Münster: Flurstücke 019 wollen Stadt aufmischen

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Münster – Die dritte Auflage der Flurstücke mischt an diesem Wochenende die Stadt Münster auf. Das Internationale Festival für Theater, Tanz, Film und Performance findet vom 20. Juni bis zum 23. Juni in der Westfalenmetropole statt. Insgesamt 14 internationale Gruppen sind eingeladen. Es wird während der Flurstücke 019 einige Premieren und sogar eine Welturaufführung geben.

Veranstalter und Kuratoren stellten vor wenigen Wochen im Rathaus von Münster das vielseitige Programm der viertägigen Flurstücke 019 vor. Beim Fototermin auf dem Pinzipalmarkt lauern im Vordergrund jene befremdlichen Kreaturen, die während der Festivals die Stadt bevölkern werden – Foto: Jörg Bockow

Das Open Air Festival präsentiert eine derartige Fülle von Auftritten, Aktionen und Performances, dass jemand, der allen Gruppen, die an den vier Tagen in Münster antreten, zusehen möchte schon ziemlich ins Schwitzen kommt. Ohne einen ausgeklügelten Fahrplan wird das kaum gelingen. Das Programm der Flurstücke 019 wird die Stadt aufmischen, durcheinanderwirbeln und rocken, dass kaum ein Stein auf dem anderen bleiben wird – zumindest im übertragenen Sinne. Das Festival wird gefallen ohne gefällig zu sein. Es lohnt also nach Münster zu kommen und sich einer neuartigen Erfahrung auszusetzen. Die Münsteraner sollten am besten trotz des Brückentages voller Neugier in ihrer Stadt bleiben, um mitzuerleben wie sich die Perspektiven auf Plätze und urbane Orte radikal verändern.

Mit ohrenbetäubendem Lärm geht es durch die Stadt: “Bivouac” von Generick Vapeur bildet einen der Höhepunkte des Festivals Flurstücke 019 – Foto: David Street

Mit dem viertägigen Festival wird das westfälische Münster erneut zum Zentrum internationaler performativer Kunst. Und das heißt: freier Eintritt, open air und das für alle! Die Flurstücke machen die Stadt zur Bühne und behaupten den öffentlichen Raum als demokratischen Kunstort, als eine der Gesamtgesellschaft gehörende Plattform der Begegnung. Das Festival verspricht ein vielfältiges, bizarres, verrücktes, spaßiges und intellektuelles Programm, das im besten Fall Reibung erzeugen und zu Diskussionen anregen wird. Manches erinnert an die Begegnungen der zurückliegenden Skulpturen und Projekte 2017, nur mit dem Unterschied, dass nach vier Tagen alles vorbei ist – fast wie beim Karneval – und dass alles vor allem ein großer Spaß werden soll.

“Block” von NoFit Stae Circus Motionhouse während des Festivals Flurstücke 019 – Foto: Dan Tucker

Münster ist aus der Sicht der Kuratoren und Veranstalter ein ideales Laboratorium. Die Interventionen geschehen auf einer Fläche von überschaubarer Größe. Hier kann besser als in einer Metropole erprobt werden, wie sich Kunst in ein jedem zugängliches städtisches Gefüge einzubringen vermag, das gewohnte Bild und seine Wahrnehmung jedenfalls auf Zeit verändern kann, mehr oder minder zufällige Betrachter verstört oder begeistert werden. Widerspruch und Protest sind einkalkuliert, sie gehören zum provokativen Konzept. Die Flurstücke 019 wollen eben kein kommerziell gefälliges Stadtfest sein, sondern Erfahrungen und Erlebnisse vermitteln – mitunter auch an der Grenze – zu bekannten Unterhaltungsangeboten.

