Neues Stadtbild: Lasst Blumen sprechen!

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Westfalen – Es ist wie ein leiser Aufstand – eine ausgesprochen friedliche Revolution. Mitten in Deutschland. Mitten in Westfalen. Sie richtet sich gegen die Tristesse unserer städtischen Wohnviertel, und sie könnte dereinst sogar für eine Art Selbstversorgung in unseren Städten genutzt werden: Ein paar Blumen ranken an einer grauen Häuserwand, ein wahres Blütenmeer ist auf einer städtischen Baumscheibe entstanden und inmitten einer städtischen Grünfläche haben Bürger heimlich ein paar Nutzpflanzen platziert.

Wer aufmerksam durch die Straßen geht, der entdeckt so manche grüne Idylle auf einer stadtischen Grund und Boden angelegt. - Foto: Jörg Bockow

Wer aufmerksam durch die Straßen unserer Städte spaziert, der entdeckt so manche grüne Idylle heimlich auf stadtischem Grund und Boden angelegt. – Foto: Jörg Bockow

Der Johannisbeerenstrauch – gewissermaßen in der zweiten Reihe gepflanzt –  trägt in diesem Jahr erste Früchte und neben den üblichen Rabatten mit pflegeleichten Blumen, nach dem allseits verbreiteten Motto:  ‘quadratisch, praktisch, gut’,  haben pfiffige Aktivisten ein paar knackig-grüne Salatköpfe und ein paar wuchtige Kohlköpfe hochgezogen. Und wer genauer hinsieht, der kann sogar ein paar Möhren und Radieschen entdecken. Den städtischen Bediensteten vom Grünflächenamt ist das gott-sei-dank noch nicht aufgefallen. Kein Wunder: Es sind oftmals keine ausgebildeten Fachleute mehr, sondern Angestellte und Hilfskräfte, die mitunter alles dem Erdboden gleich machen, was ihnen unbekannt ist und unter die Harke gerät. Doch die nützlichen Pflanzen trotzen in ihrem Versteck friedlich aller staatlichen Gewalt.

Lebendiges Beispiel: Salatanbau im Springfield Park, Clapton, North London. - Foto: Wikipedia

Ein geradezu gewachsenes Beispiel: Salatanbau im Springfield Park, Clapton, North London. – Foto: Wikipedia

Alles geschieht, ohne große Aufmerksamkeit zu beanspruchen – geradezu still und leise und mit ganz viel Herzblut von begeisterten und leidenschaftlich engagierten  Bürgern. Urban Gardening nennt sich die Bewegung, die bürgerschaftliches Engagement mit dem Einsatz des grünen Daumens verbindet.

Blütenpracht die eine unscheinbare Insel verschönert. - Foto: Jörg Bockow

Blütenpracht die eine unscheinbare Insel verschönert. – Foto: Jörg Bockow

Einige von ihnen haben einst als Guerilla-Kämpfer mit der heimlichen Aussaat von Pflanzen ihren politischen Protest ausgedrückt und zivilen Ungehorsam im öffentlichen Raum ausgeübt. Vor allem in Großstädten ist diese grüne Bewegung – um im Bild zu bleiben – auf fruchtbaren Boden gefallen. Mittlerweile hat sich dieser auch als Guerilla-Gardening bezeichnete Protest zum urbanen Gärtnern oder zu urbaner Landwirtschaft weiterentwickelt und verbindet mit dem Protest den Nutzen einer Ernte beziehungsweise einer Verschönerung grauer Innenstädte durch die Begrünung brachliegender Flächen. Achtung eifrige Stadtobere: Da wächst etwas heran!

Stiller Protest: Kleinstgartenanalage in einer Münsteraner Nebenstraße. - Foto: Jörg Bockow

Blühender Protest: “Kleinstgartenanlage” in einer Münsteraner Nebenstraße. – Foto: Jörg Bockow

Städtische Grünanlagen könnten nicht nur das Auge erfreuen, sondern auch noch die Mägen füllen, von allen den, denen es aufgrund ihres kargen Einkommens schwer fällt, sich gesund und mit frischem Obst und Gemüse zu ernähren. Wie wäre es denn, wenn die Städte Patenschaften für ihre Grünflächen an Interessenten vergäben, um diese kostenlos pflegen und bewirten zu lassen?! Blödsinn sagen Sie?! Tatsächlich sind die ersten Versuche schon gestartet  – mit spektakulärem Erfolg.

Schöner kann man einen Hauseingang kaum noch gestalten. Die Pflanze wächst bedürfnislos aus einer winzigen Lücke am Straßenrand. - Foto: Jörg Bockow

Schöner kann man einen Hauseingang kaum noch gestalten. Die Pflanze wächst bedürfnislos aus einer winzigen Lücke am Straßenrand. – Foto: Jörg Bockow

Klein fängt alles an. Doch manchmal muss man seine wehrlosen Pflanzen sogar gegen die Unwissenheit und den Aktionismus der städtischen Straßenreinigung verteidigen. Da hilft dann mitunter nur noch ein Hinweisschild, das unmissverständlich deutlich macht, dass hier eine private Kleinstgartenanlage auf öffentlichem Grund und Boden entsteht – übrigens sehr zur Freude der Nachbarn und zur Erbauung der Passanten, die bereit sind, dieses blühende Kleinod am Straßenrand zu entdecken. Es ist dies ein stilles Fanal für die wundervolle Botschaft: Lasst doch Blumen sprechen! (Jörg Bockow)

 

 

 

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