Der Tierschutz im Schweinestall

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Westfalen – Zwei neue Tierwohl-Siegel sind auf dem Vormarsch. Sie sollen für eine neue Qualitätsphilosophie bei der Fleischproduktion stehen. Aber nicht alles ist Gold, was glänzt: Der jüngste Start, der ausgerechnet auf der Grünen Woche inszeniert wurde,  gerät nach neuesten Medienberichten gar zur Stolperstrecke. In einigen der 15 Vorzeigebetriebe von „Für mehr Tierschutz“ wurden unmittelbar nach dem Start des Programms von dem TV-Magazin „Report“ angeblich unhaltbare Zustände aufgedeckt. Tierschutz im Schweinestall nur ein PR-Coup?

Tierschutzlabel_PremiumstufeEs ist Bewegung im Lebensmittelhandel. Die Zahl der Kritiker wächst, die der Hochleistungszucht, Turbomast und industriellen Haltungsbedingungen von Schweinen und Hühnern  skeptisch oder gar ablehnend  gegenüberstehen. Auf den Fleischgenuss wollen sie zwar nicht verzichten. Aber sie suchen nach Alternativen.

Knapp 20 Prozent der Verbraucher sind sogar ernsthaft bereit, mehr Geld für Fleisch auszugeben, wenn sie sicher sein können, dass die Tiere dadurch weniger leiden. Das jedenfalls ist die Kernaussage einer Studie der Universität Göttingen. Das ist ein Potenzial, auf das die Anbieter inzwischen reagieren.

Frisches Fleisch demnächst nur noch von glücklichen Tieren? Das wird wohl weiter naives Wunschdenken bleiben. Aber Fleisch von Tieren, die unter  tiergerechteren Bedingungen aufgewachsen sind, das ließe sich machen. Mehrere neue Label versprechen jetzt Fleisch und Fleischprodukte aus kontrollieren Betrieben. Sogar der Deutsche Tierschutzbund mischt dabei mit.

Foto: Westfleisch Münster

Foto: Westfleisch Münster

Auf der Grünen Woche 2013 in Berlin wurde jüngst mit großem Bahnhof ein neues Label vorgestellt, das in Zusammenarbeit des Fleischkonzerns Vion mit dem Deutschen Tierschutzbund im Handel platziert wird. „Für mehr Tierschutz“ so heißt das neue Label, das eine tiergerechte Haltung verspricht. Damit stellt sich die größte deutsche Tierschutzorganisation hinter die Idee des Siegels.

„Es geht uns als Tierschutzorganisation nicht darum, den Fleischkonsum und die Intensivtierhaltung zu unterstützen“, erklärte Verbandspräsident Thomas Schröder dazu. „Solange Fleisch gegessen wird, wollen wir die Produktion und den Konsum zugunsten tierfreundlicherer Alternativen umlenken.“

Auf zunächst zehn  bis 15 Prozent veranschlagt Vion das Marktpotential für Fleisch aus besonders tiergerechter Erzeugung. 15 Schweinemastbetriebe mit 20 Ställen in Niedersachsen und Schleswig-Holstein sind im ersten Schritt in das Programm einbezogen. Der Fleischkonzern will im ersten Jahr 40.000 Schweine unter dem neuen Label zu vermarkten.

Voraussetzungen für die Zertifizierung durch den Deutschen Tierschutzbund sind unter anderem, dass die Schweine in den Mastbetrieben ein Drittel mehr Platz bekommen als gesetzlich vorgeschrieben, Beschäftigungsmöglichkeiten in den Ställen installiert werden, die Ferkel von den Züchtern nicht betäubungslos kastriert und ihre Schwänze nicht kurz nach der Geburt gekürzt werden – was derzeit in der konventionellen Mast üblich ist. Zudem müssen mehrere tierbezogene Kriterien wie eine geringe Sterblichkeitsrate und eine geringe Rate an Verletzungen, Lahmheiten oder organischen Erkrankungen erfüllt werden.

Foto: Westfleisch Münster

Foto: Westfleisch Münster

Das Label für Mastschweine ist zweistufig aufgebaut. Für beide Stufen gelten Mindestvorgaben: Erlaubt sind die Ebermast, die Kastration unter Betäubung mit Isofluran und einer anschließenden Schmerzmittelgabe und die Impfung gegen Ebergeruch. Die Tiere dürfen maximal vier Stunden transportiert werden. Im Schlachthof muss die sichere und tiefe Betäubung der Tiere vor der Schlachtung sichergestellt sein. Außerdem werden tierbezogene Kriterien wie Verletzungen und dergleichen im Betrieb und auf dem Schlachthof erhoben. Bei Missständen müssen die Betriebe Gegenmaßnahmen ergreifen.

Solche Missstände und negative Befunde sind allerdings bereits kurz nach dem Start des Projektes durch journalistische Recherchen aufgedeckt worden. Das TV-Magazin „Report“ hat Anfang Februar mit unappetitlichen Bildern belegt, dass nicht alle der Mindeststandards in allen 15 Betrieben eingehalten werden. Derartige Missstände werfen die kritische Frage auf, ob das Ganze nicht ein PR-Coup und ein Etikettenschwindel ist. Auf jeden Fall diskreditieren sie alle ernsthaften Bemühungen für mehr Tierschutz im Stall. Der Deutsche Tierschutzbund ist in Erklärungsnot.

