Mettingen: Künstlerische Positionen zur Heimat

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Westfalen – Die Draiflessen Collection in Mettingen zeigt noch bis 31. Mai 2014 die Ausstellung „macht heimat!“ – eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem vielschichtigen Begriff „Heimat“.  Die unterschiedlichen Positionen werden in einer spektakulär und aufwendig ausgestatteten Präsentation vorgestellt. In Mettingen werden insgesamt 95 Exponate von sieben Künstlerinnen und Künstlern vorgestellt. Einmal mehr zeigt sich, dass die Draiflessen Collection ihre Ausstellungen beeindruckend in Szene zu setzen weiß. Auch der Katalog zur Ausstellung ist exzellent aufgebaut und bietet zur weiteren Auseinandersetzung viele Erläuterungen und ergänzende Texte.

Die Ausstellung "Macht Heimat!" ist hervorragend inszeniert. - Foto: Draiflessen Collection, Mettingen / Norbert Miguletz

Die Ausstellung „Macht Heimat!“ ist hervorragend inszeniert. – Foto: Draiflessen Collection, Mettingen / Norbert Miguletz

Die Draiflessen Collection hat die internationalen Künstlerinnen und Künstle im vergangenen Jahr eingeladen, zum Thema „macht heimat!“ zu arbeiten. Bis zum 18. November des vergangenen Jahres sind dabei in offenen, in die Ausstellungsfläche integrierten Ateliers über mehrere Wochgen neue Arbeiten entstanden. Präsentiert werden diese zusammen mit Werken, die bereits vorher in der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Thema entstanden sind.

Jeder Künstler bespielt mit seinen Kunstwerken einen Raum und lädt zu einer intensiven Auseiandersetzung ein. Die Besucher der Ausstellung werden jeweils von einer einfühlsamen Führung und deren Erläuterungen begleitet, die alle künstlerischen Positionen nachvollziehbar vorstellt. Durch diese Erläuterungen bekommt man als Besucher auch  einen Einblick in den Entstehungsprozess der Kunstwerke und lernt die Einzigartigkeit der teilweise sehr privaten Ansichten der Künstler zu würdigen und zu schätzen.

Wassermelonen symbolisieren in dem Kunstwerk von Irina Martyshkova die Heimat. - Foto: Draiflessen Collection, Mettingen

Wassermelonen symbolisieren in dem Kunstwerk von Irina Martyshkova die Heimat. – Foto: Draiflessen Collection, Mettingen

Je länger und intensiver man sich mit dem Thema Heimat auseinandersetzt, umso zahlreicher werden seine Bedeutungen. Jeder Mensch definiert Heimat eben unterschiedlich und mitunter ganz anders. Heimat aber im Sinne von „daheim“ oder „zu Hause sein“ kennen wohl alle als Bezeichnung für die Erfüllung eines Urbedürfnisses, der Sehnsucht nach Geborgenheit, Liebe und selbstverständlicher Zugehörigkeit.

Der Besucher hat Raum und Zeit zur Verfügung, um sich mit der Ausstellung auseinanderzusetzen. - Foto: Draiflessen Collection, Mettingen/

Der Besucher hat Raum und Zeit zur Verfügung, um sich mit der Ausstellung und den 95 Exponaten zu beschäftigen. – Foto: Draiflessen Collection, Mettingen / Norbert Miguletz

Speziell im Laufe der deutschen Geschichte wurden der Begriff und die Bedeutungsebenen von Heimat mehrfach politisch und gesellschaftlich stark aufgeladen. Das im Deutschland des späten 19. Jahrhunderts etablierte Abstammungsprinzip bereitete die nationalsozialistische Vereinnahmung des Heimatbegriffs vor. Infolge des Zweiten Weltkrieges waren es vor allem
die zahlreichen Vertriebenen, die dem Thema auch im gesellschaftlichen Diskurs der jungen Bundesrepublik einen festen Platz verschafften. Die Sehnsucht des kriegszerstörten Deutschland nach „einer Auszeit in einer heilen Welt“ spiegelt sich dann in den Heimatfilmen der 1950er-Jahre: Hier gerinnt der Begriff zum Klischee und, in kritischer Distanz dazu, zum
Sinnbild für provinzielle Enge und „Heimattümelei“.

