Skulpturen Projekte: Zündstoff für den Dialog

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Münster – Am kommenden Samstag, den 10. Juni fällt der Startschuss: Über den Sommer hinweg wird Münster mit seinem einzigartigen Kunstparcour der „Skulpturen Projekte Münster 2017“ zu einer attraktiven Adresse für Kunstfreunde aus aller Welt.

Im Zentrum der Skulpturen Projekte 2017 steht auch wieder das LWL-Museum für Kunst und Kultur – Foto: LWL

Seit 1977 verwandelt sich Münster alle zehn Jahre in einen Hotspot für Kunst im öffentlichen Raum. Die Ausstellung zeigt an 100 Tagen Arbeiten von 35 Künstlerinnen und Künstlern.

Die Mischung ist angerichtet: 35 international renommierte Künstlerinnen und Künstler sind zur Ausstellung „Skulpturen Projekte“ nach Münster eingeladen. Sie sollen den Zündstoff für eine produktive Auseinandersetzung liefern. Das verbindende Thema: Kunst im öffentlichen Raum. Unter den eingeladenen Künstlern sind Zugpferde wie Gregor Schneider, Thomas Schütte, Pierre Huyghe, Ayşe Erkmen und Nicole Eisenman.

Vor dem Start bereits die Chiffre der Skulturen Projekte Münster 2017: Der Steg durch das Hafenbecken von Ayse Erkmen – Visualisierung: Jan Bockolt

Die eingeladenen Künstler kommen aus 19 Ländern – neben Deutschland sind Künstler aus anderen europäischen Staaten, den USA, Asien und Afrika dabei. Aus Mumbai (Indien) ist die experimentelle Filmemacherin Shaina Anand und aus Kamerun der Multimedia-Künstler Hervé Youmbi eingeladen. Aus der nigerianischen Stadt Lagos stammt der Klangkünstler Emeka Ogboh, der 2015 auch bei der Kunstbiennale in Venedig vertreten war. Auch die Videokünstlerin und Münchner Medienkunst-Professorin Hito Steyerl ist dabei.

Als künstlerischer Leiter der Skulpturen Projekte hält Kasper König erneut die Strippen in der Hand – Foto: Arne Wesenberg

Das Konzept der Ausstellung in Münster ist weltweit einzigartig. An keinem anderen Ort werden so viele aktuelle Skulpturen und Projekte im öffentlichen Raum präsentiert – kostenlos und damit für jeden zugänglich.

Die riesige Freiluft-Ausstellung wird vom LWL-Museum für Kunst und Kultur ausgerichtet. Das künstlerische Programm verantwortet ein Team aus drei Kuratoren. Neben den beiden Kuratorinnen Britta Peters und Marianne Wagner ist als künstlerischer Leiter Kasper König, neben Klaus Bußmann der Miterfinder der „Skulptur Projekte“, wieder mit dabei. Er ist der Garant für Experiment, Kontinuität und Tradition.

Für die Umsetzung des Projektes wurde ein Budget von rund 7,5 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Dieses Budget wird zu fast gleichen Teilen von der Stadt Münster, dem Landschaftsverband Westfalen, der Kulturstiftung des Bundes und der Sparkassen-Stiftung getragen. „Kunst ist eine Form des Luxus“, räumt Kunst-Professor Kasper König ein, „aber dieser Luxus ist lebensnotwendig.“

Immer wieder mussten sich die Macher im Vorfeld der Ausstellung mit Erwartungen auseinandersetzen, die darauf ausgerichtet waren, dass es in Münster einmal wieder einen medienwirksamen Skandal gibt, so wie es dies zu Beginn der Ausstellung im Jahr 1977 und 1987 der Fall gewesen war. Kuratorin Marianne Wagner widerspricht diesen Erwartungen in einem Interview entschieden: „Es geht uns aber nicht darum, irgendwelche Marketing-Gags zu lancieren und damit fremde Interessen zu bedienen. Wir wollen mit dieser Gruppenausstellung Dialoge in der Stadt entfachen, die irgendwo hinführen sollen.“

Zugleich erwartet die Stadt in diesem Jahr einen neuen Rekord: 600.000, vielleicht sogar noch deutlich mehr Kunstinteressierte sollen in die Stadt strömen. Am liebsten aus aller Welt. Die Werbetrommel ist kräftig gerührt worden – selbst jenseits des großen Teiches. Durchaus mit leisem Groll haben die Kuratoren beobachtet, wie die Entscheider in der Stadt und das Stadtmarketing die Kunstschau für sich instrumentalisiert haben. Dort weiß man, der Event ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor.

