Bochum: Vom Streben nach Glück

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Bochum –  „Hier lebt man besser als in Deutschland“, berichtete 1830 der Amerika-Auswanderer Peter Horn aus Pennsylvania in einem Brief an seine Eltern. Wohlstand, Freiheit, Abenteuer – das waren die Hoffnungen, die über 300.000 Menschen aus Westfalen im 19. und 20. Jahrhundert dazu bewegten, in den USA ein neues Leben zu beginnen. Die Ausstellung „Vom Streben nach Glück“, die der Landschaftsverband Westfalen vom 31. März bis 29. Oktober in seinem Industriemuseum Zeche Hannover in Bochum präsentiert, veranschaulicht diese Auswanderungsbewegung. Das Begleitprogramm reicht von Vorträgen über einen genealogischen Workshop bis zur Wild West-Show mit Cowboys und Indianern zur Nacht der Industriekultur.

Modell eines Auswandererschiffes aus dem Deutschen Technikmuseum in Berlin.- Foto: LWL/Hudemann

„Migration, Integration und Interkultur sind unsere Themenschwerpunkte auf der Zeche Hannover. Diesmal wechseln wir dabei die Perspektive und blicken aus Westfalen in die Welt und überrascht stellen wir fest, nicht nur Syrer oder Nordafrikaner, auch die Westfalen verließen ihre Heimat in der Hoffnung auf eine „neue Welt“, erklärte Dirk Zache, Direktor des LWL-Industriemuseums, am Mittwoch (29.3.) bei der Vorstellung der Wanderausstellung in Bochum. Die Schau des LWL-Industriemuseums beleuchtet die Ursachen, zeichnet Reisewege nach und schildert Biografien westfälischer Emigranten.

Postkarte eines Auswandererschiffes im Hamburger Hafen.
Foto: Deutsches Auswandererhaus Bremerhaven

Das Spektrum der über 100 Exponate reicht von Fotos und Postkarten über ein Schiffsmodell bis hin zu persönlichen Gegenstände der Auswanderer, darunter auch ein Silberlöffel, den der Bochumer Wilhelm Kabeisemann auf seiner Überfahrt 1853 in die neue Heimat bei sich trug. Wie viele Westfalen siedelte sich auch die Familie Kabeisemann im Mitteleren Westen an, in Winneshiek (Iowa). Fast eine Million deutsche fanden in den Staaten Wisconsin, Ohio und Iowa eine neue Heimat. Wilhelm Kabeisemann hatte vor seiner Ausreise in Bochum eine Brauerei betrieben. Jahrelang hatte er mit immer neuen Anträgen versucht, eine Ausschanklizenz für das gebraute Bier zu erhalten. Doch ohne Erfolg. Schließlich beschloss er 1853, sein Hab und Gut zu versteigern und mit seiner Frau und dem dreijährigen Sohn Friedrich Wilhelm nach Iowa auszuwandern. Dort erwarb Wilhelm ein Stück Land und erlangte 1858 die Einbürgerung der Familie in Amerika. Noch heute leben Nachfahren der Kabeisemanns sowohl in den USA als auch in Deutschland.

Dirk Zache, Lisa Weißmann, Dietmar Osses und Ellen Rüttermann vor dem Modell eines Auswandererschiffes. – Foto: LWL/Holtappels

Hintergrund
Nicht nur wirtschaftliche Not, die vor allem in den ländlich geprägten Regionen Westfalens der Hauptgrund für die Auswanderung war, trieb die Menschen in die Ferne. Auch politische Gründe bewegten die Menschen dazu, ihre Heimat in Deutschland zu verlassen. Das Streben nach politischer Freiheit brachte nach der Niederschlagung der demokratischen Revolution in Deutschland 1848/49 viele Aktivisten und Freidenker aus Westfalen in die USA. Die Vereinigten Staaten galten damals als das Vorzeigeland der Bürgerrechte, Freiheit und Gleichheit. Zu den Aktivisten, die nach dem Scheitern der Revolution nach Amerika emigrierten, gehörte etwa unter anderem die Bürgerrechtlerin Mathilde Franziska Anneke aus Hiddinghausen bei Hattingen (Ennepe-Ruhr-Kreis) oder der Maler Carl Schlickum aus Hagen.

Sonderausstellung Blick in die Ausstellung „Vom Streben nach Glück“. – Foto: LWL/Holtappels

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges hatten über acht Millionen Menschen in Nordamerika deutsche Vorfahren. Sie lebten als Farmer in den nördlichen Staaten des Mittleren Westens, waren aktiv in der Kultur, in der Politik und im Wirtschaftleben der Vereinigten Staaten. Vor allem der Bundestaat Indiana mit seiner Hauptstadt Indianapolis wurde zu einem Zentrum deutschen Wirkens. In Fort Wayne brauten und vertrieben die Dortmunder Berghoff-Brüder „Dortmunder Beer“. Clemens Vonnegut aus Münster brachte es mit einem Haushalts- und Eisenwarenhandel in kurzer Zeit zu Reichtum. Und William Edward Boeing, Sohn eines Einwanderers aus dem heutigen Hagen, gelang es gar, einen Weltkonzern aufzubauen.

Agenten vermittelten den Ausreisewilligen die Schiffsfahrkarten für die Überfahrt in die USA. Die Reise begann meist in den beiden großen deutschen Auswandererhäfen in Bremerhaven und Hamburg. Das Modell eines Auswandererschiffes aus dem Deutschen Technikmuseum in Berlin sowie Postkarten und Werbeplakate der Reedereien zeigen, wie diese Schiffe aussahen.

