Ruhrfestspiele: Eine bittere Wahrheit

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Recklinghausen – Die Geschichte der vier Freunde aus New York bewegt die Welt. Der 2015 erschienene Roman „Ein wenig Leben“ der US-amerikanischen Autorin Hanya Yanagihara ist ein Bestseller. In Amerika hat sich die Kritik förmlich überschlagen kaum war er erschienen. Jetzt ist bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen die Theaterfassung zu sehen. Regie und Konzept: Der belgische Meisterregisseur Ivo van Hove.

Seit 30 Jahren als Freunde vereint: “Ein wenig Leben” in der Regie von Ivo van Hove – Foto: Jan Versweyveld

Der Roman „Ein wenig Leben“ erzählt aufwühlend, wie groß und wie im Kern so bitter ein kleines Leben sein kann. Im Zentrum stehen die erschütternden Erfahrungen von Jude St. Francis, erfolgreicher und genialer Rechtsanwalt, der als Baby neben einer Mülltonne ausgesetzt wurde, von Mönchen aufgezogen, dort missbraucht, von einem der Patres entführt und anschließend von zahlreichen „Kunden“ und Liebhabern vergewaltigt und brutal misshandelt worden ist.

Jude St. Francis ist Rechtsanwalt brillant und erfolgreich und doch tief verletzt und gebrochen: “Ein wenig Leben” in der Regie von Ivo van Hove – Foto: Jan Versweyveld

Seine Freunde schaffen es kaum, ihn im Leben zu behalten. Ihre Freundschaft, Sorge und Liebe werden auf die härteste Probe gestellt. Mehrmals finden sie ihn nach immer heftiger werdenden Selbstverletzungen, in einer großen Blutlache und bringen ihn ins Krankenhaus. Doch ihm gelingt es nicht, sich ihnen anzuvertrauen und sie in die bittere Wahrheit seines Lebens einzuweihen. Was ihm dennoch bleibt und Hoffnung gibt, sind ihre Freundschaft und ihre unerschütterliche Liebe.

Ausgeblutet: Jude St. Francis ist nach einem Ritzversuch wieder zusammengebrochen: “Ein wenig Leben” in der Regie von Ivo van Hove – Foto: Jan Versweyveld

Der weltweit gefeierte und vielfach ausgezeichnete belgische Regisseur Ivo van Hove, Großmeister des epischen Erzählens, hat die Geschichte auf die Bühne gebracht. Es ist eine brillante, facettenreiche tour de force des Theaters: Ungeheuer empathisch und zugleich schnörkellos verdichtet, sensationell gespielt und meisterlich inszeniert. Ivo van Hove gelingt es, das Stück mit genialen Szenenwechseln und eine beinahe physischen Dichtheit in einem einzigen Bühnenraum umzusetzen. Zeit und Raum sind zu einem einzigen Kontinuum verschmolzen.

Vom Retter und Helfer missbraucht und vergewaltigt: “Ein wenig Leben” in der Regie von Ivo van Hove – Foto: Jan Versweyveld

„Ein wenig Leben“ ist auf mehreren Ebenen sinnlich erfahrbar. Lichtwechsel verändern die Szenerie, Videoeinspielungen, Stroboskopeffekte, subtile Geräuscheinspielungen, Musiksound, ja selbst Gerüche spielen eine Rolle und fügen sich zu einem kongenialen Gesamtkonzept. Der Musikscore wird von einem kleinen Orchester live eingespielt. Der Duft von frisch zubereitetem Essen wabert mitunter durch den Zuschauerraum, unterbrochen durch den würzigen Rauch von Zigaretten und wenn im Krankenhaus der Arzt die Wunden von Jude St. Francis versorgt, riecht es nach dem typischen Desinfektionsmittel und hochprozentigem Alkohol. Die Schauspieler agieren mit einer lakonischen Präsenz und lässigen Selbstverständlichkeit, die man so eigentlich nur aus amerikanischen Spielfilmen kennt – ganz ohne übertriebene Theatralik. Im Mittelpunkt des Bühnenbildes steht das offene Loft von Jude St. Francis mit einem Bad und seinem Waschbecken in der Mitte. Hier wird sich Jude St. Francis immer wieder mit Hilfe von Rasierklingen ritzen, um seine tiefen innerlichen, psychischen Verletzungen förmlich auszubluten.

Dabei fließt Blut, zugegebenermaßen viel Blut, literweise Theaterblut zum Glück. Dennoch war das Publikum von der Brutalität vieler Szenen und der exzessiven Gewalt stark aufgewühlt und tief erschüttert. Viele Zuschauer blieben nach der Pause weg, weil sie die Martern und Torturen des Hauptdarstellers tatsächlich nicht mehr ertragen konnten. Es ist geradezu schmerzhaft so intensiv mit Missbrauch und Vergewaltigung konfrontiert zu werden. Die Geschichte lässt den Zuschauer tatsächlich in unerträgliche Abgründe schauen.

Das sehenswerte Drama ist die Geschichte einer Freundschaft von vier Männern, der wir über einen Zeitraum von 30 Jahren folgen. Der Anwalt Jude, der Schauspieler Willem, der bildende Künstler JB und der Architekt Malcom lernen sich zu Beginn ihres Studiums kennen und bleiben, während sie in New York Karriere machen, eng miteinander verbunden. Die Geschichte wird in schnell wechselnden Perspektiven erzählt. Es sind Erinnerungen und Assoziationen, die sich mehr und mehr verdichten.

„Im Zentrum dieser Gruppe steht Jude St. Francis, brillant und enigmatisch, ein aufopfernd liebender, aber zugleich innerlich zerbrochener, verschlossener Mensch. Wie in ein schwarzes Loch werden die Freunde in Judes dunkle, schmerzhafte Welt hineingesogen, deren Ungeheuer nach und nach hervortreten: sein Erlebnis sexuellen Missbrauchs. ‚Ein wenig Leben‘ ist zugleich realistisch und märchenhaft – ein rauschhaftes, mit kaum fasslicher Dringlichkeit erzähltes Epos über Traumata, menschliche Güte, Erlösung und Freundschaft als wahre Liebe, dem man atemlos folgt. Es wagt sich an die dunkelsten Orte und bricht immer wieder durch zum Licht: zu Liebe, Schönheit und Hoffnung.“ (Programmheft)

“Ein wenig Leben”, eine Koproduktion mit den Ruhrfestspielen, ist ein Highlight im diesjährigen Festivalprogramm, aber eines das vom Zuschauer starke Nerven und Durchhaltevermögen verlangt. Es ist mit einer Pause über vier Stunden lang. (Jörg Bockow)

Ruhrfestspiele Recklinghausen / Otto-Burrmeister-Allee 1 / 45657 Recklinghausen
Telefon 02361 918-0
www.ruhrfestspiele.de


 

 


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