Skulptur Projekte 2017 mit vielen Rekorden

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Münster – Sieger nach Punkten: Münster hat sich über den Sommer mit den Skulptur Projekte 2017 vor allem selbst gefeiert und als guter Gastgeber gezeigt. Der Stolz der Münsteraner war groß. Die Bürger der Stadt haben die Ausstellung als ihr Projekt umarmt und vorbehaltlos vereinnahmt. Es gab Tausende wundervolle Begegnungen auch dank einer unbrauchbaren Orientierungskarte. Nicht zu vergessen: die angeregten Gespräche in den Warteschlangen vor einigen Objekten und Performances. Bravo! Das hat die Stadtoberen, die Geldgeber und Sponsoren ebenso gefreut wie die Hotellerie und die Restaurants.  Die Gruß- und Dankesworte überschlagen sich förmlich.

Kunst hat sich im Gewand der Skulptur Projekte 2017 einmal mehr als zugkräftige Attraktion erwiesen. Die Großschau in Münster war ein effektives Marketingtool und ein hübscher Mehrwert für jeden Besucher, ob die Macher und Kuratoren dies nun gewollt haben oder auch nicht. Jede Verweigerung und jeder offene Widerstand im Vorfeld wurde vom Strom der Besucher überrollt. Schwarmintelligenz! Besser hätte es ein bis in Detail durchgeplantes Marketing, professionelle Werbung, umfassende Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie eine Abstimmung und Kooperation mit den Gastgebern in der Stadt gar nicht mehr machen können. Zu Recht reibt man sich in der Stadt die Hände und überschüttet die Macher mit Lobeshymnen.

Opfer des eigenen Erfolges: Die Skulptur Projekte 2017 zogen rund 650.000 Besucher an – obwohl die Macher sich im Vorfeld beharrlich allen Versuchungen des Marketings, einer professionellen Werbung und einer Zusammenarbeit mit den hiesigen Gastgebern verweigert hatten. – Foto: Jörg Bockow

Mehr als 650.000 Besucher kamen zu den Skulptur Projekten 2017 in Münster, berichtet das Büro der Kunstausstellung in einer Bilanz. Die fünfte Ausgabe der Schau, die am 1. Oktober zu Ende gegangen ist, sei damit die bestbesuchte der Skulptur Projekte. Was aber sagt das über die Kunst? Darüber wurde in den vergangenen 16 Wochen zumindest öffentlich kaum gestritten und nur unter den Argus-Augen der Macher und Kuratoren diskutiert. Das vorgebliche Motiv, Kunst im öffentlichen Raum zu zeigen, die Auseinandersetzungen bringt: Fehlanzeige! Die Kunst fand vielfach im Saale statt. Lange Schlangen standen davor. Aufreger waren indes nicht dabei. Alles löste sich über den Kunstsommer buchstäblich in Wohlgefallen auf. Viel Freude, viel Event und Zustimmung allerorten. Nichts gegen den Spaß und die Freude, aber als Motiv einer internationalen Kunstausstellung erscheint die Feierlaune doch ein bißchen wenig zu sein. Selbst Kaspar König stellt als künstlerischer Leiter am Ende die ketzerische Frage: „Was haben wir vielleicht falsch gemacht?“

Aus 35 Nationen kamen Besucher, um die 35 Kunstwerke zu sehen, die 16 Wochen lang „vorgeblich“ im öffentlichen Raum von Münster zu sehen waren. 1300 akkreditierte Journalisten waren zu Gast bei der Ausstellung. Knapp 48.000 Menschen nahmen an öffentlichen Touren teil, die in elf Sprachen angeboten wurden. Darüber hinaus gab es Führungen in Gebärdensprache oder auch leichter Sprache, die sich besonders an Menschen mit Behinderung richteten. Kurios: 250 Menschen sind vom Steg von Ayse Erkmens Kunstwerk in den Dortmund-Ems-Kanal gefallen, eine große Zahl von Handys landete ungewollt auf dem Grund des Kanals, zwei Bienenstiche gab es in der Arbeit von Pierre Huyghe und 250 Tätowierungen im Rahmen des Projektes „Not Quite Under Ground“, davon 75 an Menschen über 65 Jahren.

„Wir sind stolz auf die durchweg positive Resonanz. Die Ausstellung konnte sich im dichten Kunstsommer als Publikumsliebling und als Favorit der internationalen Medien behaupten“, kommentierte LWL-Direktor Matthias Löb die Bilanz.

Kasper König, künstlerischer Leiter der Skulptur Projekte 2017, plädierte zum Abschluss dafür, die Unabhängigkeit der Ausstellung zu sichern. Daher würden derzeit Gespräche mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) und der Stadt Münster als Träger sowie mit dem Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW über die juristische Organisationsform der Ausstellung geführt. Hing die Ausstellung denn tatsächlich am Gängelband des LWL, der Stadt Münster und der Sponsoren?

Außerdem: „Ich würde vorschlagen, die Ausstellung erst wieder in elf Jahren stattfinden zu lassen – außerhalb dieses übermächtigen Superkunstsommers“, so König. Damit wirft König freilich nur ein bisschen Sand ins Getriebe und verdirbt vielleicht einigen wenigen die Feierlaune und die Vorfreude aufs nächste Mal, denn am Ende gehen solche Diskussionen aus wie das Hornberger Schießen. Vermutlich wird in Kürze auch wieder die Diskussion auftauchen, ob nicht fünf Jahre der viel bessere Rhythmus sei.

Denkt man Kasper Königs Vorschlag einmal konsequent weiter, dann wäre nicht nur die Abkopplung von den Großschauen in Kassel und Venedig im Jahr 2027 angebracht, sondern auch gleich eine Verlegung in die dunkle Jahreszeit. Wie wäre es mit Januar Februar? Denn dann werden sich bestimmt nur noch die wirklich hartgesottenen Kunstinteressierten und Hardcore-Fans aus aller Welt nach Münster aufmachen. Die Skulpturen Projekte 2028 als Forum der ausgewiesenen Kunst-Experten –  so würde man die Spreu vom Weizen trennen. Wetten, dass dann nicht mehr 650.000 Besucher kommen würden?! Schade wäre es…

www.skulptur-projekte.de


 

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