Zum Schluss eine legendäre Inszenierung

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Recklinghausen – Die Ruhrfestspiele sind gestern mit einem Paukenschlag zu Ende gegangen. Die legendäre Inszenierung „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ von Bertolt Brecht in der Regie von Heiner Müller setze einen würdigen Schlussakkord. In der Hauptrolle ein wahrer Titan der Bühne: Martin Wuttke, vielfach ausgezeichneter Schauspieler. Es war ein unvergesslicher Theaterabend.

In Recklinghausen wurde „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“, die legendäre Inszenierung von Heiner Müller aufgeführt. In der Hauptrolle als Aturo Ui: Martin Wuttke – Foto: Barbara Braun

„Grandioser kann Theater nicht mehr irritieren“, urteilte die Presse als  „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ von Bertolt Brecht 1995 im Berliner Ensemble in der Inszenierung von Heiner Müller Premiere feierte. Knapp 25 Jahre später schafft es das Stück immer noch sein Publikum am Ende förmlich aus den Sitzen zu schleudern.

Neben einer grandiosen Inszenierung, die sämtliche Register des zeitgenössischen Theaters zieht, hervorragende Schauspieler auf die Bretter bringt, ist es vor allem Martin Wuttke in der Titelrolle des Gangsterbosse Aturo Ui, der die Zuschauer zu langanhaltenden Begeisterungsstürmen hinreißt. Die bitter-böse satirische Revue zeigt wie der Mafiaboss Aturo Ui alias Adolf Hitler von einem unbedeutenden, stotternden „Würstchen“ zu dem mörderischen Diktator und Verbrecher mutiert, der der Welt mehr als 50 Millionen Tote, Ermordete und Gefallene gekostet hat.

In Recklinghausen wurde „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“, die legendäre Inszenierung von Heiner Müller aufgeführt. In der Hauptrolle als Aturo Ui: Martin Wuttke – Foto: Barbara Braun

Wuttke spielt den „Großen Diktator“ als Besessenen mit pomadiger Seitenscheitel-Frisur und pathetischer Sprechweise, als hechelnden Köter mit blutroter Zunge und menschliches Hakenkreuz, als ebenso lächerliche wie gefährliche Figur. Wer Wutke in dieser Rolle einmal gesehen hat, wird diese dämonische Witzfigur Adolf Hitlers nicht mehr vergessen.

Das vielschichtige Stück spielt mit zahlreichen Assoziationen und schrillen Tönen. Ein Glanzstück des Theaters ist der Schauspielunterricht des großen Shakespeare-Mimen, in seiner ursprünglichen Besetzung mit Bernhard Minetti, der aus dem stotternden, vor Angst schlotternden „Kleinen Mann“ einen Politiker mit Format machen will. Erst mit viel Mühen gelingt es Aturo Ui sich zu bewegen und die Füße vernünftig voreinander zu setzen und sich auszudrücken. Schnell aber lernt er die suggestiven Gesten, mit denen der „Führer“ später die Massen zu manipulieren wusste. Hier lernen wir wie diese minutiös einstudiert worden sind.

Die Wirkung der Inszenierung von Heiner Müller war von Anfang an, seit ihrer Premiere am 3. Juni 1995, enorm: „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ wurde 1996 zum Berliner Theatertreffen eingeladen, bekam zahlreiche Preise, bereiste als Gastspiel die ganze Welt und wurde bis heute weit über 400 Mal gespielt. Heiner Müllers atemberaubende Inszenierung, ein Meilenstein politischen Theaters, ist thematisch heute aktueller denn je. „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“, heißt es im Prolog zum Stück und es klingt so als ob Brecht geahnt hat, dass wir uns aktuell mit einem wachsenden Rechtsradikalismus und einer unglaublichen Verkleisterung der Vergangenheit herumschlagen müssen. Die Aktualität des Stückes ist jedenfalls beklemmend.

Bis heute sind die Vorstellungen immer komplett ausverkauft. In Recklinghausen waren die beiden Vorstellungen in den ersten Tagen nach der Programmvorstellung bereits restlos überbucht. Wer eine der begehrten Karten erhielt, durfte sich glücklich schätzen.

Martin Wuttke wurde 1996 mit seiner Paraderolle zum Schauspieler des Jahres ausgezeichnet. Wuttke übernahm nach dem Tod von Heiner Müller die Intendanz des Berliner Ensembles und musste sich in seiner Zeit mit radikalen Kürzungen von Subventionen des Berliner Senats auseinandersetzen. Auf Wuttke folgte mit Klaus Peymann ein weiterer enthusiastischer und begnadeter Theatermann.

Bertolt Brecht erzählt in seiner Parabel vom Aufstieg des kleinen Gangsters Ui aus Chicago, der sich zum Diktator erhebt. Geschrieben 1941, spielt das Stück im Chicago der 1920er Jahre, die Handlung und die Figuren empfand Brecht Al Capones Mafiagesetzen nach. Brecht hatte sich im finnischen Exil Hoffnungen gemacht, mit dem Stück am Broadway in New York zu landen, um den Amerikanern in Form einer grellen Theater-Satire den Aufstieg Adolf Hitlers zu erklären. Leider fanden die Amerikaner den Stoff so befremdlich, dass es nicht zu der erhoffte Premiere in New York kam. (Jörg Bockow)

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