Spiel mit der Macht des Wortes

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Westfalen – Wie Faust aufs Auge! Zeitgemäßer kann ein Theaterstück kaum sein: Mit „Oleanna“ bringt das Münsteraner Wolfgang Borchert Theater jetzt ein Stück auf die Bühne, das wie ein listiger Kommentar zur aktuellen Sexismus-Debatte erscheint.

Seit wenigen Tagen beschäftigen sich im Anschluß an ein kritisches Porträt des FDP-Altvorderen Rainer Brüderle in der Illustrierten „Stern“ die Talkshows und Feuilletons der Republik mit Anzüglichkeiten und Herrenwitzen, mit sexuellen Übergriffen und chauvinistischen Machtspielen, denen Frauen immer noch tausendfach in ihrem Alltag ausgesetzt sind. Eine heftige Debatte ist entbrannt. Ein Sturm der Entrüstung vor allem auf Seiten der betroffenen Frauen. So haben mehr als 60.000 Twitter-Nachrichten innerhalb von nur vier Tagen ein unmissverständliches Zeichen gesetzt: Unsere Gesellschaft hat ein Problem mit offenem und unterschwelligem Sexismus. Vielfach tarnt der sich als schlüpfriges Spiel mit der Macht des Wortes.

Foto: Wolfgang Borchert Theater

Foto: Wolfgang Borchert Theater

Foto: Wolfgang Borchert Theater

Foto: Wolfgang Borchert Theater

„Oleanna“ spielt in einer scheinbar völlig normalen Universitätssprechstunde. Es beginnt harmlos, ganz alltäglich: Die junge Studentin Carol hat Angst im Studium zu versagen und bei der Prüfung durchzufallen. Sie wendet sich an ihren Professor. John, ein arrivierter Intellektueller, steht kurz vor der Ernennung zum Professor auf Lebenszeit, will für seine Familie ein Haus kaufen. Und er ist hilfsbereit. Er möchte Carol Mut machen, sind ihm doch gerade Fragen zu Sinn und Zweck höherer Bildung eine persönliche und fachliche Herzensangelegenheit. Doch Carol fühlt sich auch von seinen Ausführungen überfordert – sie versteht weder seine Fremdwörter noch seinen doppelbödigen Witz. Carol versteht nur ihre Unterlegenheit – was fatale Konsequenzen hat. Seine Antwort auf ihre Frage, warum er ihr helfen wolle, macht sie zudem hellhörig. Er hat ihr ausweichend, beinahe lapidar als Motiv genannt, dass sie „ihm sympathisch“ sei. Sie versteht oder mißversteht diese Bemerkung als eine sexuelle Anspielung, so als wenn er ihr damit Avancen machen wolle.

Ein Machtspiel entsteht. Ein Spiel mit der Macht des Wortes. Schließlich steht der Vorwurf der sexuellen Nötigung im Raum. John hat seiner Studentin in altväterlicher und gönnerhafter Manier die Hand auf die Schultern gelegt. Sie reagiert entsetzt, sieht darin einen körperlichen Übergrifff. Es gilt dem Chauvi buchstäblich das „Handwerk“ zu legen. Carol seziert die selbstgefällige Sprache ihres Professors als anzüglich, übergriffig und sexistisch. Mit Unterstützung „ihrer Gruppe“, die im Hintergrund operiert, denunziert sie den angehenden Professor bei der Berufungskommission. Aus dem „auf Lebenszeit“ wird wohl nichts werden. Dafür wird sie schon sorgen. Sie dreht nun ihrerseits den Spieß um und demütigt ihrer Lehrer mit Worten und ihrer Eiseskälte. Die theatralische Eskalation ist schließlich unvermeidlich.

Carol treibt ihren Professor so sehr in die Enge, dass er keine Chance und keinen Raum mehr sieht, sich zu entschuldigen oder gar zu erklären. Sie schneidet ihm das Wort ab, provoziert ihn mit ihrer Schärfe bis aufs Blut. Als sie ihm einen Deal vorschlägt, bei dem sein neues Buch auf den Index käme, dreht John  durch. Es geschieht das, was zum Ende hin in der Luft liegt. Aus dem Spiel der Worte wird blutiger, bitterer Ernst. Aggression bricht sich Bahn – und mit ihr eine erneute Irritation des Zuschauers. Der fragt sich über den Blackout hinaus, wer hier das Opfer und wer der Täter ist.