Neben Knowhow brachten die Deutschen auch das Vereinswesen mit in die neue Heimat: In den meisten Städten des Mittleren Westens gab es Männerchöre und Turnvereine, auch Karneval wurde gefeiert. Mit dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg veränderte sich das Verhältnis zwischen Amerikanern und Deutschen. „Die hoch geachteten und von manchen auch beneideten deutschen Eliten gerieten in den USA stark unter Druck. Viele ließen ihre Familiennamen amerikanisieren. Deutsche Zeitungen, deutschsprachige Reklametafeln und deutsche Bräuche verschwanden binnen weniger Wochen aus der Öffentlichkeit. Das war ein entscheidender Einschnitt, von dem sich die deutsche Gemeinschaft kaum wieder erholen konnte“, verrät Kurator Dietmar Osses. Ein eigenes Kapitel widmet die Ausstellung dem Thema Vertreibung und Verfolgung nach 1933. So wanderten über 120.000 deutsche Intellektuelle und Juden nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten nach Amerika aus.

Auch Diskussionen über zeitgenössische Entwicklungen kann der Blick in die Geschichte der Amerika-Auswanderung anregen. „Die Parallelen zu aktuellen Fragen von Migration und Integration sind in dieser Ausstellung offensichtlich. Das LWL-Industriemuseum versteht sich dabei als Forum, in dem gesellschaftlich relevante Themen zur Diskussion gestellt werden“, erklärt Zache. Zwar seien die Deutschen damals nicht vor einem Bürgerkrieg geflohen, wohl aber aus einer hoffnungslosen Lebenssituation, die ihnen weder Auskommen noch berufliche Perspektive in ihrer Heimat bot.

Eröffnung
Bei der Eröffnung der Ausstellung am Donnerstag (30.3.) um 19 Uhr begrüßt LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Thale die Gäste. Eine Einführung gibt Ausstellungskurator Willi Kulke. Für den musikalischen Rahmen sorgt das Jazz-Duo Johanna Schneider. Gäste sind herzlich willkommen.

Katalog
Vom Streben nach Glück. 200 Jahre Auswanderung aus Westfalen nach Amerika. (Hg.) LWL-Industriemuseum, Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur, Willi Kulke. 164 Seiten, Essen 2016, ISBN Preis: 14,95 Euro

Begleitprogramm (April bis Oktober 2017)

Do, 6.4., 19 Uhr
„Dorsten – Chicago. Eine transatlantisch-jüdische Familiengeschichte“. Vortrag und Gespräch mit Elisabeth Cosanne-Schulte-Huxel vom Jüdischen Museum Westfalen in Dorsten.

Di, 18.4. – Do, 20.4., 10-18 Uhr
Theater-Workshop für Erwachsene und Jugendliche ab 15 Jahren in Zusammenarbeit mit dem Schauspielhaus Bochum „Neues Land, neues Glück?! Hoffnungen und Erfahrungen von Auswanderern“. Kostenfrei. Anmeldung bis zum 31.3. unter 0231 6961-236.

Do, 20.4., 19 Uhr
Abschlusspräsentation des Theater-Workshops „Neues Land, neues Glück?! Hoffnungen und Erfahrungen von Auswanderern“.

Do, 4.5., 19 Uhr
Ein Onkel in Amerika? Auf den Spuren der eigenen Vergangenheit. Tipps und Tricks für den Einstieg in die Ahnenforschung von der genealogisch-heraldischen Arbeitsgemeinschaft Roland zu Dortmund.

Do, 8.6., 19 Uhr
„Aus Westfalen und Lippe nach Amerika“. Die Geschichte der Auswanderung. Vortrag von Ausstellungskurator Willi Kulke, Ziegeleimuseum Lage (erste Station der Wanderausstellung)

Sa, 24.6. 18-2 Uhr
Extraschicht – die Nacht der Industriekultur. Wilder Westen im Revier. Show und Musik mit Cowboys und Indianern. Ab 22 Uhr „Sommerfest“. Lesung, Gespräch und Filmausschnitte zum Kinofilm „Sommerfest“ mit Sönke Wortmann, Frank Goosen und weiteren Schauspielern. Sondereintritt (Extraschicht-Ticket)

So, 2.7., 16-18 Uhr
Workshop Familienforschung. Individuelle Beratung durch die genealogisch-heraldische Arbeitsgemeinschaft Roland zu Dortmund.

Do, 6.7., 19 Uhr
„Die deutsch-amerikanische Brauindustrie“. Vortrag von Historikerin Jana Weiß von der Universität Münster mit anschließender Bierverkostung mit Biersommelier Matthias Kliemt, Recklinghausen.

Do, 14.9., 19 Uhr
„Solo für einen Colt“. Der Kabarettist Stefan Keim lässt die großen Mythen des Wilden Westens lebendig werden und zeigt Beziehungen und Parallelen zwischen Amerika und Westfalen, Wild-West-Zeiten und der Gegenwart. Ein Westfalo-Western von und mit Stefan Keim aus Wetter an der Ruhr. Eintritt 8 Euro.

Do, 5.10., 19 Uhr
„Aus Bochum in die Neue Welt“. Die Auswanderungsgeschichte der Familie Kabeisemann. Gesprächsrunde mit Dr. Hans Hanke (Bochum), Dr. Viktor Rüttermann (Münster) und Lisa Weißmann (Bochum).

Do, 19.10., 19 Uhr
„Flucht ins Land der Freiheit“. Auswanderung und Exil nach 1848 und 1933. Vortrag von Ausstellungskurator Dietmar Osses, LWL-Industriemuseum Zeche Hannover in Bochum.

Geöffnet Mittwoch-Samstag 14-18 Uhr; sonn- und feiertags 11-18 Uhr

LWL-Industriemuseum Zeche Hannover / Günnigfelder Straße 251 / 44793 Bochum


 

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