Ausstellung: Neue Hinwendung zum Ornament

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Westfalen – Die Flottmann-Hallen zeigen vom 9. November bis zum 12. Januar 2014 in Kooperation mit der Städtischen Galerie die Ausstellung „ornamental structures“.

Ausstellung in den Flottmann-Hallen zeigt eine moderne Hinwendung zum Ornament. - Foto: Flottmann-Hallen

Ausstellung in den Flottmann-Hallen zeigt eine moderne Hinwendung zum Ornament. – Foto: Flottmann-Hallen

Etwa seit der Jahrtausendwende ist in der bildenden Kunst, im Design und in der Architektur eine erneute Hinwendung zum Ornament festzustellen. Das erscheint überraschend, war doch das 20. Jahrhundert von einer weitgehenden Ornamentlosigkeit geprägt. Denn in der bildenden Kunst der westlichen Industrieländer führte das vernichtende Verdikt in Adolf Loos‘ Streitschrift „Ornament und Verbrechen“ (1908) im 20. Jahrhundert zu einer Verbannung des Ornaments aus Kunst, Architektur und Design. Stattdessen kam es zu einer Neuorientierung mit der Entwicklung von abstrakter und konkreter Kunst.

In einigen Positionen lässt sich der Einfluss außereuropäischer Kulturen erkennen. - Foto: Flottmann-Hallen

In einigen Positionen lässt sich der Einfluss außereuropäischer Kulturen erkennen. – Foto: Flottmann-Hallen

In der gegenwärtigen Aneignung  bzw. im Rückgriff auf ornamentale Strukturen zeichnet sich ein neuer Umgang mit dem Ornament ab, der durch höchst unterschiedliche, letztlich individuelle  künstlerische Verfahren geprägt ist.  Die strenge Ordnung traditioneller Ornamentik wird heute vielfach gebrochen, und mit anderen Stilelementen vermischt.

Überlieferte Ornamentformen  werden zwar zum Teil übernommen, kritisch oder auch ironisch benutzt, aber z.B. durch extreme Vergrößerung oder Kontextwechsel völlig neu interpretiert. Überhaupt folgt die Verwendung von Ornamenten heute stilistischen Prinzipien des 20. Jahrhunderts, d.h. dem Zitat, der Collage, der Dekonstruktion oder dem Cross-over.

In einigen Positionen lässt sich der Einfluss außereuropäischer Kulturen erkennen, deren ornamentale Traditionen noch lebendig sind, in anderen zeigt sich der Einfluss heutiger Medientechnologie, die durch Reihungen und serielle Strukturen einer neuen Beschäftigung mit Ornamenten Vorschub geleistet hat.

Die Ausstellung „Ornamentale Strukturen“ stellt mit 16 internationalen Positionen eine Auswahl der heute virulenten Ansätze einer neuen Sicht auf das Ornament vor. Die Arbeiten der beteiligten Künstler und Künstlerinnen aus den Bereichen Malerei, Skulptur, Scherenschnitt, Installation, Computeranimation und  Video, die sowohl bildimmanente als auch konzeptuelle Ansätze vertreten, verdeutlichen  unterschiedliche Aspekte aktueller Ornament-Konzepte.

Ornamentale Strukturen sind Ordnungssysteme, die auch in der Vergangenheit keineswegs ausschließlich der Dekoration dienten. Vielmehr zeichnen sie sich durch Ambivalenz aus: sie erscheinen – oberflächlich betrachtet – verführerisch, schön, doch hinter der dekorativen Oberfläche verbirgt sich eine rigide Ordnung, die alles ihrem Takt unterwirft und in ihren Bann zieht. Ornamente scheinen harmlos, doch die scheinbare Harmlosigkeit kann als Camouflage für völlig anderslautende Botschaften dienen – gestern wie heute. Die in der Ausstellung vertretenen KünstlerInnen setzen daher ornamentale Strukturen gezielt als Ausdrucksmittel ein.