Skulpturen Projekte Münster: Projektskizze für das Projekt der Künstlerin Ayse Erkmen – Foto: Serdar Tanyeli

In diesem Jahr stehen performative Arbeiten im Vordergrund. Dass Monumente aus Stahl oder Beton als neue Vorzeigestücke in der Stadt verbleiben, ist nicht geplant. Kasper König hat die Künstler eigens darauf hingewiesen, dass sie sich keine Hoffnungen auf ein Verbleiben ihrer Kunstwerke in der Stadt machen sollten. Es würde ihre Freiheit zu stark einschränken und ihre Vorstellungen möglicherweise korrumpieren. Ein Viertel der geplanten Arbeiten sind Performances, hinzu kommen temporäre Installationen. Das, was für die Ausstellung errichtet wird, soll nach den 100 Tagen wieder verschwinden und abgebaut werden.

Die Organisatoren der „Skulpturen und Projekte“ lassen sich bis zum Start nicht in die Karten schauen. Das hat selbst unter den Münsteranern zu Mißmut geführt. Gute Pressearbeit und gutes Marketing gehen jedenfalls anders. Das  hätte man bei allen großen, internationalen Ausstellungen lernen können. Viele Chancen bleiben wegen der stümperhaften Pressearbeit und wegen des hilflosen Marketings definitiv ungenutzt. Zahlreiche Besucher aus aller Welt werden erst gar nicht anreisen, weil sie von Reiseveranstaltern und Tourenplaner im Ungewissen gehalten wurden. Nur in homäopathischen Dosen wurden die einzelnen Projekte bekannt: Das hat Reiseveranstalter, Hoteliers und auch die Presse geärgert und verbittert, denn sie konnten sich auf die Ausstellung nicht vorbereiten.

Mit einem Pfund können die Organisatoren allerdings wuchern, was auch immer geschieht: „Die Spuren und Gespenster der vergangenen Ausstellungen sind für alle Beteiligten zu einer wichtigen ortsspezifischen Bedingung geraten“, liest man selbst in einem der wenigen, kryptisch formulierten Pressetexte der Skulpturen Projekte. 35 Arbeiten sind aus vorherigen Editionen als öffentliche Sammlung im Stadtraum verblieben, darunter unter anderem von Richard Serra, Rosemarie Trockel, Bruce Naumann, Daniel Burren, Rebecca Horn, Ulrich Rückriem und Donald Judd. Wäre der amerikanische Konzeptkünstler Michael Asher nicht 2012 verstorben, sein mobiles Kunstwerk „Caravan“ wäre dank Kasper König in diesem Jahr gewiss zum fünften Mal mit dabei.

Neu in diesem Jahr ist eine enge Kooperation mit der Stadt Marl. Die Partnerschaft zwischen diesen Städten, die unterschiedlicher kaum sein könnten, soll beiden Standorten nutzen, so verschieden ihr Umgang mit Kunst im öffentlichen Raum auch sein mag. Unter dem Titel „Münster – Marl: Der heiße Draht“ findet ein Austausch von Arbeiten statt. Marl wird über einen Shuttle an die Ausstellung in Münster angeschlossen. So werden mehr als 80 autonome Skulpturen und Plastiken der 60 Kilometer weit entfernten Stadt einbezogen und bekommen eine neue Aufmerksamkeit. Wollte man alle Kunstwerke in beiden Orten besuchen, dann käme man auf mehr als 150 Positionen – solch eine Fülle gibt es an keiner Stelle der Erde zu erleben.

Jörg Bockow


 

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