Meditative Seifenoper

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Westfalen – Das erste Bild bleibt haften. Es läßt einen Staunen und versetzt einen in eine Art Trance: In „Soapera“ einer Tanzperformance von Mathilde Monnier und Dominique Figarella während der diesjährigen Ruhrtriennale  breitet sich auf der Bühne ganz langsam ein gewaltiger Schaumberg aus. Er wächst von einer mysteriösen Quelle genährt, und er scheint innerlich von Leben erfüllt wie ein monströser Organismus von einem anderen Stern. Er bewegt sich. Er scheint zu atmen. Man sieht sich für Momente wie in einen ScienceFiction-Film in eine andere Welt versetzt. Viele Assoziationen schießen einem durch den Kopf. Im gleissenden Scheinwerferlicht erinnert einen das grelle Weiß dieses gigantischen Blubbs an eine ferne Eiswüste.  Schaum? Schnee? Nebel? Eine Skulptur aus Nichts erobert den Raum.  Auf jeden Fall: Eine durch und durch unwirtliche Landschaft.

„Soapera“ von Mathilde Monnier und Dominique Figarella – Foto: Marc Coudrais/Ruhrtriennale

Nach und nach nehmen die Bewegungen an Intensität zu. Der Blubb gerät ins Wabern und Wallen, so als wenn unter ihm ein See Wellen schlagen würde. Als eine dieser Wellen sich aufbäumt wie ein Tsunami und geradewegs auf das Publikum zusteuert, reißt die Welle auf und einer der Tänzer ist für einen Augenblick zu sehen, ehe er wieder in zeitlupenartigem Tempo in dem Schaum versinkt.

„Soapera“ von Mathilde Monnier und Dominique Figarella – Foto: Marc Coudrais/Ruhrtriennale

Vier Tänzer haben sich unbemerkt unter den Schaum geschoben und bringen diesen in eine meditative Wallung. Mal sind es organische Bewegungen, dann wieder eruptive Ausbrüche, die im Verlauf der Inszenierung erlauben, dass sich die Tänzer herausarbeiten und befreien können. Während der Schaum langsam aber sicher in sich zusammenfällt, übernehmen die vier Tänzer die Aktion. Ihr geräuschloser Tanz und ihre wortlosen Gesten handeln von Begegnungen, Ablehnungen, Konflikt und Liebe. Die Choreographie setzt auf extrem verlangsamte Bewegungen wie in einem Slow-Motion-Film. Das erfordert höchste Körperbeherrschung und eine minutiöse Abstimmung.

„Soapera“ von Mathilde Monnier und Dominique Figarella – Foto: Marc Coudrais/Ruhrtriennale

Doch so eindrucksvoll das Bühnenbild und die Szenerie, sowie Teile der Choreagraphie und des Tanzes auch sind, man vermißt einen inneren Zusammenhalt – vielleicht auch einen Höhepunkt, in der sich die aufgebaute Spannung entlädt oder einen Sinn ergibt. Der Applaus im Salzlager der Kokerei Zollverein gilt den Tänzern und Darstellern, weniger dem Stück selber, dass einem – um im Bild zu bleiben – wie eine selbstverliebte Schaumschlägerei erscheint. Am Ende bleibt nur das erste Bild im Gedächtnis haften – alles andere hat sich aufgelöst und ist zusammengeschrumpft auf ein paar magere Flocken wie der gigantische Schaumberg auf der Bühne.

Mathilde Monnier begreift Tanz als ein inspiriertes Wechselspiel mit anderen Kunstformen. Seit 1984 entwickelt sie gemeinsam mit internationalen Künstlern Stücke, Performances und Installationen, zum Beispiel mit der Regisseurin Claire Denis, der Autorin Christine Angot und dem Komponisten Heiner Goebbels. Sie gehört zu Frankreichs innovativsten Choreografinnen und leitet das Centre National Choreographique in Montpellier. Für Soapéra arbeitet sie mit dem bildenden Künstler Dominique Figarella zusammen. Seine Assemblagen und Mixed-Media- Arbeiten sind raffinierte Vexierspiele, in denen sich Malerei, Objekte, Projektionen und Spiegelungen verbinden.

In den Programmankündigungen der Ruhrtriennale heißt es zu dem Stück „Soapera“: „Formen erscheinen, Formen verschwinden, Abstraktes folgt auf Figuratives, Chaos auf Ordnung. Wie in Zeitlupe entsteht ein Painting-in-process, bei dem die Bühne zum Atelier und der Fertigungsprozess zu einem magischen Spektakel werden. Monnier und Figarella finden Bilder für den unablässigen Wandel als einzige Konstante künstlerischer Prozesse. Eine sinnlich-verspielte Performance über die Wandlungsfähigkeit von Materie.“ Das hat Erwartungen geschürt, die sich freilich nicht wirklich erfüllen.

Ruhrtriennale Kultur Ruhr GmbH / Leithestraße 35 / 45886 Gelsenkirchen
Telefon  0209  –  60 50 71-00
http://www.ruhrtriennale.de/

 

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