Herford: Kreativer Umgang mit Fotografie

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Herford – Die Galerie AC Tholen in Herford zeigt vom 20. Februar bis 2. April 2016 die Ausstellung „Misunderstanding Photography“.

„Fotografie ist das Produkt der vollständigen Entfremdung“, sagte Proust, vielleicht musste er es sagen, denn ihre Anerkennung als vollgültiges ästhetisches Medium war um und bis weit nach 1900 noch die absolute Ausnahme, erst die Surrealisten trainierten einen produktiven Umgang mit ihr. Diese Tradition führt denn auch direkt zu den von Claus-Dieter Tholen versammelten Arbeiten.

Foto: Hans Breder - Body Sculpture 1971

Foto: Hans Breder – Body Sculpture 1971

Ein kurzer Blick: Hans Breder, Herfords großer Entlaufener, variiert den Mythos, Narziss oder Aphrodite mit verdecktem Gesicht (Body Sculpture, 1971), dazu ein Videostill von 1998, dass das Spiegelungsthema in der Dopplung des Gesichts wieder aufnimmt und zugleich überhöht. Wer zudem hätte gedacht, dass diese ursprünglich bloß pikturale Gebrauchsform des Monumentalen fähig ist?

Fleischmanns Post mit Boxerbildern, wenn du nicht aufpasst, gibt’s was auf’s Maul, ein kurzer rechter Jab, seit George Bellows ist das Thema kunstfähig, oder seine Fundsache 1999, der anonyme Unfall als le moment décisif, doch nicht absehbar, wie es weitergeht – surreal eben. Fotos stellen immer die Frage nach Spiegelung, Verdopplung und Identität.

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Hans Breder - Videostill - Portrait of Rosa 1998

Hans Breder – Videostill – Portrait of Rosa 1998

Klaus Becks Zwei Treffer, aber vier Löcher. Loch ist immer gut. Und Fokussierung: Who’s zoomin‘ who?, Osmar Osten kneift vor der Linse, extra für Tholen ein Gimmick in diesem Medium. Warhols Serialität eines (fast) Gesichtslosen, gueules coupées, der Blumes obszöne Un=Gleichung phallischer Signifikanten (Lacan, ick hör‘ dir trapsen), auch Weizenfeld substituiert, hier als Camouflage. Sehen Sie mal näher hin.

Barthes‘ punctum, das muss jetzt wohl kommen, die Fotografie ein Theoriemedium? – Aber sicher. Aus Theorie geboren, wieder hinführend zu ihr, viel interessanter deshalb Mel Bochners Fluxus-Arbeit von 1964, die in Parodie auf Notate aus Zettelkästen, also einem Kohärenzbemühen, denkerische Schwergewichte, deren Lehren in dieser Welt niemals zusammengehen werden, auf einem Blatt montiert.

Mel Bochner - Missunderstandigs A Theory of Photography 1964

Mel Bochner – Missunderstandigs A Theory of Photography 1964

So fliegt uns alles um die Ohren. Misunderstanding Photography? Es kann gar nicht anders sein, Beat Wyss teilt mit, wenn überhaupt ein Richtungssinn der neueren Kunsthistorie erkennbar sei, so der des produktiven Missverständnisses, das Artefakt als „abgespaltene Gedächtnisschramme“ wartet nur darauf, „mit dem Neuen angefüllt zu werden“. Daher keine konkreten Deutungsangebote, unübersehbar nur: Identität und Medialität, das ist ziemlich dick, doch es spricht für den Galeristen und seine Exponate, dass ihnen durchweg komisch-humoristische Obertöne eignen. Und das ist gut so, denn man vergisst viel zu oft, den Bierernst der Klassischen Moderne und seiner Künstler-Priester, man kauft ihn längst nicht mehr ab. (Ingo Meyer)

Ausstellungseröffnung am 19. Februar 16 ab 19 Uhr, Einführung gegen 19:30 Uhr

Ausstellung vom 20. Februar bis 2. April 2016

Galerie AC / Claus-Dieter Tholen /


 

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