Dritter Jakobsweg für Westfalen

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Westfalen – In Minden ist der dritte durchgehende Weg der Jakobspilger durch Westfalen feierlich eröffnet worden. Nach den Strecken von Osnabrück nach Wuppertal und von Höxter nach Bochum hat die Altertumskommission für Westfalen im Auftrag des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) die alte Fernhandelsroute von Minden über Herford, Bielefeld und Lippstadt nach Soest wissenschaftlich erforscht. Inzwischen sei der 145 Kilometer lange Pilgerweg nach historischem Vorbild auch komplett ausgeschildert, so LWL-Direktor Dr. Wolfgang Kirsch bei der Eröffnung in Minden.
Darstellung vom hl. Jakobus und Bernhard II. zur Lippe an der Marienkirche in Lippstadt. Foto: LWL

Darstellung vom hl. Jakobus und Bernhard II. zur Lippe an der Marienkirche in Lippstadt. Foto: LWL

Kirsch stellte einen Wanderführer der Nord-Süd-Verbindung vor („Jakobswege Band 10. In 7 Etappen von Minden über Bielefeld und Lippstadt nach Soest“, 14,95 Euro, auch für Radwanderer; Bachem-Verlag, ISBN 978-3-7616-2423-4). Der Führer beschreibe den historischen Weg, die über 1.000 Jahre alte Tradition der Pilgerreise nach Santiago de Compostela (Spanien) und die Sehenswürdigkeiten entlang der Trasse in Westfalen.

Die Wege der Jakobspilger in Westfalen. - Foto: LWL

Die Wege der Jakobspilger in Westfalen. – Foto: LWL

Erstmals in Deutschland wird ein Weg der Jakobspilger auch mit einem Programm für Mobiltelefone (Smartphone-App) zugänglich gemacht. Neben der Navigation bietet die in Zusammenarbeit von LWL und Bachem-Verlag entstandene App Informationen aus dem Buch in komprimierter Form.

Die kostenlose App ist für die gängigen Smartphone-Systeme und für iPads geeignet, sie kann als „Web-App“ über http://www.jakobswege-westfalen.de aus dem Internet heruntergeladen werden und wird außerdem demnächst für iOS-Geräte im „Apple App Store“, für Android-Geräte im „Google Play Store“ zur Verfügung stehen. Bald sollen auch die anderen Wege in Westfalen in die App eingearbeitet werden.

Hohlweg am Wittekindsberg bei Bad Oeynhausen-Wöhren - Foto: LWL

Hohlweg am Wittekindsberg bei Bad Oeynhausen-Wöhren – Foto: LWL

Die Trasse von Minden nach Soest (vom Startpunkt Mindener Dom über Porta Westfalica, Bad Oeynhausen-Eidinghausen, Löhne-Gohfeld, Herford, Bielefeld, Gütersloh, Rheda-Wiedenbrück, Langenberg, Lippstadt) ist mit der charakteristischen Jakobsmuschel (europaweit gelb auf blauem Grund) ausgeschildert, erläuterte Projektleiterin Ulrike Spichal. In Soest trifft der Pilgerweg auf die bereits 2010 eröffnete Route des Hellwegs, der von Höxter kommt und auf Dortmund zu verläuft. Von dort gibt es über Wuppertal oder Bochum Anschluss an die Trassen des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) mit Anschluss bis nach Santiago de Compostela.

Der neue Pilgerweg ist nach Angaben von Spichal an historisch belegte Wegführungen angelehnt. Spichal: „Wir haben am Wittekindsberg Hohlwege gefunden, die sich durch die schweren Fuhrwerke ins Gelände eingegraben hatten und eindrucksvoll die damalige Wegesituation dokumentieren. Auch ehemalige Landwehrdurchlässe oder Galgenplätze sind Zeugnisse der alten Wegetrasse.“

Dass auch tatsächlich Pilger diese Fernroute benutzten, zeigen beispielsweise Funde von Jakobsmuscheln, die Pilger im Mittelalter als Beweis der erfolgreichen Pilgerfahrt sowie als Erkennungszeichen gut sichtbar an der Kleidung trugen. Auf dem Kirchplatz von St. Ägidius in Rheda-Wiedenbrück und auf dem Friedhof des ehemaligen Minoritenklosters in Soest wurden solche Muscheln in Gräbern gefunden. Eine in Minden gefundene Rosenkranzperle aus Gagat scheint von einem Pilger als „Souvenir“ aus Santiago mitgebracht worden zu sein. Die Perle weist die charakteristischen Verzierungen mit Jakobsmuscheln auf. Zudem wurde die schwarze Pechkohle (=Gagat) im 13. Jahrhundert im Umfeld von Santiago de Compostela abgebaut.

