Mit der Stimme der Steine

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Westfalen – Einige der Bildhauer aus Zimbabwe zählen mit zu den besten lebenden Künstlern ihrer Zunft. Ihre Werke stehen in den führenden Museen der Welt: New York, Paris, London und Sydney. Auf der Biennale in Venedig erhielten Zimbabwes Bildhauer einen eigenen Pavillon, auf der Weltausstellung in Sevilla sorgten sie für großes Aufsehen. Steinskulpturen aus Zimbabwe – vor allem neuere Arbeiten – werden bis zum 27. Juli unter dem Titel “Stein(h)art” im Sandsteinmuseum in Havixbeck gezeigt. Kristin Diehl – Sammlerin, Galeristin und Kuratorin in Personalunion – hat einmal mehr eine bemerkenswerte Ausstellung mit Arbeiten zeitgenössischer Bildhauer aus Zimbabwe zusammengetragen. Viele der teils großformatigen und schwergewichtigen Skulpturen hat man hierzulande noch nicht gesehen. Es lohnt sich nach Havixbeck zu fahren und sie sich anzuschauen!

Foto: Jörg Bockow

Bei afrikanischen Skulpturen denkt man vielleicht zuerst an traditionelle Stammeskunst, die religiösen oder rituellen Zwecken dient. Die heutigen Skulpturen aus Zimbabwe werden jedoch als reine Kunstwerke geschaffen, von Künstlern, die Wert auf ihre persönliche und künstlerische Individualität legen.

Edmore Sango aus Zimbabwe zeigt vor Ort wie in Zimbabwe die Steine bearbeitet werden damit sie so wunderbar glänzen – Foto: Jörg Bockow

In den Steinskulpturen aus Zimbabwe verbinden sich afrikanisch geprägte Themen mit einem Formempfinden, das europäische Künstler entwickelten, als sie sich – wie Barlach oder Picasso – mit der Kunst Afrikas auseinander setzten. Diese Wechselwirkung von afrikanischen und europäischen Sehweisen macht die zimbabwische Kunstrichtung für die westliche Welt so interessant. Die Formsprache ist äußerst modern, teilweise sogar abstrakt und avantgardistisch, dass man immer wieder überrascht ist. Beeindruckend darüberhinaus die handwerklichen Fähigkeiten der Steinmetze. Sie grenzen teilweise an ein Wunder. Hierzulande würde sich kaum jemand an eine solche risikoreiche Arbeit heranwagen, bei der ein einfacher Sprung oder ein falscher Schlag mit dem Meissel alles zerstören kann.

Foto: Jörg Bockow

Im Gegensatz zu vielen anderen afrikanischen Ländern existierte in Zimbabwe die Bildhauerei nicht kontinuierlich über die Jahrhunderte. Die Geschichte der modernen Steinkunst dieses Landes begann in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mehr oder weniger zufällig.

Ein afrikanischer Landwirtschaftsberater, Joram Mariga, fand einen grünen Stein, der ihn so faszinierte, dass er ihn bearbeitete. Als er die fertige Skulptur dem Direktor der zimbabwischen Nationalgalerie zeigte, war der von der künstlerischer Kreativität, die diese Skulptur ausstrahlte, so begeistert, dass er Workshops für Bildhauerei einführte: Das war die Geburtstunde der zimbabwischen Bildhauerei und des inzwischen weltberühmten Künstlerdorfes Tengenenge, wo viele der Skulpturen entstehen.

Die meisten der Bildhauer sind auch heute noch Autodidakten. Ein echtes Phänomen, denn die Arbeit setzt neben Geduld vor allem Geschicklichkeit voraus. Aber einige haben inzwischen eine dreijährige künstlerische Ausbildung durch ein Stipendium erhalten. Obwohl es sich bei den Plastiken um moderne afrikanische Kunst handelt, bleibt die Thematik der Skulpturen eher traditionell. Zeitgenössische oder politische Bezüge sind selten. Es überwiegt die figürliche Darstellung. Ein Grund dafür liegt sicherlich in der tiefen Verwurzelung vieler Künstler in ihrem Glauben an die Beseeltheit der Natur. In den Mythen der größten Bevölkerungsgruppe, der Shona, gibt es Geister der Verstorbenen, die sich je nach Totem in ein Tier verwandeln.

Foto: Jörg Bockow

So faszinierend es ist, sich in die Bildersprache der zimbabwischen Künstler einzuarbeiten und Bezüge zur traditionellen Mythologie herzustellen, ihre Kenntnis ist nicht notwendig, um an den vielseitigen Skulpturen und Plastiken Gefallen zu finden. Ihre Formen- und Themenvielfalt ist überwältigend. Sie sind einfach schön in ihrer Formensprache, ihrem Variantenreichtum und der Kreativität und Kraft, die sie ausstrahlen.

Die meisten der Bildhauer arbeiten mit Steinen ihrer Umgebung, meist schwarzem, rotem oder grünen Serpentin. Die Härte des Steines wird von den darin enthaltenen Mineralien beeinflusst.

Auf die Auswahl ihrer Steine legen die Künstler größten Wert. Sie haben größten Respekt vor dem noch unbehauenen Stein, denn keiner sieht in ihm nur das Material für sein Werk. Es heißt: Die Steine sprächen zu ihnen. Viele lassen sich von dem Stein inspirieren und sie sagen, die Form stecke bereits in ihnen – sie als Künstler haben sie nur herauszuarbeiten.

Fast ausnahmslos arbeiten die Künstler ohne Zeichnung oder Modelle. Die Formen ergeben sich während der Arbeit. Alle Skulpturen werden ausnahmslos mit der Hand bearbeitet. Moderne Werkzeuge oder gar Maschinen sind verpönt und kommen nicht zum Einsatz. So ist jeder Stein am Ende eine unverwechselbares Unikat.

Trotz der internationalen Anerkennung, die den Skulpturen auf der ganzen Welt entgegengebracht wird, können nur sehr wenige  der Künstler von ihren Werken leben.

Baumberger Sandstein Museum / Gennerich 9 /48329 Havixbeck
Telefon 02507 – 1596,
www.sandsteinmuseum.de

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