Und doch weist das klug komponierte Programm über Münster hinaus. Die Flurstücke 019 zeigen, dass es öffentliche Poesie und ihr gemeinschaftliches Erleben geben kann, kulturell barrierefrei und divers, intellektuell anspruchsvoll oder intensiv emotional oder alles zusammen. In jedem Fall aber verfolgt das Festival eine zutiefst inklusive Mission: Jeder kann, soll und darf dabei sein. Und bei vielen Aktionen ist Mitmachen ausdrücklich gewollt. Das heißt die Besucher und Betrachter werden nicht einfach nur konsumieren können, sondern sind interaktiv und spielerisch eingebunden. Das birgt einige Risiken und Herausforderungen, zumal die Veranstalter bei einigen der Programme noch gar nicht genau wissen, was da auf sie und die Stadtgesellschaft zukommen wird. Diese Neugier und Unbekümmertheit wünscht man auch den Bewohnern der Stadt.

Für dieses Erlebnis haben die Kuratoren der Flurstücke 019 ein Programm entwickelt und zusammen gemischt, das alle Sparten der darstellenden Künste einbezieht: Theater, Tanz, Film und Performance. Clair Howells und Uwe Köhler (Theater Titanick), Ludger Schnieder (Theater im Pumpenhaus), Winfried Bettmer (Filmwerkstatt Münster) und Merle Radtke (Kunsthalle Münster) sind gemeinschaftlich verantwortlich für das Festival. Auch dieses Zusammenwirken von vier unterschiedlichen Kulturträgern ist außergewöhnlich. Denn alle bringen ihren speziellen Blickwinkel auf die Kunst ein, wodurch sich eine extreme Bandbreite künstlerischer Projekte ergibt.

Ein gutes Dutzend Interventionen wird dem Stadtraum von Münster während des viertägigen Festivals eine besondere Atmosphäre verleihen, alle Produktionen sind dem Ort, an dem sie stattfinden, angepasst. Einige, wie die Audio-Performance „The Curve“ von Adrian Williams im Preußenstadion – Heimat des Fußball-Drittligisten SC Preußen 06 e.V. Münster – oder die performative Installation „N1cHt Hi3r“ von Tim Gorinski und Paul Faltz im Stadthafen I, sind direkte ortsspezifische Interventionen und wurden speziell für den jeweiligen Schauplatz entwickelt. Auch das eine Ähnlichkeit mit den Skulptur und Projekten 2017.

Andere, wie „Punch Agathe Münster Mash“, mit der 16 Meter hohen Riesenpuppe der Figurenspielerin Stefanie Oberhoff, oder „Block“ der britischen Compagnien NoFit State Circus und Motionhouse mit ihrer Fusion aus Tanz und neuem Zirkus, nutzen Straßen, Parks und Plätze für installative Parcours.

Kleinere Projekte, wie „Boot“ von Vincent de Rooij oder „Zungenbrecher – Die Geste des Sprechens“ von Friederike Koch und Christof Debler fordern das Publikum zu Beteiligung und Interaktion auf.

Am Prinzipalmarkt, seit Jahrhunderten die bürgerlich gute Stube im Herzen der Stadt des Westfälischen Friedens, wird sich „Bivauac“ der französischen Gruppe Générik Vapeur den öffentlichen Raum auf besonders intensive Weise aneignen. Drei Musiker und 15 Komödianten toben mit 102 großen Blechfässern durch die Straßen: schnell, wild und laut. Die längst legendäre anarchische Performance ist ein donnerndes Fanal der Freiheit für alle, für den Abbau von Grenzen und Schranken, gerade auch im 30. Jahr des Falls der Berliner Mauer.

Die künstlerischen Projekte der Flurstücke 019 werden von einem Rahmenprogramm begleitet, das Führungen zu bestimmten Projekten vorsieht und eine Veranstaltung „artists meet public“ beinhaltet.

Im Festivalzentrum am Alten Steinweg 47 gegenüber der Stadtbibliothek können sich Künstler, Veranstalter, Behördenmitarbeiter, Medienvertreter und natürlich die Besucher frei begegnen, ganz ohne VIP-Lounge oder speziell eingerichtete Hinterzimmer.

Veranstalter der Flurstücke 019 sind das Theater im Pumpenhaus und die Filmwerkstatt Münster in Kooperation mit der Stadt Münster.

www.flurstuecke.com

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