Schulen, Universitäten, Transport und öffentliche Sicherheit. Kräutler wörtlich: „Solange es für Kinder nicht einmal anständige Schulbänke gibt, Kranke in Spitalsgängen auf dem Boden liegen oder in langen Warteschlangen vor einem Gesundheitsamt tot umfallen, Arbeiter und Angestellte tagtäglich stundenlang in Bussen wie in Sardinendosen eingepfercht zum Arbeitsplatz fahren müssen, ist es ein Skandal, Milliarden für Fußballstadien hinauszuschmeißen.“

Die FIFA hat in Brasilien gigantische Fehlinvestitionen abgesegnet, denn die in Beton gegossenen Prestigeobjekte schränken den Handlungsspielraum des Landes für innere Reformen stark ein. Einsparungen wären durchaus möglich gewesen:

  1. Hätten die Verantwortlichen beispielsweise die Spielstätten an den No-Go-Standorten, wie Zirkuszelte, als fliegende Bauten errichten lassen, wäre eine spätere Wiederverwendung an anderen Spielstätten der Welt möglich gewesen. Auf jeden Fall würde der zeitliche Abstand zwischen zwei Weltmeisterschaften ausreichen, um die Stadien zu demontieren und im nächsten Austragungsland wieder aufzubauen. Die Zeit- und Kostenersparnisse wären enorm.
  2. Bei geschickter Planung wäre es auch möglich gewesen, die nach der Weltmeisterschaft leer stehenden Stadien mit vergleichsweise geringem Aufwand als Mietwohnungen für Einwohner aus Favelas herzurichten. Dem Staat wäre das Elend der Instandhaltung erspart geblieben und das Elend in den Slums hätte reduziert werden können.
  3. Auch der Verkauf der nach wenigen Spielen praktisch neuwertigen Sitze, Sprecherkabinen, Beleuchtungsanlagen und des elektronischen Equipments hätte Geld in die Kasse gebracht. Schließlich kann nicht davon ausgegangen werden, dass der Urwald die Spielstätten verschlingt und sie nach Jahrtausenden zur Touristenattraktion werden lässt – so wie die monumentalen Gebäuden der Mayas und Azteken in Mittelamerika.
  4. Auch viele Infrastrukturmaßnahmen sind fragwürdig, zumal etwa die Hälfte nicht rechtzeitig fertiggestellt wurde. In Belo Horizonte ist sogar eine halbfertige Brücke eingestürzt. Die Unglücksursache ist ebenso ungeklärt wie der langfristige Bedarf des Bauwerks, denn die Spiele wurden durch die fehlende Brücke nicht erkennbar beeinträchtigt. Der Einsturz bietet die Chance, dass der Staat spätere Instandhaltungs- und Wartungskosten spart.

Erfahrungsgemäß sind die Ausrichter von Fußballweltmeisterschaften so blind wie Auerhähne bei der Balz. Im Zustand der Verliebtheit und Paarungsbereitschaft sollte die FIFA klaren Kopf bewahren und auf die langfristige Rentabilität der enormen Investitionen achten. Die Ausrichter müssten hieb- und stichfeste Unterlagen vorlegen, die den langfristigen volks- und betriebswirtschaftlichen Nutzen jedes Stadions bestätigen.

Die Katerstimmung war vorhersehbar, denn nach dem kollektiven Freudentaumel hat die grausame Realität das Land wieder fest im Griff. Es war ein Irrglaube, dass das Sportspektakel die Wirtschaft in Schwung bringen wird. Nach Angaben der Regierung hat die WM gut 8,5 Milliarden Euro gekostet. Inoffizielle Schätzungen gehen von weit höheren Aufwendungen aus. Der finanzielle Kraftakt hat sich nicht gelohnt. Die korrupte Verbandsführung sieht das vermutlich anders.

Für die nächsten Fußballweltmeisterschaften stellt sich erneut die Frage: Wie konnte Südafrika die Spiele 2010 mit zehn Stadien zur allseitigen Zufriedenheit ausrichten?

 

 


 

 


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