Folglich schärfen die aktuellen Werke in der Schau „ornamental structures“ den Blick für die unterschwelligen Botschaften des Ornaments. Der heutige Betrachter erkennt in der rhythmischen Wiederkehr des Immergleichen die immanente sinnbildhafte Logik der quasi allumfassenden Struktur: den Hinweis auf übergeordnete Mächte, seien es spirituelle oder gesellschaftlich-politische; so erschließt sich die Repräsentationsfunktion des Ornaments und dessen nobilitierenden Charakter, aber ebenso dessen Ordnungsmoment, der es als Machtinstrument prädestiniert. In der spezifischen Flächenorganisation des Ornaments und seiner Dynamik steckt sowohl ein tänzerischer Rhythmus als auch der Marschschritt der Soldaten.

Schönheit und Schrecken sind die beiden Pole, zwischen denen heute die Inhalte ornamentaler Strukturen angesiedelt sind.

So finden sich in der Ausstellung „Ornamente der Macht“, wenn auch gebrochen oder ironisiert, ebenso „Ornamente der Masse“.

Die Werke der Ausstellung können sechs Themenfeldern zugeordnet werden:

– Von einem gesellschaftskritischen, soziopolitischen Anliegen geprägt sind die Arbeiten von Margret Eicher, Zhenchen Liu,und Parastou Forouhar, die u.a. als  Ornamente der Macht als auch Ornamente der Masse zu charakterisieren sind.

– In Gabriele Baschs Scherenschnitten und Alke Reehs „Genähten Decken“, u.a. erscheinen Phänomene des heutigen Alltags verschlüsselt, vermittels von Techniken  der Medientransformation, wie sie auch in den Installationen mit Alltagsobjekten von Sakir Gökcebag eingesetzt werden, ebenso in Silke Brösskamps Wohnensembles.

– Mariella Mosler und Karsten Trappe beziehen sich auf spirituell-kosmologische  Vorstellungen, die archaische ornamentale Konfigurationen wiederbeleben.

– Björn Melhus und das Künstlerduo Stoll&Wachall stellen sich Fragen nach einem  Ornament des Körpers. Melhus verfolgt diesen Gedanken am Beispiel des Kloning,  Stoll&Wachall in Form eines Balletts der Arme und Hände.

– Konzeptuelle Positionen nehmen Dieter Balzer, Diet Sayler und Marten Georg Schmid  ein, die, obwohl  der konkreten Kunst zuzuordnen, auf tradierte ornamentale Formmentalitäten verweisen.  Die Installation von Diet Sayler nimmt Bezug auf klassische  ornamentale Wandordnungen;  Schmids Raumverspannungen entwickeln sich ornamental ausgehend von einem Konzept von „Ankerpunkten“ im Raum.

– Casey Reas und Marc Wilson setzen Softwareprogramme zur Generierung ornamentaler Strukturen ein. Reas Computerarbeit folgt einem Wachstumscode, der naturähnliche  Prozesse generiert, Wilson arbeitet mit Überlagerungen technoider serieller Strukturen.

Beteiligte Künstler/-Innen: Dieter Balzer (D), Gabriele Basch (D), Silke Brösskamp (D), Margret Eicher (D), Parastou Forouhar (D/IR), Sakir Gökcebag (TR),  Zhenchen Liu (CHN), Björn Melhus (D/N), Mariella Mosler (D), Casey Reas (USA), Alke Reeh (D), Diet Sayler (D), Marten Georg Schmid (D), Stoll/Wachall (D), Karsten Trappe (D), Marc Wilson (USA).

Öffnungszeiten: Flottmann-Hallen von Di bis So zwischen 14 und 18 Uhr (an Veranstaltungstagen bis 20 Uhr) (vom 19.12.13 –  02.01.14 geschlossen); Städt. Galerie von Dienstag bis Freitag von 10 bis 13 und von 14 bis 17 Uhr; Samstag von 14 bis 17 Uhr, Sonn- und Feiertag von 11 bis 17 Uhr durchgehend geöffnet. (vom 23.12.13 –  01.01.14 geschlossen)

Flottmann Hallen / Straße des Bohrhammers 5  / 44625 Herne
Telefon 02323   – 16-2951
www.flottmann-hallen.de   


 

 


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