Verstörende Nähe

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Westfalen – Der Blick in die Räume hat durchaus etwas Voyeuristisches, die Nähe, die sich einstellt, wirkt befreiend und verstörend zugleich, zumal wenn man sich als Betrachter einmal ganz alleine in dem Raum befindet. Und wie in „Psycho“, dem Thrillerklassiker von Alfred Hitchcock, ist der Blick durch das Schlüsselloch und die intime Nähe mitunter mit einem Erschrecken, einem inneren Aufbegehren oder mit einem Schock verbunden.

Die lebendige Skulpturen der  „12 Rooms“, einer Ausstellung und Performance, mit der sich seit Freitag das Museum Folkwang in Essen erstmals an dem Festival Ruhrtriennale 2012 beteiligt, spielt mit der Neugierde und der Schaulust der Besucher. Die Räume, in die man neugierig vordringt, ermöglichen direkte Begegnungen und unmittelbare Erfahrungen. Unbeteiligt lassen diese Begegnungen keinen der Besucher. Es wird viel kommuniziert – mal mit einigen der gesprächsbereiten Performern selber, die zu ihren Szenen befragt werden und bei den Besuchern untereinander. Es findet ein reger Austausch statt.

Die schwebende Frau – Foto: Xu Zhen/Ruhrtriennale

Erstaunlich das Bild, das sich in Xu Zhens Performance einstellt. Frei und unabhängig von aller Erdanziehung fliegt Xu Zhens Werk im Raum. Es sieht aus, als wenn David Copperfield einmal wieder zugeschlagen hätte: Eine Frau scheint zu schweben, der Moment ist mitten in der Bewegung des Falles angehalten. Eine lebendige Fotografie. „In just a blink of an eye“ nennt Zhen seine Performance. Die Besucher staunen, gehen rund um die schwebende Frau und diskutieren über den vermeintlichen Trick, der genutzt worden ist.

In einem der ersten Räume kommt man schnell mit dem Performer ins Gespräch. Er hat zwei Dinge auf einem kleinen Tisch vor sich liegen. Er ist bereit, seine Fundstücke zu tauschen. Die Besucher kramen in ihren Taschen und feilschen mit ihm. Es macht Spaß.

Zwölf Räume haben die Kuratoren Klaus Biesenbach und Hans Ulrich Obrist im Museum Folkwang Essen geschaffen. In jedem Raum inszenieren sie mit internationalen Künstlern lebendige Skulpturen. Ein Kriegsveteran steht schweigend in einem Raum, eine nackte Frau untersucht ihren Körper mit einem Spiegel. Die Inszenierung springt über in die Wirklichkeit – die Grenzen zwischen Theater und Realität verschwimmen.

In jedem der zwölf Räume treffen die Besucher ganz direkt und unmittelbar auf eine Inszenierung. Wer die Schwellen der Türen überschreitet, überschreitet die Grenzen der Distanz. „Es fühlt sich an, als ob man mit einer seltsamen Person in einem kleinen Aufzug eingeschlossen ist“, beschreibt Biesenbach die Besonderheit des Erlebnisses. In der Performance von Marina Abramovic steht man von einem zum anderen Moment völlig unvorbereitet vor einer Art Hinrichtung. Eine Frau hängt provozierend und schmerzhaft ausgeliefert in gleissendem Scheinwerferlicht an einer Wand. Das Geschirr, in dem sie steckt löst bereits beim Betrachten innerlich Schmerz aus. Es ist eine Art Kreuzigung. Sie ist nackt und bloß und damit jedem Blick ausgesetzt: eine Mischung aus Pranger und Peep-Show. Der Zuschauer muss im Gegenzug den direkten Blick der Performerin aushalten.

Schon 2011 haben die Kuratoren ihre „Live-Art Ausstellung“ beim Manchester-Festival, damals unter dem Titel „11 Rooms“, realisiert. Für die Version im Museum Folkwang wurden einige Arbeiten weiterentwickelt, andere kamen neu hinzu. „Die Ausstellung soll wie ein Haus sein, in dem ständig noch ein Zimmer dazu gebaut wir“, erklärt Obrist das Konzept.

Groteske Szenen spielen sich vor der Performance von Laura Limas ab. Die Zuschauer können nur dann sehen, was sich in dem verschlossenen Raum verbirgt, wenn sie sich auf den Boden begeben und von unten durch einen Spalt hinein blicken. Die Zuschauer knien und liegen vor dem Raum.  Jennifer Allora und Guillermo Calzadilla machen die Besucher  ebenfalls zum Teil ihrer Performance. Ihr Bild „Die Drehtüre“ konfrontiert den Zuschauer mit der Bewegung einer Gruppe von Schauspielern, die sich in einem Raum bewegen als seien sie die Scheiben einer großen Drehtüre. Die Begegnung ist unmittelbar. Man steht den Tänzern mitunter Auge in Auge gegenüber – wird zum Getriebenen.

Der Spaß an der Inspiration und der ungewöhnlichen Konfrontation überwiegt, wenngleich auch Momente der Irritation und des Schocks einen in dem ein oder anderen Raum überrascht. Die Ausstellung ist sehenswert!

Die Ruhrtriennale gilt als eines der aufregendsten Festivals in Europa: Das International Festival of the Arts, präsentiert vom 17. August bis zum 30. September einmal mehr ausgesuchte Theater-, Opern- und Tanzproduktionen sowie Musikveranstaltungen. Nach den gefeierten Intendanzen von Gerard Mortier, Jürgen Flimm und Willy Decker empfiehlt sich in diesem Jahr Heiner Goebbels als der neue Spielleiter für den Dreijahresrhythmus des Festivals. Seine mit Spannung erwartete Inszenierung der selten gespielten Oper „Europeras 1 & 2“ von John Cage ist Auftakt der Triennale und zugleich die Visitenkarte des neuen Intendanten. Zu sehen sind außerdem die Carl-Orff-Oper „Prometheus“, „When the mountain changed its clothing“ und viele andere spektakuläre Aufführungen, Events, Performances und Ausstellungen.

Das Festival nutzt beeindruckende Industriedenkmale und historische Werkhallen wie die Jahrhunderthalle Bochum, stillgelegten Zechen und ausgediente Kraftwerke zwischen Rhein und Ruhr als einzigartige Spielstätten und schafft damit neue Formen der künstlerischen Auseinandersetzung. In diesem Jahr sind über 30 Produktionen geplant, darunter 20 Uraufführungen, Neuproduktionen und Deutschlandpremieren. Für die rund 100 Vorstellungen wurden mehr als 900 Künstler eingeladen, unter anderem aus Neuseeland, New York, Tel Aviv, Brüssel oder Warschau. (Jörg Bockow)

Ruhrtriennale Kultur Ruhr GmbH / Leithestraße 35 / 45886 Gelsenkirchen
Telefon  0209  –  60 50 71-00
http://www.ruhrtriennale.de/

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