02_Anz_Laenderreport_167x220mm.inddDie Westfleisch eG, eine 1928 gegründete Genossenschaft und heute einer der größten Fleischvermarkter im Lande, setzt sich seit über zwei Jahren intensiv mit dem Thema Tierwohl im Stall auseinander und hat inzwischen eine erkleckliche Zahl von 120 meist bäuerlichen Familienbetrieben gefunden, die an dem Programm teilnehmen und sich  regelmäßigen Kontrollen unterziehen. Reich werden können sie dabei nicht, denn ihr Mehraufwand und zusätzliche Investitionen werden nur mit wenigen Cent zusätzlich pro Kilogramm abgegolten. „Ohne das große Engagement und viel Enthusiasmus der Erzeuger“ wäre das Programm nicht zu realisieren,  lobt Westfleisch die Kooperationsbereitschaft der Landwirte.

Kernidee der „Aktion Tierwohl“ ist die Verbesserung des Wohlbefindens der Tiere.  Sie  orientiert sich an den vom Farm Animal Welfare Council (Königlicher Rat für das Tierwohl von Nutztieren) in Großbritannien entwickelten und darüber hinaus vielfach in Skandinavien und den Niederlanden verwendeten internationalen Standards. „Animal Welfare“ erfüllt fünf Freiheitsgrade:

– frei von Hunger und Durst sowie Fehlernährung,

– frei von Unbehagen durch ungeeignete Unterbringung,

– frei von unnötigem Schmerz, von Verletzung und Krankheit,

– frei von Angst und vermeidbarem Leiden und

– frei, sich tiergemäß, sprich dem Nutztier angepasst, verhalten zu können.

Foto: Westfleisch Münster

Foto: Westfleisch Münster

Nach diesen Vorgaben erhalten die Tiere mehr Raum im Stall. Die Stallfläche beträgt mindestens 2,25 Quadratmeter pro Sau. Die Sauen erhalten in der Woche vor dem Abferkeltermin Holzspäne, Heu oder Stroh als Nestmaterial, sie werden gewaschen und entwurmt. Alle Tiere haben rund um die Uhr Zugang zu sauberem Trinkwasser. Auch für Reinigungsarbeiten wird Wasser mit Trinkwasserqualität eingesetzt. Die Ferkel werden erst nach 28 Tagen von den Muttersauen abgesetzt.

Allen Schweinen wird Beschäftigungsmaterial angeboten, das alle Sinne anspricht. Dadurch wird der Spiel-, Beschäftigungs-, Neugierde- und Bewegungstrieb angesprochen und Langeweile reduziert. Verletzungen werden deutlich verringert. Sie würden bei den amtlichen  Kontrollen sowieso auffallen und zu Rückfragen führen. Denn Gelenke, Haut, Ohr, Schwanz, Lunge und Brustfell jedes Tieres werden auf Verletzungen, Infektionen oder andere Beeinträchtigungen von amtlichen Tierärzten untersucht. Festgestellte Mängel wie entzündete Ohren oder angeknabberte Schwanzspitzen führen zu „Befunden“.

Die Erfahrung zeigt: Wenn ein Tier sich wohl fühlt, verweigert es weder die Futteraufnahme noch benötigt es Medikamente. Gute Gewichtszunahmen wie auch wenige Krankheitstage „sprechen” für geringe Ausfälle und gesunde Tiere. Bei den Kontrollen werden solche Daten erhoben und für jeden Erzeugerbetrieb zu einem „Gesundheitsindex” verdichtet. Die Ausschlusskriterien sind hart. Westfleisch dringt auf Qualität.

Die Verbesserung des Tierwohls hat auch etwas mit dem Verzicht auf die Kastration der männlichen Ferkel zu tun. Es werden nur unkastrierte Schweine gemästet. Nach der Schlachtung wird bei jedem Eber die Gefahr einer möglichen Geruchsabweichung beim Erhitzen des Fleisches mit menschlicher Nase „erschnüffelt“, auffällige oder nicht geeignete Schlachtkörper werden aussortiert.

Wichtig außerdem: Mast-Betriebe liegen im regionalen Umkreis von maximal 80 Kilometer um das Fleischcenter. Dadurch kommen kurze Tiertransportzeiten von durchschnittlich unter drei Stunden zusammen.

Foto: Westfleisch Münster

Foto: Westfleisch Münster

Entscheidend ist, dass die beteiligten Betriebe der Auditierung eines neutralen Prüfinstitutes unterliegen. Es werden rund 100 Kontrollen durchgeführt und dokumentiert. Aktuell erfüllen 120 Betriebe die hohen Anforderungen. Bis Ende 2012 wurden 560.000 Tiere aus diesen Animal Welfare- bzw. Aktion-Tierwohl-Betrieben bei Westfleisch geschlachtet. Rund 1.500 Lebensmittelmärkte werden derzeit bereits mit 20 Sortimentsartikeln beliefert. In diesem Jahr sollen unter dem freundlichen Label bis zu 650.000 Tiere vermarktet werden. Tendenz steigend.

Die Produkte sind im Lebensmittelhandel am gelben Aktion-Tierwohl-Zeichen gut erkennbar und werden zunehmend nachgefragt, auch wenn sie  rund zehn Prozent  teurer sind als konventionell hergestellte Fleischwaren. Ein Anfang ist also gemacht. Letztlich aber entscheiden wir Verbraucher, wie viel uns der Tierschutz im Stall wert ist.

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