Foto: Wolfgang Borchert Theater

Foto: Wolfgang Borchert Theater

WBT-Intendant Meinhard Zanger hat „Oleanna“ selbst inszeniert, wohl um den Zündstoff wissend, der in dem harmlos daherkommenden Text steckt, und er schickt das Publikum durch ein subtil, ja fast hinterlistig angerichtetes Tauchbad der Gefühle: Die heimlichen Sympathien des Zuschauers werden konterkariert, schwanken, irren hin und her. Mal sind wir auf der Seite der Studentin, die der Eitelkeit und Selbstgefälligkeit ihres Professors ausgesetzt ist, dann wieder haben wir genau mit ihm Mitleid, da er einer hysterischen und überempfindliche Zicke aufgesessen scheint.

Jede Interaktion ist doppelbödig, jeder Wortwechsel gerät zu einem Vabanquespiel. Und wie als Subtext werden wir als Zuschauer, ähnlich wie auch die Studentin Carol, Zeugen einer völlig verkorksten Kommunikation, die der Professor-Biedermann am Telefon mit seiner Frau führt. Ohne, dass wir sie sehen, ahnen wir in der Auseinandersetzung wie beide sich in ihrem Alltag permanent mißverstehen und sich gegenseitig verletzen. Nur mühsam werden Aggressionen zurückgehalten. Hier offenbart sich in der Wortwahl und im Tonfall der wahre Chauvi.

Foto: Wolfgang Borchert Theater

Foto: Wolfgang Borchert Theater

Die beiden Schauspieler, Nagmeh Alaei und Bernd Reheuser, verleihen den Charakteren durch ungemein subtiles Spiel Tiefe und Authentizität, ohne an irgendeiner Stelle der Versuchung zu erliegen, bei ihrem Spiel in eine Karikatur abzugleiten. Während im klassischen Theater die große, ausholende Geste Gefühle erzeugen soll, erlaubt das Kammerspiel im Borchert-Theater, bei dem das Publikum den Schauspielern beinahe auf dem Schoss sitzt, mit minimaler Körpersprache und kleinen, höchst präzisen Gesten (ganz so wie im wahren Leben!) Wirkungen zu erzielen. Bei Nagmeh Alaei und Bernd Reheuser stimmen jeder Blick und jede Handbewegung. Das hat etwas von der Intensität einer Großaufnahme im Film. So gesehen ist „Oleanna“ auch großes Kino!

Foto: Wolfgang Borchert Theater

Foto: Wolfgang Borchert Theater

David Mamet inszenierte die Uraufführung von „Oleanna“  1992 in New York selbst, die das Publikum polarisierte: Feministinnen störten mehrfach die Aufführungen, Machos applaudierten ihrem Spiegelbild auf der Bühne. Ein Jahr später ringen in Wien Susanne Lothar und Ulrich Mühe in der deutschsprachigen Erstaufführung dem Stück einen anderen Aspekt ab: Mit perfekter Bosheit unterstreichen sie Mamets These, daß die Sprache mutwillig um ihre Verbindlichkeit gebracht wurde. In den Zeiten von political correctness verändern nicht Taten, sondern Worte die Welt. Auch 20 Jahre nach der Entstehung des Stücks hat „Oleanna“ nichts an Aktualität und Relevanz eingebüßt. (Jörg Bockow)

Termine:

Sonntag, 27. Januar 2013, 18:00 Uhr [Stückeinführung 17:00 Uhr]

Freitag, 01. Februar 2013, 20:00 Uhr

Samstag, 02. Februar 2013, 20:00 Uhr

Sonntag, 03. Februar 2013, 18:00 Uhr

WBT Wolfgang Borchert Theater  / Hafenweg 6-8  / 48155 Münster

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