In jüngster deutscher Vergangenheit hat sich dies allerdings wiederum gewandelt: Neben der Globalisierung als wichtiger Grund für die Rückbesinnung auf die eigene Heimat mag die neue nachwachsende Generation dazu beitragen, sich dem Begriff Heimat wieder unvoreingenommener zu nähern. Zur Zeit ist das Thema Heimat auf dem besten Wege, Kult zu werden.

Perfekte Inszenierung für Kunst. - Foto: Draiflessen Collection, Mettingen /

Perfekte Inszenierung für Kunst. – Foto: Draiflessen Collection, Mettingen / Norbert Miguletz

Die Draiflessen Collection hat drei deutsche und einen niederländischen Künstler, eine chinesische, eine japanische und eine russische Künstlerin eingeladen: Elisabeth Busch-Holitschke und Jürgen Holitschke finden als langjähriges deutsches Künstlerpaar für einen ähnlichen Begriff von Heimat völlig unterschiedliche  Ausdrucksweisen: Elisabeth Busch-Holitschke näht textile Werke aus alten gestickten Sonntagstischdecken oder aus neutralem Nessel oder Leinen, die so zu abstrakten Objekten werden. Jürgen Holitschke dagegen setzt sich seit vielen Jahren in Fotoserien und Aktionen mit dem Thema Heimat auseinander.

Stephan Strumbel bringt stellvertretend für die jüngere Generation einen gewandelten Heimatbegriff zum Ausdruck. Seine knalligbunten Kuckucksuhren im Stil der Pop-Art etwa oder seine teils provozierenden Neonschriftzüge, die an seine Sprayerzeit denken lassen, offenbaren auf den zweiten Blick eine Tiefgründigkeit, die über die reine Werbeästhetik hinaus geht. Während Heimat als Thema zum Beispiel in der US-amerikanischen Kunstszene eine eher marginale Rolle spielt, ist es für Künstler aus östlichen Ländern wiederum von größerer Relevanz. So sind mit Keiko Sadakane eine japanische, mit Haiying Xu eine chinesische und mit Irina Martyshkov aeine russische Künstlerin beteiligt.

Während Keiko Sadakane die Erlebnisse und Erfahrungen ihrer japanischen Heimat mit ihrem tiefen katholischen Glauben verbindet, verknüpft Haiying Xu in ihren Arbeiten Elemente ihres östlichen Geburtslandes und ihrer neuen westlichen Heimat. Die großformatigen Malereien und Druckgrafiken der jüngsten Künstlerin, Irina Martyshkova, erzählen in stark farbigen und detailreichen Malereien und Drucken, die an Traumbilder erinnern, vielüber das Miteinander der Menschen ihrer russischen Heimat.

Schon von aussen ein spektakulärer Museumsbau. - Foto: Draiflessen Collection, Mettingen

Schon von aussen ein spektakulärer Museumsbau. – Foto: Draiflessen Collection, Mettingen

Die 2009 gegründete Draiflessen Collection ist eine private Initiative der Unternehmerfamilie Brenninkmeijer, die das international erfolgreiche Modehaus C&A aufgebaut hat. Sie dient der Sammlung, Sicherung und Bearbeitung von Zeugnissen der Unternehmens- und Familiengeschichte. Daneben führt sie auf einer eigenen, internationalen Museumsstandards entsprechenden Ausstellungsfläche regelmäßig Sonderausstellungen zu einem breiten Themenspektrum durch. Alleine der Museumsbau und darüber hinaus die aktuelle Ausstellung sind eine Reise nach Mettingen wert. Die Besucher reiben sich regelmäßig verwundert die Augen, wenn sie in Mettingen vor der Draiflessen Collection stehen. Soetwas hätten sie hier sicherlich nicht erwartet.

Öffnungszeiten: montags, mittwochs, freitags und sonntags jeweils von 11 bis 17 Uhr sowie donnerstags von 11 bis 21 Uhr nach vorheriger Anmeldung unter
Telefon 05452 – 9168 – 3500 (montags bis freitags 10.00 bis 12.00 Uhr) – samstags und dienstags geschlossen
Eintritt inkl. Führung (Dauer ca. 1,5 Stunde) regulär: 12 Euro pro Person, ermäßigt: 6 Euro pro Person

Draiflessen Collection / Georgstraße 18 / 49497 Mettingen
Telefon 05452 – 91680
www.draiflessen.com

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