Auch Hinweise auf Unterkünfte für mittelalterliche Pilger fanden sich in einigen Städten: In dem noch heute bestehenden Pilgrimhaus in Soest zum Beispiel, das direkt am Jakobitor mit gleichnamiger Kapelle lag, fanden Pilger bereits seit 1309 Unterkunft. In Herford bestanden im Mittelalter gleich mehrere Pilgerherbergen gleichzeitig, was dafür spricht, dass es viele durchreisende Pilger gab.

Noch eine weitere Strecke in Westfalen – von Bielefeld über Warendorf, Telgte, Münster und Coesfeld an den Niederrhein (2014/15) – ist das nächste Projekt der LWL-Altertumskommission, so ihre Vorsitzende Dr. Aurelia Dickers. Das Gesamtprojekt wolle die mittelalterlichen Wege und die Spuren der Jakobspilger in Westfalen möglichst genau rekonstruieren: „Es gab für die Pilger in Westfalen und anderswo keine eigenen Wege, im Gegenteil: Sie suchten aus Angst vor Überfällen stark frequentierte, bekannte Trassen.“

Hohlweg am Wittekindsberg bei Bad Oeynhausen-Wöhren - Foto: LWL

Hohlweg am Wittekindsberg bei Bad Oeynhausen-Wöhren – Foto: LWL

Die Pilgerfahrt zum Grab des Apostels Jakobus des Älteren im über 2.000 Kilometer entfernten nordspanischen Santiago de Compostela hat eine Tradition, die bis ins Mittelalter zurückgeht. Man versprach sich die Heilung von Körper und Seele als Lohn für den Besuch der Kultstätte.

Seit dem 10. Jahrhundert kamen aus ganz Europa Pilger, Männer und Frauen aus allen Schichten, nach Spanien, zu Fuß oder zu Pferd. Als Beleg und Erkennungszeichen diente die Jakobsmuschel, die jeder Pilger in Santiago erstehen konnte und deutlich sichtbar an der Kleidung oder Umhängetasche trug.

Durch eine Pilgerreise konnten Verbrecher ihrer Strafe entgehen, wenn ein Gericht sie dazu verur-teilte. „Bettler, Räuber und Steuerhinterzieher im Pilgergewand haben zusammen mit den Strafpilgern die Pilgerfahrt im Laufe der Zeit in Verruf gebracht. Jakobsbrüder wurden vielerorts mit Gesindel gleichgestellt. Deshalb soll die Jakobi-Kirche in Herford, einer wichtigen Sammelstation für Pilger in Westfalen, 1530 wegen der Jakobspilger geschlossen worden sein“, erläuterte Spichal. Für mittellose Menschen war jedoch eine Pilgerreise oft die einzige Möglichkeit, die Heimat zu verlassen. Wohlhabende konnten das Pilgern auch delegieren und einen Berufspilger mieten.

„Seit einigen Jahren erlebt die Pilgerfahrt eine Renaissance, nicht erst, seit TV-Stars wie Hape Kerkeling sich auf den Weg machten: 2012 waren es über 190.000 Pilger, darunter etwa acht Prozent Deutsche. Im Jahr 2010, einem Heiligen Jahr, in dem der Namenstag des Apostels auf einen Sonntag fiel, wurden rund 270.000 Pilger in Santiago de Compostela registriert“, so LWL-Direktor Kirsch. Bereits 1987 hatte der Europarat dazu aufgerufen, die Jakobspilgerwege in Europa zu erforschen. 1993 erklärte die UNESCO den spanischen Teil des Weges, den „Camino Francés“, zum Weltkulturer-be.

Über Jakobspilger, die aus Westfalen stammen, sei insgesamt nur wenig bekannt, so Pilgerweg-Forscherin Spichal. Bekanntester westfälischer Pilger ist Bischof Anno aus Minden, der sich in den Jahren 1174 und 1175 auf den Weg nach Santiago de Compostela machte, das damals als Pilgerort gleichrangig neben Rom und Jerusalem stand. Auch Bernhard II. zur Lippe, der Gründer der Stadt Lippstadt, pilgerte im Jahr 1182 zum Grab des Apostels.

 www.jakobswege-westfalen.de


 

 


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