Bewegendes Plädoyer für den Frieden

Print Friendly, PDF & Email

Münster – Hass ist keine Lösung, Rache hat keine Perspektive. Niemals! Die Gegner sollten sich stattdessen zusammensetzten und miteinander reden. Notfalls so lange bis eine gemeinsame Position gefunden ist, mit der alle gut leben können. Das gilt insbesondere für so verfeindete Parteien wie Palästina und Israel. Das ist mühselig und zeitaufwändig. Eine Alternative dazu gibt es aber nicht. Denn Frieden entsteht nicht auf dem Schlachtfeld, nicht mit Waffengewalt und nicht mit Bomben, sondern nur im Gespräch, in Verhandlungen und durch Kompromisse.  An dieser Erkenntnis gibt es nichts zu deuteln. Im Nahen Osten mag nur kaum jemand daran glauben. Da macht es Mut und Hoffnung, wenn das Wolfgang Borchert Theater mit seiner neuesten Inszenierung einmal mehr ein politisches Kapitel aufschlägt und Position bezieht. Und das mit einer großartigen Inszenierung. Man wünscht sich für “Ich werde nicht hassen” möglichst viele Zuschauer. Das zu Grunde liegende Buch ist ein Bestseller und bereits in 12 Sprachen übersetzt. Es entfaltet dadurch auch weltweit seine Wirkung und bietet viel Gesprächsstoff.

Jürgen Lorenzen in der Rolle des palästinensischen Gynäkologen Izzeldin Abuelaish in “Ich werde nicht hassen” – Fotos: Klaus Lefebvre

“Ich werde nicht hassen” hatte am 5. April auf der Bühne am Münsteraner Mittelhafen Premiere. Im ausverkauften Haus wurde das Premierenpublikum Zeuge eines kleinen Wunders. Das in jeder Sekunde mitreißende und bewegende Solostück erzählt die Geschichte des palästinensischen Gynäkologen Izzeldin Abuelaish.

Trotz seiner erschütternden Erfahrungen bleibt Izzeldin Abuelaish bei seinem Credo “Ich werde nicht hassen”

Das Schauspiel wurde nach der tatsächlichen Lebensgeschichte von Izzeldin Abuelaish dramatisiert. Diese Lebensgeschichte ist an Schmerz und Schicksalsschlägen kaum mehr zu überbieten. Die deutsche Vorlage stammt von Silvia Armbruster und Ernst Konarek. Die klare und schnörkellose Inszenierung von Tanja Weidner vertraut voll und ganz auf die Glaubwürdigkeit des Stoffes und vor allem auf die geniale Schauspielerleistung des Solodarstellers Jürgen Lorenzen. Gut so. Lorenzen schlüpft in die Rolle des Arztes, er erinnert sich und erzählt seine Lebensgeschichte.

Er hat Wut im Bauch und ist verzweifelt, trotzdem er bleibt bei seinem Credo

“Ich werde nicht hassen” kommt aktuell zu rechten Zeit. Denn die Zeiten sind mehr als verwirrend. Die Welt scheint aus den Fugen geraten. Überall auf der Erde flammen neue Kriegsherde auf und regieren Konfrontationen und Hass. Der Kalte Krieg ist neu entfacht, ein Handelskrieg droht die Welt in eine neue Schraube von Provokationen, Gewalt und Gegengewalt schliddern zu lassen. Die kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten sind auf einer neuen Eskalationsstufe angelangt. Palästinenser und Israelis bedrohen sich seit Jahren gegenseitig mit Gewalt und terroristischen Anschlägen. Im Gazastreifen kommt es derzeit zu gewaltsamen Übergriffen. Es gibt Verletzte und Tote vor allem auf Seiten der Palästinenser. Es droht eine erneute Eskalation und eine Welle von mörderischen Racheaktionen. Die aktuellen Aussichten sind mehr als deprimierend.

“Ich werde nicht hassen” erzählt das Leben von Izzeldin Abuelaish aus dessen eigener Perspektive. Es sind Erinnerungen. Abuelaish weigert sich Rache nehmen zu wollen. Er weigert sich zu hassen. Abuelaish  wurde 1955 im Flüchtlingslager Jabalia im Gaza-Streifen geboren. Es ist das größe Gefängnis auf der Erde, allerding “mit Meerblick” charakterisiert der Autor seine Heimat mit sarkastischem Unterton. Er wächst in Gaza auf und erlebt die tagtägliche Willkür, die Palästinenser dort durch die Israelis erfahren. Jeder Grenzgang wird durch dauernde Schikanen und Demütigungen zum Spießrutenlauf und zur Tortur.

