Multitalent stellt auf Burg Vischering aus

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Lüdinghausen – Seine Gemälde sind schrill und provozierend. Soetwas bekommt man selten zu sehen. Seine Farben und Motive – in der Mehrzahl junge Frauen und Mädchen – spielen mit dem Eindruck des Kitsches. Erst bei näherem Hinschauen entfaltet die bonbonfarbene Welt des isländischen Malers Jón Thor Gíslason ihre ganze Kraft und subtile Doppelbödigkeit. Von seiner eigentümlichen Kunst kann man sich derzeit in einer eindrucksvollen Ausstellung auf Burg Vischering in Lüdinghausen überzeugen.

Mädchen von Jón Thor Gíslason

Die Ausstellung mit dem Titel unter dem Titel „Sjón / Anblick“ wurde am 10. September eröffnet. In die verschrobene Welt des Jón Thor Gíslason führte die Kunsthistorikerin Dr. Gabriele Hovestadt aus Nottuln ein.

Jón Thor Gíslason

Die gestische Malweise des isländischen Malers läßt die Körper und Gesichter seiner Protagonisten in einem schreienden Kontrast zur Farbe und den vielen doppelbödigen Schmuckelementen stehen. Dem Betrachter springt eine überraschende Gewalttätigkeit und Monstrosität ins Auge, die sich an den ätherische Wesen mit ihren undefinierten Gesichtern und den entmaterialisierten Körpern bricht.

Jón Thor Gíslason

Die Personen, die Gíslason in einer Mischtechnik aus Acryl, Kreide und Kohle auf die Leinwand bringt, vermitteln Übernatürliches, aber auch Beängstigendes, scheinen sie doch wie in einer Zwischenwelt gefangen. Jón Thor Gíslason (*1957 in Hafnarfjördur, Island) ist ein Multitalent. Bevor er von 1990 bis 1994 ein Studium an der Kunstakademie Stuttgart bei Professor Erich Mansen absolvierte, war er in seiner Heimat erfolgreicher, professioneller Rock- und Popmusiker.

Jón Thor Gíslason ist mit seinen vielen Talenten und seiner unbändigen Kreativität ein geradezu idealtypischer Vertreter der isländischen Kultur. Bildende Kunst und Musik, Literatur und eine ausschweifende fantastische Erzählweise haben hier einen wunderbaren Nährboden gefunden. Kaum ein Isländer, der nicht mit seiner Phantasie und seinen Talenten die Besucher zu überraschen weiß.

Jón Thor Gíslason

Jón Thor Gíslason  betätigt sich als Erzähler und Übersetzer sowie als Verfasser von philosophischen Texten. Diese Affinität zur Auseinandersetzung insbesondere mit der Epoche der Romantik zeigt sich eindringlich in seinen Bildern, begreift der Künstler doch die Romantik als jene Epoche, die gesellschaftliche Umbrüche vorbereitet und Unsicherheiten in der Gesellschaft offenbart hat. „Alle Versuche, die Kunst ins Leben zu überführen, sind gescheitert. Was am Anfang des 20. Jahrhunderts anfing – Bürger der Gesellschaft in die Kunst mit einzubeziehen – hat am Ende des Jahrhunderts schließlich zur Abschaffung der Ästhetik durch einen erweiterten Kunstbegriff geführt“, schreibt Gíslason mit großer Bitterkeit.

Gíslason sieht die zeitgenössische Kunst und westliche Kultur in einer existenziellen Krise. „Die moderne Kunst befindet sich am Ende einer Einbahnstrasse, die nicht zuletzt einer Autonomie bestimmter intellektueller Auffassungen zuzurechnen ist“, sagt der Künstler. Vor allem in der kaum mehr nachvollziehbaren Kommerzialisierung der Kunst sieht er die größte Gefahr. Der Künstler Damian Hurst ist in seiner Augen einer seiner wichtigsten Protagonisten. Der Kommerz hat sich verselbständigt und die Kunst vertrieben. Gíslason schreibt mit kritischem Unterton: „Wie ein wichtiges Zeichen für das lang ersehnte Ziel der Moderne: die Aufhebung der Kunst bzw. das Ende der Kunst, erscheint in der heutigen postmodernen Kunstwelt, in großer Vielfalt, die Banalität. Der Künstler Damien Hirst beschäftigt sich auf eine bestimmte Art mit diesem Phänomen.“

„Während seiner künstlerischen Ausbildung hat sich der isländische Künstler Jón Thor Gíslason intensiv mit Ende der 50er / Anfang der 60er Jahre entstandenen grenzüberschreitenden Kunstrichtungen wie der Konzeptkunst und dem von Beuys geschaffenen erweiterten Kunstbegriff auseinandergesetzt“, schreibt Brigitte Splettstößer über den isländischen Maler. „In seiner Rückbesinnung auf die Romantik, der er in seiner Kunst eine ganz eigene Interpretation gibt, sieht er die Chance einen Weg aus der Krise zu finden.“ (Jörg Bockow)


 

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