Der Kiepenkerl bloggt: Gerätemedizin

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In gastroenterologischen Gemeinschaftspraxen ist der medizinische Ausbeutungskoeffizient eine Zielgröße, die die Abschöpfung von Kassenleistungen zur Gewinnoptimierung beschreibt. Der Systemerfolg hängt von der Möglichkeit zur maximalen Nutzung vorhandener Untersuchungsgeräte ab, für die die Krankenkassen üppige Festbeträge zahlen. Der dokumentierte Befund jeder Einzeluntersuchung spielt konzeptionell eine untergeordnete Rolle – entscheidend ist, dass das gesamte Diagnosepotential abrechnungstechnisch optimal ausgeschöpft werden kann. Im Ergebnis bedeutet das, dass die Häufigkeit der Gerätenutzung vor allem vom ökonomischen Ziel der Gewinnmaximierung bestimmt wird. Böse Zungen behaupten, dass auch bei Universitätskliniken und Krankenhäusern die Tendenz feststellbar ist, Patienten als Beute zur besseren Geräteauslastung in Geiselhaft zu nehmen.

Grafik: Wikimedia Commons

Den Krankenkassen bleibt als Kummerausgleichsposten nur die Beitragserhöhung, denn Wirtschaftlichkeitskontrollen der abgerechneten Indikationen sind standesrechtlich nicht vorgesehen. Bei diesem genialen Selbstbedienungsmodell handelt es sich um eine topärztlich-adäquate Behandlungs-Usance (TABU). Ebenso wie bei anderen TABUs ist der ego-intensive Gerätegebrauch durch die ärztliche Schweigepflicht und das Krähenprinzip gegen Kürzungen abgesichert.

Der Grundsatz „highest first“ gewährleistet, dass die teuerste Untersuchung zuerst durchgeführt wird – meist über den rektalen Start. Der Weg durch die Hintertür erspart den behandelnden Ärzten darüber hinaus eine aufwändige Analyse der vom Patienten beschriebenen Bauchsymptome und gewährleistet zudem, dass auch bei einem unübersehbar positiven Ergebnis eines folgenden Diagnoseschritts die teuerste Applikation abgerechnet werden kann. Kontraproduktiv für den Auslastungsfaktor sind Überweisungen von praktischen Ärzten, die eine bestimmte Untersuchung vorschreiben. Diese Bevormundung schränkt die Wahl der abzurechnenden diagnostischen Maßnahmen unangemessen ein. Die Zertifizierung der medizinischen Dienstleistungen nach dem Qualitätsmanagementsystem DIN EN 15224 schränkt das Honorarstripping ebenfalls deutlich ein.

Nach überraschenden Erkenntnissen von Prof. Dr. von den Socken ist die gruppendynamische Ausrichtung einer Praxis entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg. Patienten können den Versorgungscharakter der zu erwartenden Prozeduren an der Ärztezahl auf dem Praxisschild abschätzen. Die Durchführung der Untersuchungen von verschiedenen Ärzten nach dem Rotationsprinzip führt dazu, dass die zu Beginn spärlich erfragten Symptome der Patienten in Vergessenheit geraten und so den weiteren gewinnbringenden Ablauf nicht stören. Dieses Schicksal teilen die bei Untersuchungen festgestellten sinnvollen weiteren Diagnoseschritte. Insider sprechen von retardierender Diagnostik (franz. retarder, „zurückstellen“).

Die Rede- und Berichtspflicht des Ärzteteams gestaltet sich für den Patienten erträglich, weil sie sich der okkulten Ausdrucksweise der Spezialisten bedient. Die expertöse Reportingform gibt allein dem Fachmann verwertbare Hinweise auf bestehende Erkrankungen und deren mögliche Ursachen. Im digitalen Zeitalter gehen die Koryphäen vermutlich davon aus, dass der Patient die Diagnose zur Selbstmedikation im Internet nachgoogelt.

Die Arztberichte von Gerätemedizinern sind wegen der Banalität oder des Null-Informations-Wertes ihrer Feststellungen nicht selten eher ein Mittel zur Verhütung als zur Gewinnung von Erkenntnissen. Weil Fachärzten, ähnlich wie Juristen, kein fremdes Sachgebiet bekannt ist, bleibt nur zu hoffen, dass der für das Abschlussgespräch mit dem Patienten auserkorene Arzt als Mediator seine mühsam beherrschte Meinung noch mit den Einzelreports der Kollegen abgleicht, um vielleicht doch noch zu einem verwertbaren Gesamtergebnis für die Weiterbehandlung zu gelangen.

Versicherung: Ich versichere, dass die satanischen Zeilen dieser Glosse rein platonisch sind. Ein Zusammenhang mit der ärztlichen Praxis ist weder gewollt noch zufällig. Jeder Bezug zu Lebenden, Verschollenen oder Verstorbenen wird energisch bestritten.


 

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