Michael Rickert: Der Künstler als Alchemist

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Westfalen – Der Künstler Michael Rickert aus Münster ist im besten Sinne tiefgründig: Seine Kunst erlaubt Blicke in die Unendlichkeit, spielt mit Assoziationen und philosophischen Bezügen. Dem Betrachter bietet der vielseitig Interessierte und Bewanderte als Geograph, Geologe, Philosoph, Kunsthistoriker, Kunsterzieher und Künstler innere Spielräume, um sie wirken zu lassen. Seine aktuelle Ausstellung im Kunsthaus der Stadt Bocholt trägt nicht von ungefähr den vieldeutigen Titel „Endlich – Unendlich“. Sie ist noch bis zum 31. Januar 2016 in Bocholt zu sehen.

Arbeit von Michael Rickert - Foto: Michael Rickert

Arbeit von Michael Rickert aus dem Jahr 2013 – Foto: Michael Rickert

Bei der Vernissage Anfang Dezember des vergangenen Jahres näherte sich der einstige Lehrer an der Düsseldorfer Kunstakademie Abteilung Münster, Professor Udo Scheel, dem Werk seines ehemaligen Schülers und geizte nicht mit inspirierenden Bezügen und Vergleichen aus der Kunstgeschichte.

Professor Udo Scheel bei seiner Laudatio in Bocholt - Foto: K-H. Schmalzried, 2015

Professor Udo Scheel bei seiner Laudatio in Bocholt (von links: Kuni und Michael Rickert) – Foto: K-H. Schmalzried, 2015

Scheel ordnete Rickert mit seiner experimentellen, ja alchemistischen Arbeitsweise gleich neben Jackson Pollock und Max Ernst ein. Er zeigte sich einbeeindruckt von der Arbeitsintensität und Kontinuität des kreativen Geistes, Künstlers und Kunsterziehers. „Mehr als 70 malerische Werke, die sich, wie heute, sehen lassen können, entstehen in einem Jahr. Fortlaufende Werkprozesse der besonderen Art, aufwändig, unter Einsatz kostbarer, teurer Pigmente: Lapislazuli, Malachit, Zinnober, Purpur… “

Besucher bei der Ausstellungseröffnung - Foto: k.-H. Schmalzried, 2015

Besucher bei der Ausstellungseröffnung – Foto: K-H. Schmalzried, 2015

Scheel warf bei seiner Laudatio ein Schlaglicht auf die experimentelle Entdeckerfreude des Künstlers Michael Rickert. „Unbestreitbar ist, dass mehrere Werke gleichzeitig erarbeitet werden müssen. Materialien müssen trocknen, abbinden; der Grund für eine weitere Schicht muss gefestigt sein, damit Wirkungen wie Emaille, keramische Glasuren: Seladon, Rosenquarz wie aus der Ming-Zeit oder Perlmutt, mineralische, fein nuancierte Mischtöne erscheinen können.“ So entstünden jene faszinierenden Oberflächen mit Tiefgang.

Michael Rickert: Sturz der Engel

Michael Rickert: Sturz der Engel

Michael Rickert nutzt bei seiner Arbeit experimentelle Verfahren mit offenem Ausgang: individuell kombinierte, ausgewählte Materialien, mineralische und pflanzliche Pigmente, „magische“ Mixturen und Rezepturen. Er läßt Farben auf der Leinwand miteinander reagieren, die sich eigentlich überhaupt nicht vertragen. Das meiste ist geplant, aber das Ergebnis dem Zufall überlassen und daher mit ungewissem Ausgang. Scheel: „Mit seinen experimentellen Laborversuchen unter den Bedingungen des Tafelbildes, nämlich, dass jedes Bildelement konstitutiv für das Ganze ist, steht der Künstler in der Tradition der Materialbilder, der Assemblagen eines Tapies oder eines Dubuffet, der ins Plastische erweiterten Collage von Picasso bis zu den Combine paintings eines Rauschenberg. Auch Amseln Kiefer mit seinen Applikationen und Einarbeitungen abgestorbener Lebensreste, darf als Zeitgenosse genannt werden.“

„Die Idee der ecriture automatique ist, dass der beabsichtigte Kontrollverlust im Arbeitsprozess etwas zum Vorschein bringt, das wir nicht wissen, das wir nie gesehen haben. So kann sie auch ein Fenster zum Traum, zum Absurden, zur Ahnung, zum Visionären öffnen.

Übereinandergelegt reagieren Farben und Stoffe miteinander: Gouache, Ölfarbe, Pigmente, Binde- und Lösungsmittel, deren aggressive Inter-Reaktionen teilweise auf die Bildrückseiten durchschlagen. Durch Transparenz und chemische Reaktion entstehen nie gesehene Farb- und Materialwirkungen. Dinge ’sinken‘ auf den Bildgrund, werden eingearbeitet und überlagert, übermalt.“

Michael Rickert: Gemälde mit Rosenblättern, 2015

Michael Rickert: Gemälde mit Rosenblättern, 2015

Udo Scheel wies in seiner Einführung darauf hin, dass es bei Rickert Werkgruppen, auch Polyptichen, gibt, die ganz ohne die traditionellen Werkzeuge, Pinsel und Spachtel entstanden sind. „Pollocks Dripping hat Pate gestanden, aber Rickert hat darüber hinaus ein ganzes Repertoire der Flächenbehandlung und des Farbauftrags erfunden: Tropfen, Schleudern, Schütten.“

Bei Michael Rickert wird das Atelier zum Labor. „Hier treffen nicht hart im Raum die Sachen aufeinander, sondern das Material lagert sich, Schicht um Schicht auf der Fläche ab. Farbe, Pigmente, Erden, Mineralien Metalle, Gegenstandsreste, Knochen, Federn, Münzen, ja Hartgeld.“

Arbeit von Michael Rickert aus dem Jahr 2015

Arbeit von Michael Rickert aus dem Jahr 2015

Udo Scheel weiter: „Rickert feiert in seiner Malerei die Metamorphose, die Wandelbarkeit und Vergänglichkeit irdischer Erscheinungen und Stoffe. Der Kontinuität des Wandels entspricht die Kontinuität seiner künstlerischer Prozesse. Er beschleunigt und variiert Naturvorgänge, erfindet neue Versuchsanordnungen und fixiert sie. Das führt ihn zu lebendigen Strukturen und ungewöhnlichen Farben.“

Zugleich warnte der Laudator aber auch vor der Frage: Was hat der Künstler sich dabei gedacht. „Eins ist gewiss: ein Bild bleibt ein Bild, was auch immer wir dazu bemerken. Die Assoziationen gehören nicht zum Bild, sie gehören zu uns, den Betrachtern. Die Intentionen des Künstlers finden ihren alleinigen Ausdruck im Bild, nicht in Absichten, Programmen und Umschreibungen.“

Udo Scheel ermutigte die Kunstinteressierten sich auf einen Entdeckungsprozeß einzulassen, denn „Rickert ist der zum Meister avancierte Zauberlehrling, der die von ihm gerufenen Geister nicht fürchtet.“

Veranstalter der Ausstellung ist der EUREGIO-Kunstkreis Bocholt.

Die Ausstellung ist auf vielfachen Wunsch bis zum 31. Januar 2016 verlängert.

Kunsthaus Stadt Bocholt / Osterstr. 69 / Bocholt

Telefon 02871 – 7987

Öffnungszeiten: Di – So von 11 bis 13 Uhr und von 15 bis 18 Uhr

 

 

 


 

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