Izzeldin Abuelaish macht Karriere als Arzt und kehrt doch immer wieder in seine Heimat zurück.

Abuelaish wuchs in größter Armut auf und arbeitete seit Kindertagen, um seine Familie zu ernähren. Dank seines unerschütterlichen Willens und harter Arbeit gelang es ihm, ein Stipendium zu bekommen: Es ist eine durchaus bemerkenswerte Karriere, die Abuelaish  mit hartem Willen und einer klaren Perspektive auf die Beine gestellt hat. Er studierte in Kairo Medizin.

Nach seinem Medizinstudium kehrt er zurück, heiratet, gründet eine Familie. Zurück in seiner Heimat, war er als erster palästinensischer Assistenzarzt in der Gynäkologie der Soroka-Klinik in Israel tätig. Tag für Tag passiert er die Grenze, erlebt Willkür der Grenzsoldaten. Für ihn ist Religion zweitrangig. Wenn Menschen Hilfe brauchen, dann hilft er.

Seine Zukunft sieht Izzeldin Abuelaish am Ende doch nur im Ausland. Der Arzt lebt inzwischen als Assistenz-Professor in Kanada.

Erst nach dem Tod seiner Frau – sie stirbt an Leukämie – beschließt er mit den Kindern auszuwandern. Sie sollen endlich in Frieden aufwachsen. Noch vor der Abreise passiert die Katastrophe: Bei einem Bombardement verliert er drei seiner Töchter. Und immer noch weigert er sich einzusteigen in die Spirale aus Hass. Stattdessen tritt er öffentlich auf, schreibt ein Buch. Seine Botschaft: Hört einander zu, versucht einander zu verstehen. Wir sind nicht so verschieden. Eine Botschaft des Friedens in einer Zeit des Kriegs.

Zum Gedenken an seine Töchter rief er die “Daughters for Life Foundation“ ins Leben, deren Ziel die Förderung von Mädchen und Frauen seiner Heimat ist. Außerdem schrieb er das Buch I SHALL NOT HATE, das in den USA und Kanada zum Bestseller und in 12 Sprachen übersetzt wurde. Heute lebt er mit seiner Familie im Exil in Kanada und arbeitet dort als Associate Professor der “Dalla Lana School of Public Health” an der Universität von Toronto.

Izzeldin Abuelaish erzählt in “Ich werde nicht hassen” die Geschichte eines Einzelnen, und dennoch ist es der Wunsch Vieler nach Frieden und Aussöhnung. Jürgen Lorenzen füllt die Rolle des Arztes Izzeldin Abuelaish mit jeder Faser seines Körpers aus. Jede Gefühlsregung überträgt sich eins-zu-eins auf den Zuschauer. Eine Schauspielerleistung mit Gänsehauteffekt.

Selten hat ein Stück im Borchert Theater Münster sein Publikum so bewegt wie “Ich werde nicht hassen”. Bei der Premiere standen vielen Zuschauern am Ende die Tränen in den Augen. Und auch der Hauptdarsteller war sichtlich bewegt und noch minutenlang in seiner Rolle. Kein Wunder: Jürgen Lorenzen bringt die Geschichte des palästinesischen Autors so glaubwürdig und authentisch auf die Bühne, dass man ihm alle Regungen und inneren Kämpfe abnimmt und bis in die Haarspitzen miterlebt. Lorenzen gehört mit seiner Rolle in “Ich werde nicht hassen” unzweifelhaft zu den besten Schauspielern, die es in dieser Stadt gibt. Eine echte Meisterleistung, vor der man sich nur verbeugen kann! (Dr. Jörg Bockow)

 

Wolfgang Borchert Theater /Am Mittelhafen 10 / 48155 Münster

Ticket-Telefon 0251 – 40019

www.wolfgang-borchert-theater.de


 

 


[ff id="1"]

Deine Meinung ist uns wichtig

*